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Nahost:Uni auf Pump

PPU

Weil viele junge Männer lieber gleich einen Job suchen, sind Frauen an palästinensischen Universitäten in der Mehrzahl - an der Polytechnischen Hochschule in Hebron sind es sogar 90 Prozent.

(Foto: PPU)

Die palästinensischen Hochschulen sollten Leuchttürme eines Staates werden, den es bis heute nicht gibt. Ihre Lage wird immer schwieriger, manche Unis können ihre Professoren nicht mehr bezahlen.

Rami Arafeh führt fast tänzelnd durch das vierstöckige Gebäude, öffnet immer wieder eine Tür. In einigen Laboren wird schon gearbeitet, in anderen stehen die Geräte noch eingeschweißt herum. Der ganze Stolz des Biologen, der an der Universität Mainz promoviert hat, ist sein "Pflanzenkönigreich" im obersten Stockwerk. In beleuchteten Glaskästen werden seltene Pflanzen wie die Schwarze Iris gezüchtet und ihre Struktur erforscht.

Das neue Biotechnologiezentrum der Palästinensischen Polytechnischen Universität (PPU) wurde Ende Juli offiziell eingeweiht, es ist eine Schenkung Südkoreas. Drei Millionen US-Dollar wurden für das Gebäude und die Ausstattung zur Verfügung gestellt. "Unser Ziel ist es, ein Exzellenzzentrum mit internationaler Anerkennung zu werden", sagt Arafeh.

Gründungswelle nach dem Oslo-Friedensprozess

7000 Studierende sind an der Universität in Hebron im Westjordanland eingeschrieben. Auf dem Campus werden Studiengänge in Naturwissenschaften, Ingenieur- und Computerwissenschaften sowie im Gesundheitsbereich angeboten. Seit 1999 ist es eine Volluniversität.

Die PPU, wie sie genannt wird, ist eine der insgesamt 15 Universitäten in den palästinensischen Gebieten. Die ersten entstanden in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts, eine zweite Gründungswelle folgte in den Neunzigern nach dem Beginn des Oslo-Friedensprozesses. Die Universitäten sollten die Leuchttürme eines palästinensischen Staates sein. Doch je länger es diesen Staat nicht gibt, desto schwieriger wird es für die Bildungseinrichtungen. Sie haben mit Finanzproblemen zu kämpfen - und mit den Auswirkungen der israelischen Besatzung.

Schenkungen wie das Biotechnologiezentrum der PPU und einzelne moderne Gebäude können nicht über die schwierige Situation hinwegtäuschen. Internationale Geldgeber und wohlhabende Palästinenser, die im Ausland leben, fördern zwar einmalige Infrastrukturmaßnahmen, tragen aber nicht zu den laufenden Kosten bei. Rund 90 Prozent des Gesamtbudgets machen die Personalkosten aus.

Imad Khatib, der Präsident der Universität in Hebron, hat einen Kredit über eine Million US-Dollar aufgenommen, weil er die Gehälter nicht mehr zahlen konnte. "Es ist nicht einfach", erklärt der Energieexperte, der am Karlsruher Institut für Technologie promoviert wurde. Alleine die Kosten für den Pensionsfonds verschlingen 2,5 Millionen Dollar pro Jahr. "Wie ich die Gehälter nach der Sommerpause bezahlen soll, weiß ich noch nicht", sagt Khatib.

Gehälter können nicht gezahlt werden

Die meisten palästinensischen Hochschulen sind Privateinrichtungen gemeinnütziger Art. Viele wurden mithilfe von Nichtregierungsorganisationen oder Stiftungen gegründet. Sie werden in einer Public-private-Partnership betrieben und, wenn überhaupt, nur in bescheidenem Ausmaß öffentlich gefördert. Seit Frühjahr hat die palästinensische Autonomiebehörde wegen finanzieller Schwierigkeiten die Überweisungen fast zur Gänze eingestellt. An einzelnen Universitäten ist es bereits zur Beeinträchtigung des Universitätsbetriebs gekommen, weil die Gehälter der Bediensteten nur teilweise oder gar nicht ausbezahlt werden. Die PPU in Hebron bekommt nach Angaben des Universitätspräsidenten bereits seit vier Jahren kein Geld aus Ramallah mehr.

Die Rolle der palästinensischen Autonomiebehörde ist weitgehend auf die Schaffung der Rahmenbedingungen und deren Kontrolle beschränkt. Da es mehr Interessierte als Studienplätze gibt, besteht große Nachfrage. Mehr als 213 000 Studierende sind derzeit eingeschrieben. Der Zugang ist durch einen generellen Numerus clausus geregelt, der sich an der Note des Abiturs, des "Tawjihi", orientiert.

2000 Euro Studiengebühren pro Jahr

Universitäten in den palästinensischen Gebieten finanzieren sich vor allem aus Studiengebühren, ihr Anteil am Budget beträgt zwischen 60 und 80 Prozent. Ein Studienjahr an der PPU kostet etwas unter 2000 Euro. Die Kosten für einen Bachelor liegen im Westjordanland je nach Universität und Fach zwischen 4000 und 12 000 Euro. Ein Masterabschluss kostet bis zu 19 000 Euro. Medizin-Abschlüsse sind mit bis zu 40 000 deutlich kostspieliger.

Wer gut genug ist, kann sich um einen Studienplatz im Ausland bewerben. Deutschland bietet die meisten Stipendien an, der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) ist für viele deshalb die erste Anlaufstelle. 800 Alumni aus Deutschland sind in den palästinensischen Gebieten zu finden, ein Großteil davon ist nach dem Aufenthalt in Deutschland an eine Universität in der Heimat zurückgekehrt. Da viele im Ausland promoviert wurden, hilft das, die Qualität der Lehre und Forschung in den palästinensischen Gebieten zu heben. Nur ein gutes Viertel der rund 8000 Hochschullehrer verfügt über eine Promotion.

Etwa ein Dutzend ehemaliger DAAD-Stipendiaten hat sich an diesem Nachmittag in einem Hörsaal versammelt, 28 der Hochschullehrer der PPU haben in Deutschland studiert. Fast jeder betont, wie dankbar er für die Zeit an einer deutschen Universität ist. Die Art, wie in Deutschland geforscht wird, und die Verbindungen, die zu Unternehmen bestehen, sind für die meisten die wichtigste Erfahrung, die sie in ihre Heimat mit zurückgenommen haben.

Forschungsaktivitäten haben an den palästinensischen Universitäten eine nachrangige Bedeutung, im Mittelpunkt steht der Lehrbetrieb. Der Andrang an den Universitäten nimmt jedes Jahr zu, weil sich viele davon bessere Jobchancen erhoffen. Die Arbeitslosenquote liegt in den palästinensischen Gebieten bei rund 30 Prozent.

Studieren und dann so schnell wie möglich ins Ausland

Aber auch ein Hochschulabschluss bietet keine Jobgarantie, viele nutzen ihn als Sprungbrett ins Ausland. Laut Erhebungen des palästinensischen Hochschulministeriums finden von den jährlich rund 30 000 Absolventen der Einrichtungen der höheren Bildung - wozu auch Colleges gehören - nur etwa 3000 einen angemessenen Arbeitsplatz. Weil junge Männer sich nach dem Schulabschluss lieber gleich auf Jobsuche begeben, liegt der Frauenanteil an den palästinensischen Universitäten bei 60 Prozent. Im neuen Biotechnologie-Zentrum in Hebron liegt ihr Anteil sogar bei 90 Prozent, erklärt der Biologe Arafeh.

Zum Artikel von A. Föderl-Schmid

"Unser Ziel ist es, ein Exzellenzzentrum mit internationaler Anerkennung zu werden", sagt Rami Arafeh, Biologe an der Universität Hebron.

(Foto: Alexandra Föderl-Schmid)

Der Hauptgrund, warum Jobs für Akademiker fehlen, sind die wirtschaftlichen Restriktionen und Sanktionen seitens der israelischen Besatzungsmacht. Der Waren- und Geldfluss ist eingeschränkt, im Gazastreifen wird die Einfuhr sämtlicher Waren durch die Blockade Israels und Ägyptens erschwert. Das betrifft auch die Universitäten, die auf Material aus dem Ausland angewiesen sind.

Vor allem in politisch angespannten Zeiten sei es schwierig, einen geregelten Universitätsbetrieb aufrechtzuerhalten, erklärt PPU-Präsident Khatib. Immer wieder würden israelische Soldaten den Zugang zur Universität für Studierende blockieren. Vor Kurzem haben israelische Soldaten auf dem Gelände der Birzeit-Universität bei Ramallah Razzien durchgeführt.

Von all den Schwierigkeiten ringsum will sich der Biologe Arafeh nicht abhalten lassen. Er hofft, mit dem Biotechnologie-Zentrum in Hebron zeigen zu können, "dass auch in den palästinensischen Gebieten Spitzenforschung betrieben werden kann". Der auf die Verbreitung von Pflanzen spezialisierte Wissenschaftler will vom Aussterben bedrohte Fauna retten. Er will mit seinen Forschungen aber auch dazu beitragen, dass die Landwirtschaft in den palästinensischen Gebieten florieren kann. "Das ist unser Beitrag zu einem Staat, auf den wir noch immer warten."

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