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Führungschaos an der Uni Göttingen:"Wir müssen anschaffen gehen"

Die altehrwürdige Universität Göttingen, eröffnet 1737, befindet sich in der Führungskrise.

(Foto: Frank Stefan Kimmel)

Eine Gruppe Professoren rebelliert gegen die Wahl des neuen Uni-Chefs - und meint eigentlich die moderne Hochschulkultur. Szenen einer Posse, in der es immer auch ums Grundsätzliche geht.

Thomas Kaufmann hat sich gerade erst hingesetzt, da bricht es aus ihm heraus. "Es geht um unser Ethos als Hochschullehrer", ruft der Kirchenhistoriker. "Unser Beruf genoss einmal großes Ansehen. Wir müssen uns den Respekt zurückholen. Vor allem aber unsere Selbstachtung."

Ein Hinterzimmer in der Göttinger Akademie der Wissenschaften, um den runden Tisch drängen sich fünf Professoren. Sie haben in den vergangenen Wochen Schlagzeilen gemacht. Vier von ihnen haben die bundesweit beachteten Proteste gegen die Wahl des Wirtschaftswissenschaftlers Sascha Spoun zum Göttinger Universitätspräsidenten angeführt. Der fünfte hat das Verfahren schließlich mit seiner Konkurrentenklage zum Einstürzen gebracht. Seitdem befindet sich die Universität in einer Führungskrise. Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) drohte zuletzt sogar mit der vorübergehenden Einsetzung eines Staatskommissars.

Was ist los, fragen sich viele an der 1737 eröffneten Universität, die bis heute zu den forschungsstärksten gehört und doch zuletzt Enttäuschungen in Serie verkraften musste: 2012 verlor sie den Titel "Exzellenzuniversität", 2017 und 2018 wurden fünf von sechs Anträgen für sogenannte Exzellenzcluster aussortiert. Die eine Bewilligung reichte nicht einmal, um erneut ins Exzellenzrennen gehen zu dürfen.

"Schmierenkomödie"

Wenn es einen Wortführer unter den Protest-Wortführern gibt, ist das Thomas Kaufmann: beiges Sacko, runde Brille, verwuschelte Haare. Der 57 Jahre alte Theologieprofessor hat zu Martin Luther und dessen Aufbegehren gegen die Obrigkeit geforscht. Wie Luther neigt auch Kaufmann zu drastischen Formulierungen. In einem Leserbrief im Göttinger Tageblatt nannte er die Wahl Spouns eine "Schmierenkomödie"; Minister Thümler, der sich öffentlich um die Reputation der Universität sorgte, entgegnete er, das glaube keiner, "dessen IQ über der Zimmertemperatur liegt". Als Spoun sich vor der Wahl dem Senat präsentierte, löcherte Kaufmann ihn mit Fragen. Als die Wahl durch war, zog Kaufmann los und organisierte den Widerstand.

49 Professoren unterschrieben eine Protestnote, die das Wahlverfahren als "zutiefst illegitim" geißelte. Senat und Stiftungsausschuss hätten Bitten nach einer angemessenen öffentlichen Vorstellung Spouns vor der Wahl ignoriert. Es widerspreche demokratischen Usancen, dass ein einziger Kandidat nominiert worden sei, der zudem wesentliche Anforderungen der Stellenausschreibung nicht erfülle. Die Protestnote brachte bundesweite Beachtung, dabei nannte sie gerade mal vier Unterzeichner namentlich: Kaufmann, dazu Martin Laube und Reinhard Kratz, beide ebenfalls Theologieprofessoren, und die Mathematikerin Dorothea Bahns.

Der Rebellenführer: Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann.

(Foto: Adrienne Lochte/Akademie der Wissenschaften zu Göttingen)

Sechs Wochen danach sitzen sie nun zusammen und versuchen zu erklären, worum es ihnen eigentlich ging. "Wir begehren gegen ein System auf, das uns Professoren zu Empfängern von Managementvorgaben macht", sagt Kaufmann. Über Zielvereinbarungen etwa, mit denen Professoren versprechen müssten, eine bestimmte Menge an Fördergeldern einzuwerben. "Das sind für mich Prostituierungsphänomene der Wissenschaft!" ruft Kaufmann. "Wir müssen anschaffen gehen, um am Ende ein paar Zulagen zu bekommen. Das können Sie ruhig so zitieren." Bahns, Kratz und Laube schauen etwas betreten, doch widersprechen wollen sie Kaufmann nicht.

Wie soll eine Uni funktionieren?

Es ist ein Konflikt, der an Universitäten bundesweit schwelt. In der traditionellen Universität fungiert ein Professor als Primus inter Pares für ein paar Jahre als Präsident oder Dekan, um dann in die Forschung zurückzukehren. Doch seit Forschungsgelder mehr und mehr im Wettbewerb vergeben werden und statt einzelner Forscher große Verbundprojekte im Fokus der Forschungsförderung stehen, haben sich auch die Führungsstrukturen verändert. Viele Universitäten sind unternehmensähnlicher geworden - mit Präsidien, in denen sich mehr Macht konzentriert als früher. Vielfach kontrolliert sie auch nicht mehr das Wissenschaftsministerium, sondern ein vom Ministerium bestellter Hochschulrat. Das Stiftungsmodell, wie es zum Beispiel 2003 in Göttingen eingeführt wurde, trieb das neue Modell auf die Spitze. Viele Professoren sehen darin einen Gewinn an Wissenschaftsautonomie und Professionalität, andere halten eine solche Organisationsform für eine Gängelung der Wissenschaft - und ihrer persönlichen Arbeit.

Selten jedoch tritt der Konflikt so offen zutage wie in Göttingen, wo die Nerven wegen der Exzellenzmisserfolge schon vorher blank lagen. Der bisherigen Präsidentin Ulrike Beisiegel wurde Beratungsresistenz vorgeworfen. Sie erklärte nach dem Debakel, wohl unter Druck, vorzeitig ihren Rückzug. Immerhin sei Beisiegel eine respektierte Forscherpersönlichkeit gewesen, wie sie an die Spitze einer führenden Forschungsuniversität gehöre, sagt Reinhard Kratz. Spoun, der Wissenschaftsmanager, erfülle dieses Kriterium, das auch in der Ausschreibung gestanden habe, dagegen nicht. Fast klingt es, als hätten die vier Spouns Wahl als persönliche Kränkung empfunden.

zje123 Sascha Spoun ist seit 2006 Präsident der Leuphana Universität Lüneburg und trat als Deutschla

Der verhinderte Präsident: Wissenschaftsmanager Sascha Spoun.

(Foto: Hubert Jelinek/imago images)

Ihr Protest fiel so plakativ aus, dass der Deutsche Hochschulverband (DHV), die Bundesvertretung der Universitätsprofessoren, signalisierte: Wenn es gelinge, einen unterlegenen Mitkandidaten zu einer Konkurrentenklage zu bewegen, werde der DHV wegen der vielen betroffenen Wissenschaftler finanziell helfen. Es gelang: Der Bewerber, den die Findungskommission früh aussortierte und den Kaufmann und Co. zur Klage animierten, sitzt mit am Tisch an diesem Tag. Er sagt: "Ich wusste natürlich, dass ein Königsmörder anschließend nie selbst König wird." Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen.

Seine Klage führte dazu, dass die Universität den Auswahlprozess lückenlos dokumentieren sollte, was sie nicht konnte. Wenn derart schwerwiegende Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Besetzungsverfahrens vorlägen, "kann und will ich für dieses Amt nicht zur Verfügung stehen", sagte Spoun, der sein Amt als Präsident der Leuphana-Universität Lüneburg nun weiter ausüben will. Keine einfache Rückkehr, dabei trifft Spoun keine Verantwortung für die Lage in Göttingen. Kurz nach seiner Ankündigung stellte der Stifungsratsvorsitzende Wilhelm Krull sein Amt zur Verfügung.

Wilhelm Krull

Die Symbolfigur der unternehmsartigen Universität: Wilhelm Krull.

(Foto: dpa)

Vor allem Krull, im Hauptamt Generalsekretär der Volkswagen-Stiftung, war für die Protest-Wortführer die Verkörperung der Stiftungsuniversität. Haben sie damit ihr Ziel erreicht? Nein, sagt Thomas Kaufmann. Erst müsse der gesamte Senat zurücktreten. Der habe bei Spouns zweifelhafter Wahl mitgemacht und genieße ebenfalls keinerlei Vertrauen mehr.

Für wen sprechen die Rebellen?

Wobei: Wessen Vertrauen eigentlich? 482 Professoren gibt es in Göttingen, doch auf mehr als 49 Unterzeichner kamen die Protestierer nicht. Sie sagen: Zähle man alle Aufrufe und Wortmeldungen zusammen, ergebe das 150 Namen. Nachprüfen lässt sich das nicht. Dazu kommt: Studierende fehlten bei den Protesten völlig, vom Mittelbau kam eine einzige Wortmeldung: Man solle die Krise nutzen, um Stellen zu entfristen. Schwingt sich hier ein kleiner Klub von Professoren dazu auf, für "die Universität" zu sprechen - und spricht in Wirklichkeit vor allem für sich selbst?

So sieht das jedenfalls Stefan Treue. Der Neurowissenschaftler ist Professor an der Universität und zugleich Direktor des zur Leibniz-Gemeinschaft gehörenden Deutschen Primatenzentrums. Und er ist einer der wenigen führenden Wissenschaftler in der Stadt, die im Moment zu einem Interview bereit sind. "Ich finde es enttäuschend", sagt Treue, "wenn da eine nicht repräsentative, aber lautstarke Gruppe ihr wesentliches Ziel in einem Kahlschlag der universitären Leitungsgremien sieht, ohne eine erkennbare Vision dafür zu präsentieren, wie eine zukunftsfähige moderne Universität danach aussehen soll."

Treue hat einen der gescheiterten Exzellenzanträge federführend mitgeschrieben - genau wie Kaufmann, der so demonstrativ gegen die Drittmittelkultur aufbegehrt. Doch scheinen Treue und Kaufmann mit ihrer Enttäuschung sehr unterschiedlich umzugehen. Er persönlich, sagt Treue, habe Spoun für eine gute Wahl gehalten. An die Spitze einer Forschungsuniversität gehöre ein herausragender Wissenschaftsmanager mit klaren Vorstellungen. "Die Zeiten von Ordinarienuniversitäten, von denen da manche träumen, sind vorbei", sagt Treue. "Zum Glück!"

Nun wird Naturwissenschaftlern nachgesagt, sie hätten eine höhere Affinität zum Einwerben von Forschungsgeldern und zu managementähnlichen Führungsstrukturen, während die Geisteswissenschaften die neue Wissenschaftswelt und ihren damit einhergehenden Machtverlust nur schwer verkraften könnten. Doch selbst ob Kaufmann und seine Mitstreiter für die Mehrheit ihrer geisteswissenschaftlichen Kollegen sprechen, ist fraglich: Wer einen Spaziergang rund um das klassizistische Hauptgebäude macht, trifft vor allem auf Wissenschaftler und Unimitarbeiter, die abwechselnd mit den Schultern zucken oder den Kopf schütteln und nicht wissen, was das ganze Theater soll.

"Wir dachten, wir machen es richtig"

Wilhelm Krull, der ehemalige Stiftungsratsvorsitzende, sagt, das mit der fehlerhaften Dokumentation hätte nicht passieren dürfen. "Wir dachten, wir machen es richtig. Wir sind als Findungskommission den Empfehlungen der Personalberatungsfirma und der Rechtsabteilung der Universität gefolgt." Seinen Rücktritt halte er dennoch für angemessen, er trage die politische Verantwortung. Zur Wahrheit, sagt Krull, gehöre aber, "dass es den Protestführern nie um das Wahlverfahren ging, sie haben nur ein Schlupfloch gesucht, um ihre persönlichen Interessen durchzusetzen. Sehr erfolgreich, muss man sagen".

Direkt nach Spouns Rückzug hatte Krull gesagt: Vor dem Hintergrund der Vorkommnisse werde sich vermutlich kein externer Bewerber mehr für das Präsidentenamt zur Verfügung stellen. Sehr zum Ärger von Kaufmann und Co: Es sei doch skurril, wenn Krull so tue, als hätten die Proteste gegen eine illegitime Wahl einen Imageschaden verursacht. "Ein Imageschaden droht nur, wenn wir die hervorragende Universität Göttingen durch eine verfehlte Governance weiter daran hindern, ihre Forschungsstärke auszuspielen", sagt Kaufmann. Wenn man die Scherben, die Krull und seine Verbündeten angerichtet hätten, nun ordentlich beseitige, kämen die Spitzenbewerber von selbst.

Vorerst scheint Krull recht zu behalten. Es zeichnet sich eine Interimslösung ab. Der emeritierte Max-Planck-Direktor und Göttinger Professor Reinhard Jahn soll Übergangspräsident werden, Krulls Sitz im Stiftungsrat soll Peter Strohschneider übernehmen, der noch bis Ende des Jahres die Deutsche Forschungsgemeinschaft führt. Beide sind selbst herausragende Forscher gewesen. Sollte es so kommen, könnte man ihre Nominierung als Friedensangebot an die Protestierer deuten.

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