Süddeutsche Zeitung

Umgang mit Plagiaten:"Die Universitäten haben keinen Bock mehr"

Prüfverfahren, die sich schier endlos hinziehen, und Professoren, die straffrei abschreiben: Drei Jahre nach dem Beginn der Guttenberg-Affäre packt Plagiatsexperten die Wut. Sie werfen den Universitäten Untätigkeit vor.

Da ist dieser Fall an der Universität Bonn, Martin W. hatte seine zeitgeschichtliche Doktorarbeit 2009 veröffentlicht. Zwei Jahre später prüften Plagiatesucher der Plattform "Vroniplag" das Werk - und fanden viele anrüchige Stellen. Seit 2011 sind die Ergebnisse für jedermann zu sehen. Zur Sicherheit informierte Debora Weber-Wulff aber auch noch die zuständige Universität Bonn. Doch fast drei Jahre nach der Aufdeckung ist noch immer nichts entschieden, kein Titelentzug, kein Freispruch.

"Ich habe jetzt eine Art Mahnwesen eingeführt", sagt Weber-Wulff. Sie ist Professorin für Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, Mitglied im Vroniplag-Team - und eine der prominentesten Plagiatsexperten der Republik. Vor allem aber ist sie ernüchtert. "Es ist sehr traurig, wie nachlässig einige Universitäten immer noch mit Plagiatsfällen umgehen", sagt sie.

Vor nun drei Jahren entspann sich die Plagiatsaffäre des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Der CSU-Politiker hatte seine Doktorarbeit dreist zusammengeräubert und ähnlich dreist versucht, das Problem kleinzureden. Nach heftigen Protesten von Wissenschaftlern bis hin zu Unionspolitikern trat er zurück. Mit diesem Präzedenzfall verbindet sich seitdem die Hoffnung, dass die Unis Plagiatsfälle ernster nehmen, ihre Vorschriften verschärfen und dann auch entsprechend Titel entziehen. Doch das ist nach der bisherigen Erfahrung von Weber-Wulff und anderen Experten nicht der Fall.

"Unser Ruf im Ausland ist in Gefahr"

Es gibt durchaus die Fälle, in denen sich die zuständigen Dekane der Fakultäten bedanken für Hinweise Weber-Wulffs auf Plagiate und versprechen, diesen auch nachzugehen. Die Professorin mailt immer wieder Fundergebnisse von Vroniplag an die Hochschulen, darin ist der Link mit der Dokumentation der Abschreiberei samt ihrem Namen und ihrer Adresse. Dennoch versuchen einige Unis, einen Plagiatsverdacht sofort abzuwehren.

Wir gehen anonymen Hinweisen nicht nach, heißt es etwa trotz professoraler E-Mail-Signatur. Andere versuchten, die Angelegenheit sofort unter die Decke der Vertraulichkeit zu ziehen, sagt Weber-Wulff: Nichts dürfe öffentlich werden. Und dann sind da die Unis, die gar nicht reagieren auf ihre Hinweise - aus Unsicherheit, vielleicht auch aus Sturheit. Wie die drei Affen, sagt Weber-Wulff. "Ich hatte gehofft, dass wir viel weiter sind. Unser Ruf im Ausland ist in Gefahr."

Doch selbst, wenn die Hochschule offiziell prüft, kommt nicht unbedingt Hoffnung auf. Beispiel Martin W. in Bonn: Hier teilt die Uni mit, die Plagiatsprüfung sei immer noch nicht abgeschlossen - fast drei Jahre nach der Aufdeckung. Man habe zwei externe Gutachter beauftragt, deren Stellungnahmen "bis Ostern" vorliegen sollen. Warum das so lange dauert? Man habe viel Aufwand gehabt mit den Plagiatsfällen des FDP-Abgeordneten Georgios Chatzimarkakis und der Politikwissenschaftlerin Margarita Mathiopoulos, lässt die Fakultät ausrichten. Es gehe "Gründlichkeit vor Geschwindigkeit". Dabei hatte Vroniplag die Vorwürfe auf dem Silbertablett serviert, als Gegenüberstellung von Originalquelle und übernommenen Stellen.

Mogeln kann später noch korrigiert werden

Eine andere Volte schlug die Technische Universität Berlin, die den Plagiatsvorwürfen gegen Jürgen Goldschmidt nachging, den Bürgermeister der Kleinstadt Forst in Brandenburg. Auch er wollte den Doktortitel und bediente sich hierfür bei anderen Autoren, ohne dies sauber zu kennzeichnen. Das dokumentierte Vroniplag im Sommer 2011 öffentlich.

Die TU beschritt angesichts der offenkundigen Mängel einen originellen Weg: Eineinhalb Jahre später urteilte der TU-Präsident, Goldschmidt habe zwar mangelhaft zitiert, doch habe er eine eigenständige wissenschaftliche Leistung erbracht. Es sei keine Täuschungsabsicht erkennbar. Goldschmidt erhielt ein halbes Jahr Zeit, die Arbeit mit sauberen Zitaten erneut einzureichen. Das tat er im Sommer 2013. Das Ergebnis über diese Neuauflage - was Wunder - steht noch aus, heißt es aus der TU.

Nach diesem Muster ist also eine "Doktorarbeit auf Probe" möglich, ein mögliches Mogeln kann später noch korrigiert werden. So gesehen kann man es entspannter probieren. Auch wenn dies die TU Berlin bestreitet. Goldschmidt sei kein Präzedenzfall, in anderen Fällen könne es andere Entscheidungen geben, erklärt eine Uni-Sprecherin. Juristen dürften das anders sehen: Sie pochen auf Gleichbehandlung, auch bei Plagiatsprüfungen.

Es sind viele Fälle mittlerweile

Man kann es ja nachvollziehen, wenn Professoren Besseres zu tun haben, als alte Doktorarbeiten auf Plagiate zu prüfen. Diese Altlastenbeseitigung ist aufwendig, und es winkt keinerlei Belohnung. Es sind viele Fälle mittlerweile. "Die Universitäten haben keinen Bock mehr", sagt der Münchner Juraprofessor Volker Rieble. Er verfolgt die Entwicklung schon lange, hat vor der Guttenberg-Affäre ein Buch über Plagiate geschrieben. Jetzt wächst bei ihm die Wut. "Es passiert nichts", sagt er. Man hänge ein paar Politiker hin, doch Professoren passiere nichts. "Kein einziger Professor wurde des Amtes enthoben, obwohl es schwere Plagiatsfälle gab."

Dazu zählt er etwa den Münsteraner Medienrechtler Bernd Holznagel, Co-Autor eines juristischen Lehrbuches, das Plagiate enthielt. Holznagel zog das Buch zurück, bestreitet aber, ein Plagiator zu sein. Disziplinarrechtlich wurde er nie belangt. Und das ist nicht der einzige Fall. Rieble spricht von einer "organisierten Unverantwortlichkeit", einem Feudalsystem, in dem sich die Professoren gegenseitig deckten. Wer will da schon einen Kollegen aus dem Amt schubsen, weil er sich mal bei anderen bedient hat?

An der Uni Münster kam der juristische Fachbereich auch noch auf die Idee, trotz offensichtlicher Plagiatsstellen eine Rüge zu erteilen statt den Titel zu entziehen - und schonte damit eine heutige Richterin. Eine Rüge freilich interessiert kaum jemanden. Und sie ist in den Promotionsordnungen der Universitäten gar nicht vorgesehen. Rieble sagt: "Das ist reine Symbolpolitik."

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SZ vom 17.02.2014/jobr
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