Uganda Aufschrei für die Bildung

Das Studium an der bekannten Makarere Universität ist für Einheimische teuer - und groß ist ihre Wut, wenn die Lehre ausfällt. Auch Austauschstudenten aus Deutschland sind von den Problemen der Uni betroffen.

Von Franziska Bohn

Die Straße im Studentenviertel Kikoni in Kampala steht in Flammen. Trockene Äste und Plastikplanen brennen, das Militär löscht mit Wasserwerfern. Eine Horde junger Menschen rennt schreiend über den Asphalt. "Makerere oyeeee" schallt ihr Schlachtruf. Die aufgebrachten Studenten der Makerere Universität Kampala tragen rote Westen, zum Zeichen des Protests. Sie versuchen Kommilitonen mitzuziehen, die den Aufstand vom Straßenrand aus verfolgen. Viele schließen sich an, andere weichen aus und bringen sich in Sicherheit.

Es sind nicht die ersten Unruhen an Ugandas größter und bekanntester Universität. Aber es sind besonders heftige. An normalen Tagen läuft man auf dem Weg zur Vorlesung vorbei an Ständen, in denen Mais, Teigtaschen und bunte Handykarten verkauft werden. Vor den Unterrichtssälen stehen in dunklen Ecken große Kopiergeräte, wo Studenten für ein paar Cent Bücher und Seminarpapiere vervielfältigen lassen. Doch es ist kein normaler Tag an der "Mak", wie die Studierenden aus ganz Afrika ihre Uni nennen. An diesem Tag im November haben die Händler ihre Waren eilends wieder zusammengepackt, denn die jungen Leute sind wütend. Sie ziehen mit Trillerpfeifen, Tröten und Trommeln über den Campus und durch ihr Viertel, viele haben Knüppel oder lange Holzstangen in der Hand. "Dumba ziiii!" schreien sie in ihrer Landessprache Luganda den näher rückenden Soldaten und Polizisten entgegen - ein Ausruf des Ärgers, der sich nicht übersetzen lässt.

Die Studenten wollen durchsetzen, dass die Dozenten der Uni ihr vollständiges Gehalt ausgezahlt bekommen. Seit acht Monaten werden die Hochschullehrer mit weniger abgespeist, als ihnen Präsident Yoweri Museveni vor seiner Wiederwahl zugesichert hat. Deswegen sind sie in Streik getreten und unterrichten nicht mehr. Wochen geht das schon so. "Wir zahlen hohe Studiengebühren, um an der berühmten Mak studieren zu können, und erwarten dafür, unterrichtet zu werden", sagt Studentenvertreter Roy Ssembogga. Umgerechnet etwa 300 bis 400 Euro kostet jedes Semester, viel Geld für eine ugandische Familie. Warum die Prestige-Uni trotz der Gebühren von mehr als 30 000 eingeschriebenen Studenten finanzielle Probleme hat, kann niemand beantworten.

"Immer wieder wurde uns das fehlende Geld versprochen, immer wieder wurde das Versprechen gebrochen", klagt Florence Mutonyi D'ujanga, Professorin an der Makerere Universität. Die lautstarke Solidarisierung ihrer Studenten soll den Druck auf Bildungsministerin Janet Museveni erhöhen, das Problem endlich zu lösen. Sie ist die Ehefrau des Präsidenten, der das Land seit mehr als 30 Jahren regiert.

Ihr Ministerium hat noch keine Strategie entwickelt, es hofft auf die Erkenntnisse eines Untersuchungskomitees. "Den Dozenten einfach ihr Geld zu geben, ist keine langfristige Lösung. Das wurde bei jedem Streik so gemacht, half aber nur kurz, bis zum nächsten Streik. Die Vorschläge des Komitees werden uns helfen, das Problem ein für alle Mal zu lösen", sagt der Sprecher der Ministerin.

Auf diese Lösung zu warten, übersteigt die Geduld der Studenten. An diesem Novembertag entlädt sich ihr ganzer Frust. Mit ihren Knüppeln schlagen sie gegen Strommasten, Hauswände und Verkaufsstände. Viele Läden werden beschädigt oder zerstört. Nachdem schon im August ein mehrwöchiger Streik von Verwaltungsangestellten die Uni lahmgelegt hatte, ist die Bereitschaft zur Gewalt gewachsen. Studenten werfen Steine und Tränengasbomben, die mit ohrenbetäubendem Knall explodieren. Behelmte Polizisten jagen die Aufständler und prügeln einige, die sich wehren, in ein Polizeiauto.

Die Professorin ist entsetzt: "Reden ist besser als Gewalt!"

Die Professorin Florence Mutonyi D'ujanga ist entsetzt über die Eskalation. "Reden ist immer besser als Gewalt! Alles kurz und klein zu schlagen, ist keine gute Art des Protests. Es ist okay, für seine Rechte zu kämpfen, aber friedlich", sagt sie und streift energisch ihr schwarz-weiß gemustertes Kleid glatt.

Die internationalen Studenten scheinen ähnlich zu denken, sie halten sich aus dem Straßenkampf heraus, so gut es geht. Etwa 3000 von ihnen studieren an der Mak, darunter sieben Deutsche. Zu ihnen gehört Manuel Müller. "Ich wollte in Uganda neue Menschen treffen und möglichst viel über ihre Kultur lernen", erklärt der 25-Jährige, der später für NGOs arbeiten will. In Deutschland studiert er Agrarwissenschaften in Bonn. "Die meisten Fächer hier an der Makerere sind sehr interaktiv aufgebaut", sagt der Austauschstudent. Im Grunde mag er das Studium in Ugandas Hauptstadt Kampala, er lobt die kleinen Kurse und die häufigen Exkursionen. Und eigentlich bewundert er auch, wie engagiert sich die Studierenden hier für ihre Bildung einsetzen.

Was er an diesem Tag aus sicherem Abstand beobachtet, missfällt Müller allerdings. Eine deutsche Kommilitonin ist in den Streik geraten und wurde mit Glasscherben und Steinen beworfen, bevor sie sich in einen kleinen Laden retten konnte. Man werde leicht zum Ziel der einheimischen Studenten, denn sie wollen, dass sich alle, egal welcher Herkunft, am Protest beteiligen, erzählt Müller. "Aber ich will Eskalationen aus dem Weg gehen, deshalb bin ich immer gut informiert, wann welche Partei welche Aktionen plant." Er ist froh, dass in Deutschland verbeamtete Hochschullehrer nicht so einfach streiken können. Überhaupt habe er "erst hier gelernt, ein funktionierendes Bildungssystem zu schätzen". Obwohl Uganda als Land seine Erwartungen übertroffen hat, ist er von der Uni enttäuscht.

Am 24. Dezember öffnet die Uni wieder - schneller als gedacht

Die Entwicklung der nächsten Wochen gibt dem Austauschstudenten recht. Präsident Museveni lässt die Mak nach dem Aufruhr "aus Sicherheitsgründen auf unbestimmte Zeit" schließen. Prüfungen werden verschoben, Studenten aus dem Ausland aufgefordert, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Die sieben Deutschen folgen dem Aufruf zwar nicht, sind aber besorgt um ihre Klausuren und Credit Points. Auch die Partneruniversitäten in Deutschland können in der akuten Situation nicht helfen, sie werden sich allenfalls überlegen, keine Studenten mehr nach Kampala zu schicken. Manuel Müller ist nicht über seine Uni gekommen, er hat sich selbständig für Stipendien beworben, ein Vorbereitungsseminar besucht und mit einem Studienberater ein Learning Agreement, eine Art Studienvertrag, erstellt. Er ist zuversichtlich, dass er bereits erbrachte Leistungen in Bonn anerkennen lassen und eventuelle Lücken in Absprache mit den dortigen Dozenten überbrücken kann.

Und ganz so schlimm wie befürchtet, kommt es dann doch nicht: Am 24. Dezember wird die Uni offiziell wieder geöffnet, zwei Tage später schließen die Dozenten ihre Büros wieder auf. Ein Konzept des Untersuchungskomitees ist ihnen zwar nicht präsentiert worden, dafür haben sie nach altbewährter Methode Lohnnachzahlungen und einen Vorschuss bekommen.

Auch ins Kikoni-Viertel ist die Normalität zurückgekehrt. Die Studenten haben ihre roten Westen in den Schrank gehängt. Die Straßenstände sind hergerichtet, ein Kinderchor singt traditionelle Lieder, dazu mischt sich aus einem Radio ein "Baby, Baby" von Justin Bieber.