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Übertritt aufs Gymnasium:Abitur der vierten Klasse

Übertrittsstress weiterführende Schulen, Gymnasium

Büffeln für den Übertritt: Der Wechsel auf eine weiterführende Schule ist für viele Schüler mit Stress verbunden.

(Foto: dpa/dpaweb)

Bei vielen Grundschuleltern liegen die Nerven blank: In wenigen Wochen gibt es Zeugnisse, die den Weg aufs Gymnasium ebnen - oder versperren. Deshalb schicken Eltern ihre Viertklässler in spezielle Lerntrainings. Oder suchen den Weg zum Anwalt.

Yannick stockt die Stimme. Er muss schlucken, bis er weitersprechen kann. "Es war das härteste Jahr meines Lebens", sagt der Fünftklässler. Ernste Worte für einen Elfjährigen. Yannick ist im vergangenen Jahr nicht krank gewesen, er hat keinen guten Freund verloren, keinen Schicksalsschlag erlitten - es war der Übertritt auf die weiterführende Schule, der ihm so zusetzte. Dieser entscheidet über das ganze weitere Leben; so empfinden es zumindest viele Grundschüler und ihre Eltern.

Anfang Mai ist es in Bayern wieder so weit, dann wird nach dem Aschenputtelprinzip sortiert: Die Guten aufs Gymnasium, die etwas weniger Guten auf die Realschule, die Schlechten auf die Hauptschule.

"Meine Grundschullehrerin fand, dass ich in die Hauptschule gehöre", erinnert sich der Junge aus dem bayerischen Markt Schwaben. Er hat es dann auf die Realschule geschafft, musste nicht auf die Hauptschule: "Dort wollte ich auf keinen Fall hin, weil da so viele schlimme Jungs sind, aus denen nichts Gescheites wird." Der Junge, der nie ein sonderlich guter Schüler war, legte plötzlich richtig los und lernte bis zum Umfallen.

Pauken, feilschen, klagen: Die Wahl der Laufbahn macht Eltern und Kinder oft verrückt

Die Grundschüler wissen über den geforderten Notenschnitt oft besser Bescheid als ihre Eltern: 2,33 oder 2,66 - diese Hürden muss man in Bayern nehmen, um den Sprung auf das Gymnasium beziehungsweise auf die Realschule zu schaffen. Yannick findet das gerecht, obwohl er so darunter gelitten hat: "Man muss sich halt mehr anstrengen. Wenn man nicht gut genug ist, gehört man nicht aufs Gymnasium oder auf die Realschule." Eine vergeigte Klassenarbeit kann da eine Katastrophe sein: "Wenn Yannick mal eine Vier heimbrachte, war das ein herber Rückschlag", sagt seine Adoptivmutter, Daniela Messing.

"Er büffelte, dass einem Hören und Sehen verging." Die Eltern unterstützten freilich den Eifer, schickten Yannick zu einem professionellen Nachhilfeinstitut. Schon Drittklässler werden mit Nachhilfe fürs Gymnasium oder die Realschule getrimmt, Eltern feilschen mit Lehrern um Kommastellen bei den Noten. Pädagogenverbände erkennen längst eine "Übertritts-Hysterie", als "Königsweg" gelte vielen Vätern und Müttern das Gymnasium. Der gesellschaftliche Trend beflügelt das: Gut die Hälfte eines Jahrgangs erreicht inzwischen die Hochschulreife, der Hauptschulabschluss zählt immer weniger, die Mittlere Reife leidet schon im Ansehen.

Schule "Gymnasium und Noten sind kein Selbstzweck"
Expertentipps zum Übertritt

"Gymnasium und Noten sind kein Selbstzweck"

Gelingt der Sprung auf die gewünschte Schulform? Das Thema Übertritt beschäftigt derzeit Viertklässler und deren Eltern. Grundschullehrer und Schulpsychologe Robert Roedern über Erwartungen von Eltern, Enttäuschungen von Kindern - und warum die jetzt getroffene Entscheidung nicht in Stein gemeißelt ist.   Von Johanna Bruckner

Das "Grundschul-Abi" ist so oft das Ende der Lernfreude. Dies zeigt eine Langzeitstudie mit 400 Eltern-Kind-Paaren, bei der unter anderem die Pädagogische Hochschule Zürich federführend war: Der Spaß an der Schule nimmt beginnend mit dem Übertrittsstress bis zur achten Klasse stetig ab. Auch das Selbstvertrauen in einzelnen Fächern leidet, immer weniger Schüler trauen sich zum Beispiel in Mathe etwas zu. Schuld daran, zumindest zum Teil: "Ungünstige Übertrittserlebnisse".