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Typologie der Erstsemester:Karriere oder Katerfrühstück?

Kaum hat die Uni begonnen, ist klar, wer am meisten Party macht, wer noch bei Mutti wohnt und wer bald Professor wird. Eine Campus-Typologie.

Von Matthias Kohlmaier, Sarah Schmidt und Jessy Asmus (Illustrationen)

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Der Daheimwohner

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Quelle: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de

Das macht ihn aus: Unistart, das bedeutet für viele: neue Stadt, neue Leute, neues Leben. Für den Daheimwohner gilt das nur bedingt, denn er studiert dort, wo er aufgewachsen ist. Und nachdem die Mieten in den vergangenen Jahren quasi explodiert sind, sieht er auch keinen Anlass, sein heimisches Kinder- gegen ein auswärtiges WG-Zimmer zu tauschen.

Neue Leute lernt er natürlich trotzdem kennen - weil von seinen alten Freunden wahnsinnig viele zum Studium in eine andere Stadt gezogen sind und er daher viel Zeit hat, frische Bekanntschaften zu pflegen. Die wiederum freuen sich, dass er ihnen zeigt, wo es am Studienort im Tag- und Nachtleben langgeht. Eine Win-win-Situation!

Seine erste Wortmeldung in einer Vorlesung: "Die Juristen-Bibliothek? Da kenn ich eine Abkürzung, kann ich dir nachher erklären!"

Das isst er in der Mensa: Gewöhnlich gar nichts. Mamas bessere und günstigere Küche ist schließlich nur ein paar Stationen mit der Straßenbahn entfernt.

Das sagt er nach dem ersten Semester: "Papa, kannst du mir demnächst mal vier neue Ordner und ein paar Schnellhefter aus dem Büro mitbringen?"

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Die Clique

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Quelle: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de

Das macht sie aus: Die Clique ist entweder schon gemeinsam zur Schule gegangen oder hat in der ersten Uniwoche zusammengefunden (Seelenverwandtschaft, you know). Sie ist leicht zu erkennen am identischen Styling von der Chucks-Sohle bis zur geföhnten Ponywelle. Und auch was Sprachduktus, Ess-, Schlaf- und Feiergewohnheiten angeht, haben sich die Cliquenmitglieder perfekt synchronisiert. Es versteht sich von selbst, dass die Clique einen identischen Stundenplan hat, zusammen in der Hörsaal-Reihe sitzt und jede Gruppenarbeit gemeinsam macht.

Zwischenmenschlicher Kontakt ist nur innerhalb der Clique vorgesehen - da wird getuschelt und getratscht und gewhatsappt, dass es nur so sprüht vor Insider-Gags. Jedes Gespräch mit Nicht-Cliquenmitgliedern wird nur aus einem einzigen Grund geführt: Um hinterher gemeinsam darüber zu lästern.

Ihre erste Wortmeldung in einer Vorlesung: "Wir wollen gerne zu fünft die Seminararbeit schreiben. Wie, das geht nicht? Dann schreiben wir eben zu fünft zwei."

Das isst sie in der Mensa: Je nach Clique verschieden, Hauptsache alle dasselbe.

Das sagt sie nach dem ersten Semester: "Tschaui, bis morgen!"

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Der Nerd

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Quelle: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de

Das macht ihn aus: Viele Schuljahre lang war dieses Erstsemester-Exemplar ein Einzelgänger, ausgestoßen aus der Klassengemeinschaft, verspottet, gehänselt und unverstanden. Denn welcher Mitschüler hätte die Liebe zu HQ9+-Programmierung oder Drosophila-Aufzucht verstehen, geschweige denn teilen können?

Mit Studienbeginn findet sich der Nerd in einer Welt voller Gleichgesinnter aus Fleisch und Blut wieder. Das stellt ihn vor völlig neue zwischenmenschliche Herausforderungen: Wie tritt man in Kontakt mit Mitmenschen, denen man von Angesicht zu Angesicht und nicht nur in einem Chat-Forum begegnet?

Seine erste Wortmeldung in einer Vorlesung: "Ich fände es schon wichtig, dass wir die Werke der mesopotamischen Literatur im Original lesen."

Das isst er in der Mensa: Aus alter Gewohnheit den Inhalt einer mitgebrachten Lunchbox, allein am letzten Tisch ganz hinten.

Das sagt er nach dem ersten Semester: "Schade, dass der Wahlkurs zum Leben und Wirken von Plinius dem Älteren unter Berücksichtigung der Beziehungen zu Aufidius Bassus / die Exkursion zur philatelistischen Einzelstücksammlung des Saarlands / der Dia-Vortrag über Samen-Blüher der mexikanischen Steppe nicht zustande gekommen ist."

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Der Aktivist

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Quelle: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de

Das macht ihn aus: Der Aktivist macht überall mit, wo man sich engagieren kann. Gleich in der ersten Woche lässt er sich in den Fachschaftsrat wählen, meldet sich für AIESEC, den Debattier-Club, Amnesty, die lokale Naturschutz-Gruppe und den ehrenamtlichen Nachhilfekreis an und gründet einen eigenen Verein für einen noch nicht zufriedenstellend abgedeckten gesellschaftsrelevanten Themenbereich.

Für das eigentliche Studium bleibt zwar keine Zeit mehr zwischen Sitzungen, Flash-Mobs, Spenden-Akquise und verantwortungsbewusster Lebensgestaltung - aber schließlich gibt es Wichtigeres auf dieser Welt als Credit Points. Leider merkt der Aktivist vor lauter Aktionismus nicht, dass er nur Team-Mitglieder und keine echten Freunde hat. Das könnte an seiner belehrenden Art liegen.

Seine erste Wortmeldung in einer Vorlesung: "Ich würde vor Beginn kurz eine gaaaanz wichtige Organisation vorstellen, bei der es total toll wäre, wenn ihr alle mitmacht. Ich geb schon mal die Anmeldeliste rum."

Das isst er in der Mensa: Den veganen Linseneintopf aus regionalem Anbau und zum Nachtisch einen Fairtrade-Schokoriegel zur öko-zertifizierten Mandelmilch-Latte.

Das sagt er nach dem ersten Semester: "Ich fahr dann jetzt acht Wochen weg, um in Nicaragua Straßenkinder zu unterrichten/ auf Honolulu bedrohte Streifenhörnchen zu zählen / vor Neuseeland Korallenwälder zu schützen."

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Der Gut-Betuchte

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Quelle: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de

Das macht ihn aus: Er ist das, was man hinter vorgehaltener Hand als "Jüngelchen aus sehr gutem Hause" bezeichnet: polierte Budapester, weich fallende Cordhose, Tweedjacket mit getupftem Einstecktuch, darunter ein Polohemd, die Haare akkurat zur Seite gescheitelt. Genau so steuert der Gut-Betuchte in den Hörsaal, die Tasche im ledernen Used-Look nicht profan umgehängt, sondern locker am Handgelenk baumelnd, Prinzip überdimensioniertes Herrentäschchen.

Der Sohn reicher Eltern sieht zwar aus als sei er der TV-Serie "Downton Abbey" entsprungen, solange es nicht um Geld geht, kann man sich mit ihm aber eigentlich ganz gut unterhalten. Am Studium hat er übrigens wenig Interesse, das verfolgt er nur seinem Vater zuliebe - nach dem ein Gebäudeflügel der Uni benannt ist.

Seine erste Wortmeldung in einer Vorlesung: "Zählt die Arbeit in einem familieneigenen Unternehmen als Pflichtpraktikum?"

Das isst er in der Mensa: Wenngleich sich der Gut-Betuchte gelegentlich unters gemeine Studentenvolk mischt, den Fraß aus der Mensa würde er sich nie antun. Da geht er lieber auf ein paar getrüffelte Weinbergschnecken zum Franzosen drei Straßen weiter.

Das sagt er nach dem ersten Semester: "Zum Glück ist Vater nun endlich zur Besinnung gekommen. Im Sommer übernehme ich die Geschäftsführung seiner fünftgrößten Firma und lasse das Studieren wieder bleiben."

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Das Feierbiest

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Quelle: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de

Das macht es aus: Endlich Großstadt, endlich Ausziehen, Schluss mit Schulbeginn 8 Uhr! Fürs Feierbiest waren schon bei der Wahl des Studienorts die Club- und Kneipendichte wichtiger als Uni-Rankings. Statt im Vorlesungsverzeichnis informiert sich das Feierbiest im Veranstaltungskalender des Stadtmagazins.

Und auch wenn das Studentenleben dieser Erstsemestergattung vor allem nach Spaß und Zügellosigkeit klingt, der Terminplan ist eng getaktet: Montag - Tequila-Flatrate in der U-Bar, dann Uni-Party der Zahnmediziner; Dienstag - Ersti-Stadtrallye, später Dancenight in Club V; Mittwoch - Pub-Quiz, dann WG-Party; Donnerstag - Cocktail-Happy-Hour im Z-Café; Freitag - Clubbing; Samstag - Feiern gehen; Sonntag - Ausschlafen.

Je nach körperlicher Verfassung und Beziehungsstatus wird dieser Ablauf im Wochentakt wiederholt. Dann geht es für den Master nach Berlin, das Erasmus-Semester in Barcelona steht an oder die Leber kapituliert.

Seine erste Wortmeldung in einer Vorlesung: Ein versehentliches Räkeln, nachdem das Feierbiest aus dem Schlaf geschreckt wurde.

Das isst es in der Mensa: Katerfrühstück oder Currywurst mit Pommes (man braucht schließlich eine gute Grundlage).

Das sagt es nach dem ersten Semester: "Warum hat sich in Deutschland eigentlich das Springbreak-Konzept noch nicht durchgesetzt?"

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Der Streber

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Quelle: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de

Das macht ihn aus: Nach dem Abitur (Notenschnitt 0,9; aber nur wegen der verhauenen Physikprüfung) hat er sich gezielt für die elitärsten und zugangsbeschränktesten Studiengänge beworben, Motivationsschreiben verfasst, Aufnahmegespräche geführt - und überall einen Platz bekommen. Das hat er aber vorerst zurückgestellt, da er dank früher Einschulung und der übersprungenen achten Klasse erst 16 ist, hat der Streber keine Eile.

Mit einem speziellen Begabten-Förderprogramm schnuppert er nun ein oder zwei Semester in diverse Studiengänge hinein. Prüfungen müsste er nicht ablegen, tut er aber trotzdem. Und zwar zumeist als Bester.

Seine erste Wortmeldung in einer Vorlesung: "Ist das klausurrelevant?"

Das isst er in der Mensa: Aus Essen macht sich der Streber nicht viel. Er knabbert während des Lektüre eines sehr dicken Buches mit sehr langem Untertitel gedankenverloren an einer trockenen Breze.

Das sagt er nach dem ersten Semester: "So anspruchsvoll, wie alle immer sagen, ist Medizin/Jura/Quantenphysik nun auch wieder nicht."

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Der Karrierist

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Quelle: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de

Das macht ihn aus: Sein einziges Interesse gilt einem steilen Aufstieg in die Chefetagen dieser Welt. Wen oder was er dann genau managt, ist ihm eigentlich egal. Hauptsache dickes Gehalt, dicker Firmenwagen und Sekretärin. Das klassische Karrieristen-Fach ist daher BWL, vereinzelte Exemplare sind aber auch unter den Juristen, Medizinern und Ingenieuren zu finden.

Sein Studium folgt einer Strategieplanung nach vorangegangener SWOT-Analyse: Er belegt nur Vorlesungen bei Dozenten mit interessanten Wirtschaftskontakten, bringt zu Karrieremessen den perfekt ausgearbeiteten Lebenslauf mit und pflegt hingebungsvoll sein Xing- und Linkedin-Profil.

Seine erste Wortmeldung in einer Vorlesung: Der Karrierist geht erst nach der Vorlesung auf den Dozenten zu: "Das war wirklich sehr interessant! Wie könnten ja mal zu Mittag essen. Hier haben Sie meine Visitenkarte."

Das isst er in der Mensa: Der Karrierist macht seine Lunch-Dates grundsätzlich nicht in der Mensa, sondern in einem schicken Bistro aus.

Das sagt er nach dem ersten Semester: "Ach wär' ich doch an der EBS/in St. Gallen/in Witten-Herdecke eingeschrieben - da knüpft man doch die besseren Netzwerke."

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Der Wiederkehrer

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Quelle: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de

Das macht ihn aus: Während um ihn herum Jubel, Trubel und aufgeregte Heiterkeit herrschen, ist der Wiederkehrer zum Start des neuen Studiensemesters ganz entspannt - er fängt schließlich nicht zum ersten Mal ein Studium an und kennt den Ablauf. Und was bei seinen bisherigen - nach drei, beziehungsweise elf Semestern abgebrochenen - Versuchen in Philosophie ("Das war mir irgendwann zu theoretisch") und Vergleichenden Religionswissenschaften ("Das war mir irgendwann zu dogmatisch") nicht geklappt hat, das wird nun gewiss werden. Dieses Mal probiert der Wiederkehrer es mit etwas Handfestem: Lehrer werden schließlich immer gebraucht!

Seine erste Wortmeldung in einer Vorlesung: "Kann ich mir den Schein aus dem Seminar 'Moralvorstellungen im Katholizismus des späten 19. Jahrhunderts' aus dem Wintersemester 2009/10 anrechnen lassen?"

Das isst er in der Mensa: Als langjähriger Kenner weiß er, dass das Gulasch am Dienstag nichts taugt, die Spaghetti Bolognese am Mittwoch grausig sind und es sich eigentlich nur lohnt, freitags die Mensa zu besuchen: Da gibt's Kaiserschmarrn!

Das sagt er nach dem ersten Semester: "Endlich ein Fach, das zu mir passt! Wobei mich ja Ethnologie auch immer noch reizen würde."

© Süddeutsche.de/lala

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