Der Nerd

Das macht ihn aus: Viele Schuljahre lang war dieses Erstsemester-Exemplar ein Einzelgänger, ausgestoßen aus der Klassengemeinschaft, verspottet, gehänselt und unverstanden. Denn welcher Mitschüler hätte die Liebe zu HQ9+-Programmierung oder Drosophila-Aufzucht verstehen, geschweige denn teilen können?

Mit Studienbeginn findet sich der Nerd in einer Welt voller Gleichgesinnter aus Fleisch und Blut wieder. Das stellt ihn vor völlig neue zwischenmenschliche Herausforderungen: Wie tritt man in Kontakt mit Mitmenschen, denen man von Angesicht zu Angesicht und nicht nur in einem Chat-Forum begegnet?

Seine erste Wortmeldung in einer Vorlesung: "Ich fände es schon wichtig, dass wir die Werke der mesopotamischen Literatur im Original lesen."

Das isst er in der Mensa: Aus alter Gewohnheit den Inhalt einer mitgebrachten Lunchbox, allein am letzten Tisch ganz hinten.

Das sagt er nach dem ersten Semester: "Schade, dass der Wahlkurs zum Leben und Wirken von Plinius dem Älteren unter Berücksichtigung der Beziehungen zu Aufidius Bassus / die Exkursion zur philatelistischen Einzelstücksammlung des Saarlands / der Dia-Vortrag über Samen-Blüher der mexikanischen Steppe nicht zustande gekommen ist."

Bild: Illustration: Jessy Asmus/SZ.de 17. Oktober 2018, 10:142018-10-17 10:14:41 © Süddeutsche.de/lala