Süddeutsche Zeitung

Tricks der Berliner Bildungsbürger:Apartheid an Grundschulen?

Lesezeit: 4 min

In die eine Schule geht nur ein einziges Kind mit deutschen Eltern, in die andere fast nur Akademikerkinder: An Berliner Schulen kommt es vermehrt zu Segregation, weil Eltern für ihre Kinder mit allen Tricks das Beste wollen. Ein Besuch.

Von Constanze von Bullion

Isch werd' Ingenieur, verkündet Murat, bevor er das Gummiband um die Vorderachse wickelt, die Räder überprüft, am Gummi zieht, wie die Lehrerin es erklärt hat, damit sein selbstgebastelter Wagen nach vorn flitzt über den Schulflur. Er flitzt aber nicht, er macht erst mal nur einen Satz und rollt rückwärts.

So ähnlich ist es auch mit den Schulen und der Integration.

Jens-Nydahl-Grundschule in Kreuzberg an einem Nachmittag im Dezember, die 6b hat "Nawi", Naturwissenschaften. 23 Kinder mit fünf Muttersprachen haben die Schutzbrillen aufgesetzt, jetzt sind sie auf dem Schulboden unterwegs, um 23 selbstgebaute Fahrzeuge in Bewegung zu setzen, per Gummizug. Frau Balzer, die Lehrerin, hat die Kinder eben erklären lassen, was die Zugkraft von der Gewichtskraft unterscheidet, und was dieser Herr Newton eigentlich erforschen wollte.

"Also, wie es schwer ist. Also. Da fällt es schneller nach unten", hat Ajub geantwortet, der im echten Leben anders heißt, wie alle Kinder in dieser Geschichte. "Ich habe das Pfeil nach unten gezeichnet", sagt Hüseyin, bevor Jila ihn korrigiert: "Den Pfeil gezeichnet." Und Jessica, die als Einzige in der Klasse eine Mutter deutscher Muttersprache hat, sagt: "Die Schwerkraft kommt von der Erdumdrehung."

So läuft das in der 6b, und es könnte schlechter laufen, sagt Frau Balzer, die eine Lehrerin von der engagierten Sorte ist, wenn auch eher streng, was Lärm angeht. Es wird also nur getuschelt hier, und am Ende, als Murats Versuch mit dem selbstgebauten Wagen endlich funktioniert und er nach vorn schießt, sagt Frau Balzer: "Das Stundenziel ist natürlich nicht erreicht. Aber wenn man weiß, wie schwer manche Kinder es zu Hause haben, ist es schon toll, dass sie überhaupt noch was leisten."

Die Jens-Nydahl-Grundschule, das ist ein Ort, an dem man den Verhältnissen das Beste abzugewinnen sucht. Weil sie nur schwer zu ändern sind. Die Schule steht zwischen ärmlichen Hochhausblocks am Kottbusser Tor und hübschen Altbauten am Landwehrkanal. Es gab hier mal 600 Kinder verschiedener Schichten, jetzt sind es noch 310, ein einziges hat Eltern, die beide deutsche Muttersprachler sind. Mehr als 90 Prozent der Schuleltern haben keine Arbeit, und Bildungsbürger, ob deutsche oder zugewanderte, sehen zu, dass sie ihre Kinder anderswo anmelden heimlich. Damit sie hier nicht eingeschult werden, obwohl ihnen die Schule als nächstgelegene zugeteilt wurde.

"Segregation" heißt dieses Phänomen, und es breitet sich aus. Nach einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration driften die Schülerschaften in Großstädten auseinander. In Berlin gehen fast zwei Drittel aller Migrantenkinder auf Grundschulen, in denen Zugewanderte in der Mehrheit sind. In der Jens-Nydahl-Schule ist die Migrantenquote fast doppelt so hoch wie im Wohnumfeld. Während es ein paar Straßen weiter Schulklassen gibt, in denen kaum Zuwandererkinder sitzen.

Nein, sagt Claudia Deutscher, gerecht ist das nicht und der Integration nicht förderlich. Deutscher leitet seit 2009 die Jens-Nydahl-Grundschule und ist eine selten ehrliche Person, die nicht leugnet, dass auch sie ihren Sohn nicht auf diese Schule schicken würde. "Ich hätte Angst, dass er ausgegrenzt wird", sagt sie. "Auch wegen seines sprachlichen Niveaus." So geht es fast allen deutschen Eltern, die diese Schule umschiffen. Nur dass es halt kaum einer laut sagen mag.

Wer jetzt glaubt, dass Claudia Deutscher von ihrer Schule nichts hält, irrt sich. Das Wort "Restschule" will sie nicht hören und ihre Schüler auch nicht auf Defizite reduzieren. Natürlich gebe es Sprachprobleme, mancher könne "Ampel" von "Lampe" nicht unterscheiden. Es wird jetzt eine vereinfachte Sprache entwickelt, damit Sechstklässler die Fragen auf Arbeitsblättern verstehen. Es wird gekämpft um Förderstunden, um das Engagement der Eltern, es gibt Mütterkurse und den Versuch, das Vertrauen muslimischer Familien zu gewinnen. Und es ist auch nicht so, sagt die Schulleiterin noch, dass es alle Eltern stört, dass ihre Kinder hier keine deutschsprachigen Freunde finden. "Ich glaube, das ist für sie auch ein Stück Geborgenheit."

Man hat sich eingerichtet, irgendwie, aber es gibt auch Eltern, die runter wollen von dieser Insel. Emine Güngör ist so eine, sie heißt eigentlich anders, lebt mit Mann und zwei Kindern am Kottbusser Tor - und war entsetzt, als ihre Tochter an der Jens-Nydahl-Schule landete. Emine Güngör ist Krankenschwester, ihr Deutsch ist hervorragend, das ihrer Tochter war es lange nicht. "Das hat mir Angst gemacht", sagte sie und meint die Zeit, als im Kindergarten auch die deutsche Erzieherin Türkisch sprach. Mit fünf konnte ihre Tochter selbst einfachste Dinge nicht auf Deutsch sagen. "Wir haben das zu spät bemerkt."

Emine Güngör hat also versucht, was viele Kreuzberger versuchen: ihr Kind an eine andere Schule zu verfrachten. Viele melden sich dafür zum Schein bei Freunden an, fälschen Untermietverträge, Handyrechnungen, Kontoauszüge. Das alles, um dem Amt vorzugaukeln, im Einzugsgebiet einer begehrten Schule zu leben. Als Ausländerfeindlichkeit will das keiner verstanden wissen, eher als Notlüge zum höheren Zweck. Emine Güngör aber wollte nicht lügen, sie hat gewartet, gebettelt, drei Jahre lang. Im Juni kam ein Anruf der Reinhardswald-Grundschule. Jetzt sitzt ihre Tochter als einziges Migrantenkind unter 22 deutschen Akademikerkindern.

Die Reinhardswald-Grundschule ist eine der begehrtesten Grundschulen Kreuzbergs, sie liegt in einem liebevoll gestalteten Riesengarten, den Eltern beackern. Früher waren viele mal in Punkbands oder sonst welchen Rebellenzellen, ihren Kinder aber wollen sie Großstadthärten ersparen und Bildungschancen, wie sie selbst sie mal hatten. Das Schulniveau gilt als relativ hoch, die Migrantenquote mit 42 Prozent als niedrig. Und während anderswo um Bildungsbürgerkinder gebuhlt wird, sitzen hier in manchen Klassen nur solche.

"Ich hab 'nen Schock gekriegt", sagt eine junge Mutter und lacht, sie meint den ersten Elternabend. "Alle zehn Jahre älter, alles gebildete Akademiker", sagt sie - und dass "ein bisschen mehr Mischung" schön wäre. "Jetzt wollen die Eltern auch noch mehr Hausaufgaben", stöhnt ein Vater, der seine zweite Tochter anderswo einschulen wird. Bei aller Liebe zum Lernerfolg.

"Wir haben diese Segregation nicht betrieben", sagt Schulleiter Werner Munk, ein rastloser Schwabe, der seine Schule in 25 Jahren zum "Leuchtturm" gemacht hat, wie er sagt. Es gibt Montessori-Klassen, Sprachschwerpunkte, Inklusion, zwei von drei Kindern landen auf dem Gymnasium. "Das Schulprofil hat uns attraktiv gemacht für besser Gebildete", sagt Munk, der weiß, dass manche da draußen schon von "Apartheid" reden, weil seine Schule so viele deutsche Muttersprachler und gebildete Migranten von Nachbarschulen abzieht. Kein Grund zur Klage, findet er. "Die sagen: Ihr nehmt uns was weg - da sage ich: Ihr könnt es nachmachen."

Wer leistungsfähigere Kinder wolle, müsse selbst mehr leisten, noch mehr, ein gutes Schulprofil entwickeln. Nivellierung nach unten löst Berlins Schulprobleme nicht, findet Munk. Er will dann los. Es wartet so viel Arbeit.

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SZ vom 10.12.2012
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