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Surfen auf der Eisbachwelle:Woge der Begeisterung

Kein Stadtführer kommt ohne sie aus. Die Eisbachwelle ist eine Münchner Touristen-Attraktion - und immer mehr Nachwuchssurfer versuchen dort ihr Glück. Warum das gefährlich ist und wo Anfänger besser üben: eine Bildergeschichte über das Flusssurfen am Englischen Garten.

Von Johanna Bruckner

10 Bilder

Englischer Garten in München

Quelle: dpa

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Mit der Welle sei es wie mit einem Feuer. Man müsse einfach hinschauen. So beschreibt ein Surfer die Faszination für das Phänomen an der Eisbachbrücke im Lehel. Direkt nebenan ist das Haus der Kunst, ein hellgrauer Bau, bekannt nicht nur als Museum, sondern auch für das P1, die vielleicht berühmteste Diskothek der Republik. Viele Touristen finden mittlerweile die Eisbachwelle sehenswerter, kein München-Reiseführer kommt ohne sie aus. Surfer auf einem Fluss, mitten in der Großstadt - wo sonst gibt es das?

Eisbach-Surfer in München, 2007

Quelle: lok

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Das Flusssurfen hat in der bayerischen Landeshauptstadt eine mehr als 30-jährige Tradition, beinahe rund um die Uhr surfen die Münchner ihre Eisbachwelle und zeigen Tricks. "Manche Schüler verabreden sich frühmorgens, um zu surfen, und gehen dann mit nassen Haaren in die Schule. Und nachmittags kommen sie gleich wieder", sagt Flo Hagena, Extremsport-Fotograf und früher selbst Eisbachsurfer. Schüler sind nicht die Einzigen, die es auf die Stauwelle zieht: Studenten, IT-Spezialisten, Designer, Elektriker, Anwälte und weltbekannte Surf-Profis reiten die Welle. Mehr als 2000 Surfer gibt es heute in München, schätzt Wolfrik Fischer, Sprecher der Interessengemeinschaft Surfen in München (IGSM). Und das wird zunehmend zum Problem, denn "maximal ein Drittel sind erfahrene Flusssurfer", so Fischer. Die Eisbachwelle aber ist nur für geübte Riversurfer, wie die spezielle Surfart auch genannt wird, zugelassen. "Anfänger haben dort absolut nichts verloren."

Surfer in München

Quelle: dpa

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Dieser Kompromiss zwischen Stadt und Surfern besteht seit 2010. Damals übernahm München vom Freistaat Bayern ein Grundstück, auf dem auch die Eisbachwelle liegt. Erst dieses Tauschgeschäft - der Staat bekam im Gegenzug ein Grundstück im Englischen Garten - machte das Surfen auf dem Eisbach legal. Weil Bayern Haftungsklagen bei Unfällen fürchtete, war das Flusssurfen auf dem Eisbach vorher offiziell verboten. Wer dabei erwischt wurde, musste mit rechtlichen Konsequenzen rechnen - das gilt im Übrigen immer noch für die "Eisbachwelle 2". Im selben Jahr kam der Dokumentarfilm Keep Surfing von Regisseur Bjoern Richie Lob über die Münchner Riversurfing-Szene in die Kinos, der der Welle zu Popularität - und neuen Fans verhalf. Für die Münchner Surfer Fluch und Segen zugleich.

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Quelle: Robert Haas

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Einerseits stärkte die internationale Bekanntheit der Eisbachwelle die Position der Surfer, sodass IGSM-Sprecher Fischer mittlerweile eine "Pro-Surfen"-Tendenz im Münchner Stadtrat beobachtet. Andererseits sei die Existenz der Eisbachwelle durch die vielen Nachwuchssurfer bedroht. "Die stillschweigende Übereinkunft ist, dass es eine Art Selbstverwaltung gibt: Die Eisbachsurfer halten Anfänger von der Welle fern", erklärt Fischer. Den Vorwurf des "Localism" durch die einheimischen Surfer kann er deshalb nur bedingt nachvollziehen. "Es geht nicht darum, dass wir keine neuen Leute an der Welle wollen." Auch der Eisbach-Fotograf sagt: "Es geht nicht darum, neue Leute vom Bach verscheuchen zu wollen. Aber wer sich als Anfänger schwer verletzt, riskiert das Surfen der Welle für alle."

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Quelle: Robert Haas

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Doch verbieten können die Eisbachsurfer die Welle niemandem. "Jeden Sommer verletzen sich zehn bis 20 Leute schwerer", sagt Fischer. Selbst Profis sind vor Verletzungen durch die Störsteine am Grund des Kanals nicht gefeit, die zur jährlichen Bachauskehr - wenn das komplette Wasser aus dem Eisbach-Kanal abgelassen wird - zu erkennen sind. Zwar sind die Granitblöcke nur etwa 15 Zentimeter hoch und die Ecken wurden mittlerweile abgerundet, aber: "Wenn du mit der Fließgeschwindigkeit und dem Wasserdruck dagegenschnellst, tut das eine Weile ziemlich weh", sagt Flo Hagena aus Erfahrung. "Selbst die Profis, die das ganze Jahr am Eisbach surfen, erwischen ab und zu einen Granitpoller mit den Rippen oder dem Oberschenkel."

Eisbachwelle im Englischen Garten in München, 2011

Quelle: Alessandra Schellnegger

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Zur Gefahr am Boden kommen die Besonderheiten einer sogenannten Standwelle. Selbst wer jeden Urlaub zum Surfen ans Meer fährt, kann am Eisbach scheitern. "Die Welle im Meer schiebt dich von hinten an, die Gravitation zieht dich beim Surfen nach unten", erklärt Flo Hagena. Bei einer stehenden Welle kommt der Druck von vorne unten, du musst einen Gegendruck erzeugen, um nicht nach hinten gespült zu werden." Doch trotz aller Warnungen - ...

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Quelle: Robert Haas

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... die Schlangen zu beiden Seiten des Kanals sind oft lang. "Selbst mit den Leuten, die gut genug surfen können, ist die Eisbachwelle mehr als ausgelastet", sagt Fischer. Die Regeln sind unausgesprochen aber klar: Die Surfer gehen abwechselnd von beiden Seiten des Kanals auf die Welle, gesurft wird, bis man untergeht - oder die Umstehenden auf ihre Boards klopfen.

Forum Flusswellen

Quelle: dpa

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"Wenn du nicht gerade einen super Trick gezeigt hast, heißt das: Mach' was oder mach' Platz!", erklärt Flo Hagena. Ihm sind Wartezeiten in Hochzeiten zu lang. Mittlerweile fotografiert er fast nur noch am Eisbach - und sucht sich ansonsten Surfspots außerhalb von München. "Die perfekte stehende Welle ist für mich 'The Wave', die Rainer Klimaschewski entwickelt hat. Die ist im Übrigen auch für Ungeübte besser geeignet." (Zuletzt war diese "mobile" Welle am Münchner Flughafen aufgebaut, weitere Informationen dazu hier.)

Isar-Surfer bei Hochwasser, 2010

Quelle: Alessandra Schellnegger

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Eine Alternative zur Eisbachwelle gäbe es auch im Süden der Stadt: die sogenannte "Floßlände" im Isarkanal. Doch die älteste befahrene Flusswelle der Welt "läuft nicht mehr gescheit", wie die Surfer sagen. Dabei sei sie ideal für die vielen Riversurfing-Anfänger, betonen die Surf-Experten. Grund ist eine Verengung des Sektorwehrs flussaufwärts der Floßlände. Das Wasser, das hier eigentlich fließt, wurde 2011 auf Initiative der Münchner Stadtwerke (SWM) hin verknappt - mit dem Argument, dass es an anderer Stelle zur Erzeugung von Ökostrom gebraucht werde. In diesem Sommer sollte ein Runder Tisch nach Lösungsansätzen suchen. Er endete mit einer Enttäuschung für die Surfer: Das Wehr wurde sogar noch weiter geschlossen, um den Kanal im nahegelegenen Naturbad "Maria Einsiedel" zu entschärfen. Vorerst bleibt allen Anfängern also nur die Hoffnung auf einen baldigen Kompromiss. Zwar baut die Isar bei viel Regen an verschiedenen Stellen Wellen auf (im Bild). "Aber die sind lebensgefährlich und nur von absoluten Profis befahrbar", sagt Fischer.

Eisbachsurfer in München im Winter, 2012

Quelle: Robert Haas

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Zum Anschauen ist die Eisbachwelle natürlich nach wie vor schön. Und manche Surfer lassen sich im Winter selbst nicht von vereisten Kanalkanten abhalten. Wobei Ex-Eisbachsurfer Flo Hagena betont: "Die meisten Surfer kommen, um die Welle zu reiten - nicht um zu posen."

Linktipp: Mehr zur Eisbachwelle und zum Surfen in München gibt es auf Eisbachwelle.de.

© SZ.de/jobr/dgr

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