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Studium speziale: Sorabistik:"Wir brauchen mehr sorbische Popkultur"

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Max Baganz ist kein Sorbe, studiert aber trotzdem die Sprache und Kultur der Minderheit in der Lausitz. Im Studium bekam er direkt einen neuen Namen verpasst.

Protokoll von Eva Dignös

Der slawischen Minderheit der Sorben und Wenden, die in der Lausitz nahe der Grenze zu Polen und Tschechien beheimatet ist, gehört Max Baganz nicht an. Trotzdem hat er sich für das Studium der Sorabistik entschieden, das in Deutschland nur in Leipzig angeboten wird. Den Bachelor hat er schon, mittlerweile ist er kurz vor dem Masterabschluss.

Was ich im Studium mache: "In der Sorabistik beschäftigen wir uns mit Sprach-, Kultur- und Literaturwissenschaft, mit den Grundlagen des sorbischen Schrifttums und der historischen Entwicklung der sorbischen Minderheit. Ich komme selbst zwar nicht aus einer sorbischen Familie, bin aber in der Niederlausitz aufgewachsen und habe das Studium immer auch als Möglichkeit wahrgenommen, den historischen Wurzeln meiner Region näherzukommen. Dabei wollte ich nach zehn Monaten Freiwilligendienst in Mexiko eigentlich Ethnologie studieren. Das hat nicht geklappt - im Nachhinein war das mein Glück."

Max Baganz Studium speziale Sorabistik

Max Baganz studiert Sorabistik an der Universität Leipzig.

(Foto: privat)

Woran man die Studierenden erkennt: "Im Schriftverkehr untereinander und mit den Lehrenden verwenden wir gern die sorbische Schreibweise unserer Namen, bei mir ist das 'Maks Bagańc' anstelle von 'Max Baganz'. Das ist ein kleiner Standard-Gimmick in der sorbischen Welt."

Was mich besonders reizt: "Durch den Unterricht an den Schulen und zahlreiche außerschulische Angebote bestehen eigentlich die besten Voraussetzungen, damit das Sorbische von der jüngeren Generation weitergeführt wird. Aber viele wenden sich als Jugendliche ab, weil es nicht cool, nicht interessant genug ist. Die Fokussierung auf das Provinzielle, das romantische Dorfleben schreckt viele Leute ab. Wenn man in ein gewisses Alter kommt, möchte man gegen ein vorgegebenes Narrativ rebellieren. Aber es gibt viel zu wenig popkulturelle Anknüpfungspunkte für Jugendliche, in Form von Hiphop oder Techno zum Beispiel. Ich habe eine Zeitlang ein kleines sorbisches Magazin herausgegeben, in dem es gerade nicht um die sonst üblichen Themen ging, stattdessen um Subkultur, Erotik, ein bisschen was Verrückteres. Wir brauchen mehr sorbische Popkultur. Damit könnte man Zugang zu einer Altersgruppe bekommen, die man sonst oft nicht mehr erreicht."

Das Standardwerk: "Das ist sicher die leicht veraltete, aber für uns Studierende ungemein hilfreiche Anthologie 'Serbska čitanka' mit einem Überblick über sorbische Literatur von der Reformation bis in die 80er Jahre. Wenn man wie ich vor allem Niedersorbisch lernt, ist außerdem das Online-Wörterbuch www.dolnoserbski.de sehr nützlich, mit Sprachbeispielen, muttersprachlichen Aufzeichnungen, Informationen zu Orthographie und Grammatik, das ist eine großartige Seite."

Welche Vorurteile man aus dem Weg räumen muss: "Viele verbinden das Sorbische vor allem mit Folklore und Heimatromantik, mit einer allmählich aussterbenden Kultur. Doch die Sprache hat kosmopolitisches Potenzial. Und die Berufsaussichten sind hervorragend, weil die Förderung der Minderheit staatlich garantiert ist und es nur wenige Leute mit Fachausbildung gibt. Sorbisch-Lehrer zum Beispiel werden händeringend gesucht. Spaßeshalber sage ich immer, dass wir unter den Slawisten die einzigen sind, die nicht erstmal eine Zeitlang als Taxifahrer jobben müssen. Ich würde später gern journalistisch arbeiten, sowohl für deutsche als auch für sorbische Medien, und über das Sorbische bei uns in der Grenzregion an der deutsch-polnischen Verständigung mitwirken."

© SZ.de/jerb
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