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Studium speziale: Freizeitwissenschaft:"Warum sollte man immer nur die Arbeit erforschen?"

Auch Freizeit will gelernt sein.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Leona Köver studiert Angewandte Freizeitwissenschaft - und muss sich ständig erklären: Bekommt man Punkte für seine Hobbys? Zählt der Sommerurlaub als Praktikum? Hier erzählt sie, was sie in dem Fach wirklich lernt.

Leona Köver hat eine Ausbildung als Kauffrau für Tourismus und Freizeit bei einem Sprachreiseveranstalter absolviert. Nun studiert sie: Angewandte Freizeitwissenschaft an der Hochschule Bremen. Was ist das?

So erkläre ich mein Studium: "Ich muss mich ständig erklären. Wenn ich auf WG-Partys mein Fach nenne, kommen Sätze wie: Warum muss man denn Freizeit studieren? Das bekommt doch jeder selbst ganz gut hin. Viele halten uns für eine Art akademische Freizeittrainer und können mit dem Fach erst mal wenig anfangen. Ich glaube, das ist etwas typisch Deutsches: Arbeit hat einen hohen Stellenwert, Freizeit passiert eher so nebenbei. Mit einem Studiengang, in dem es vor allem darum geht, Arbeitsprozesse zu optimieren, müsste man sich nicht rechtfertigen. Aber es ist sinnvoll, sich systematisch mit Freizeit zu befassen, um Angebote schaffen zu können, die Freizeit- und Lebensqualität erhöhen. Warum sollte man immer nur die Arbeit erforschen? Man muss sich nur anschauen, wie sich Touristen durch eine Stadt wie Paris bewegen. Sie machen Fotos vom Triumphbogen, sie machen Fotos vom Eiffelturm, aber nehmen wenig mit. Einfach nur Sehenswürdigkeiten abklappern - geht das nicht besser? Wir befassen uns im Studium viel mit der Frage: Wie kann man transformative Erlebnisse schaffen? Lassen sich Freizeitangebote finden, die Spaß machen, aber auch Möglichkeiten zum Lernen bieten? Wie können diese ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig gestaltet werden?"

Leona Köver

Leona Köver studiert Angewandte Freizeitwissenschaft in Bremen.

(Foto: privat)

Mein Aha-Erlebnis: "Im Studium hatte ich nicht nur ein Aha-Erlebnis, sondern viele kleine. Mit jedem Modul lernt man mehr und nimmt seine Umgebung anders wahr. Wir hatten zum Beispiel im dritten Semester die Aufgabe, eine Stadtführung zu konzipieren, Schwerpunkt: Fassadengestaltung. Seither gehe ich mit ganz anderen Augen durch die Straßen. Die Säulen am Bremer Rathaus haben zum Beispiel alle einen Fußkranz. An einer Säule fehlt der aber. Das hat mich gewundert. Ich bin dem nachgegangen und habe herausgefunden, dass an der Stelle in den 60er Jahren einmal eine Straßenbahn hineingefahren ist. Ohne mein Studium würde ich solche Dinge nicht bemerken."

Der Grundlagentext: "Freizeitwissenschaft: Handbuch für Pädagogik, Management und nachhaltige Entwicklung. 376 Seiten mit allem, was man wissen muss. Wir nennen es im Studium immer die 'Freizeitbibel'."

Der typische Fachbegriff: "Eventisierung. Das hört man oft, aber den Begriff teilen wir uns mit anderen Fächern wie Tourismus-, Event- und Sportmanagement: Immer mehr Freizeitangebote werden zum Event oder als Event inszeniert."

Das muss dringend erforscht werden: "Es gibt inzwischen viele Studien, die abfragen, wie Menschen ihre Zeit verbringen. Wie viele Stunden sitzen sie vor dem Fernseher, wie viele Stunde treiben sie Sport? Was man noch nicht so gut weiß, ist, wie sie ihre Zeit erleben: Bei welchen Aktivitäten vergeht die Zeit zum Beispiel schneller, bei welchen langsamer? Welche werden erfüllend wahrgenommen und warum?"

Was man damit wird: "Am Ende des Studiums sind wir sehr vielfältig aufgestellt und können interdisziplinär arbeiten. Stellen sind in Bereichen wie Tourismus, Kultur, Event, Pädagogik, Nachhaltigkeit und Forschung denkbar. Mein Praxissemester habe ich im Nationalpark Harz absolviert. Dort gibt es einige Waldbereiche, die wie tot aussehen, und viele in der Region befürchten, dass der Tourismus darunter leiden könnte. Für meine Bachelorarbeit habe ich an Besucherinnen und Besucher Fragenbogen verteilt, um herauszufinden, ob sie sich von den Totholzflächen wirklich abschrecken lassen. Ich würde anschließend gern in die Umweltbildung oder Erlebnispädagogik gehen. Warum nicht in einem Nationalpark?"

© SZ.de/edi
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