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Studium:Sind Studiengebühren gerecht?

Zentrale Kundgebung gegen Studiengebühren

1500 Euro pro Semester müssen Nicht-EU-Ausländer in Baden-Württemberg bezahlen. Der Landtag beschloss das Gesetz Anfang Mai.

(Foto: Deniz Calagan/dpa)

Hochschulbildung ist in Deutschland kostenlos. Aber profitieren davon die, die es gar nicht nötig haben? Die Debatte über Studiengebühren ist wieder da. Ein Streitgespräch.

In sieben westdeutschen Bundesländern mussten Studierende zwischen 2006 und 2014 zeitweise für ihre Ausbildung bezahlen - ehe ein Land nach dem anderen die unpopulären Studiengebühren wieder abschaffte. Seit diesem Wintersemester werden internationale Studierende in Baden-Württemberg wieder zur Kasse gebeten, Nordrhein-Westfalen denkt über ein ähnliches Modell nach. Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, findet, der Staat sollte die Hochschulen finanzieren. Bildungsökonom Ludger Wößmann ist anderer Meinung.

SZ: Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer sind gerecht, könnte man sagen. Warum sollten sie auf Kosten des deutschen Steuerzahlers ausgebildet werden? Aber viele deutsche Studierende protestieren dagegen. Warum?

Achim Meyer auf der Heyde: Deutschland braucht Studierende aus aller Welt, weil uns Fachkräfte fehlen. Viele von ihnen wollen hier bleiben oder in ihrer Heimat für deutsche Firmen arbeiten. Aber Modelle wie in Baden-Württemberg - und bald wohl auch in Nordrhein-Westfalen - diskriminieren Nicht-EU-Ausländer. Es ist gut, dass sich die Studierenden für diese einsetzen.

Ludger Wößmann: Viele Studierende haben vielleicht auch das Gefühl, dass das ein Versuchsballon ist, sich dem Thema Studiengebühren generell zu nähern.

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Ist die Angst begründet, dass es bald wieder Studiengebühren auch für deutsche Studierende gibt?

Wößmann: Solange es Deutschland wirtschaftlich gutgeht und die Steuern sprudeln, ist das noch kein Thema. Spannend wird es, wenn ab 2020 die Schuldenbremse greift, die Bundesländer sich also nicht mehr so verschulden können, wie sie wollen. Sollte es dann auch mit der Wirtschaft abwärts gehen, wird man darüber nachdenken, ob man Studierende an den Kosten des Studiums beteiligen kann. Bildung ist ein großer Ausgabenposten in den Ländern.

Meyer auf der Heyde: Die Wissenschaftsminister in Europa stehen deutlich dafür ein, dass Hochschulbildung ein öffentliches Gut ist und in der öffentlichen Verantwortung liegt. Das kann man nicht von wirtschaftlichen Schwankungen abhängig machen.

Wößmann: Sie wird aber nicht von allen genutzt. Drei Viertel der Akademikerkinder gehen zur Uni, aber nur ein Viertel der Arbeiterkinder. Ich bin deshalb der Meinung, dass Studiengebühren gerecht sind.

Das sehen die meisten Deutschen anders.

Wößmann: Ich denke, das täuscht. Diejenigen, die von dem aktuellen Modell profitieren, schreien laut auf, wenn man über Änderungen nachdenkt. Den anderen ist die Ungerechtigkeit vielleicht gar nicht so bewusst: Uni-Absolventen verdienen übers Erwerbsleben durchschnittlich 64 Prozent mehr als Menschen mit abgeschlossener Lehre. So ein Universitätsstudium kostet im Schnitt 8500 Euro pro Jahr. Und das schenkt der Staat denen, die später sowieso viel mehr verdienen.

Meyer auf der Heyde: Akademiker, die tatsächlich mehr verdienen, zahlen auch mehr Steuern. So kommt das Geld wieder rein.

Achim Meyer auf der Heyde

Jahrgang 1952, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. Ohne die Unterstützung seiner Eltern hätte er nicht Volkswirtschaft, Politische Wissenschaften und Psychologie studieren können, aber er musste zuverdienen. Angefangen hat er als studentische Hilfskraft, am Ende arbeitete er als Taxifahrer - damals ließ sich auf diese Weise schneller Geld verdienen.

Wößmann: Das ist ein billiges Argument. Wer nicht studiert hat und trotzdem viel verdient, bezahlt genau so viele Steuern. Wir haben ein progressives Steuersystem, weil wir umverteilen wollen. Leute, die reicher sind, sollen mehr zur Finanzierung der öffentlichen Aufgaben beitragen als die, die ärmer sind. Sinn des Systems ist nicht, dass die Reichen zurückzahlen, was sie vorher geschenkt bekommen haben.

Meyer auf der Heyde: Jeder trägt zur öffentlichen Daseins- und Zukunftsvorsorge so viel bei, wie er kann. Zudem tragen die Studierenden oder ihre Eltern einen Teil ihrer Ausbildungskosten schon selbst, da sie für ihre Lebenshaltungskosten aufkommen müssen. Das wird gerne ausgeblendet bei der Berechnung.

Wößmann: Wohnen und essen müssen Auszubildende auch.

Meyer auf der Heyde: Auch deren Eltern sind zum Unterhalt verpflichtet.

"Die kompletten Kosten zu verlangen, wäre verheerend"

Wenn Studierende Miete, Lebensmittel und noch 8500 Euro im Jahr für das Studium zahlen müssen, werden sich viele das nicht mehr leisten können.

Wößmann: Ich sage nicht, dass die Studierenden die kompletten Kosten übernehmen sollten. Wir hatten Studiengebühren von 500 Euro im Semester. Und es haben nicht weniger junge Leute studiert, auch nicht aus Elternhäusern mit weniger Geld.

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Meyer auf der Heyde: Aber viele Studierende sind in Bundesländer ausgewichen, die keine Gebühren verlangten. Wenn Sie diese bundesweit einführen, geht das nicht. Außerdem hatten die Studiengebühren für die Einzelnen verschiedene Konsequenzen: Bei einigen haben die Eltern gezahlt, andere mussten mehr zu Lasten des Studiums arbeiten.

Kinder von besser und schlechter verdienenden Eltern hätten sehr unterschiedliche Studienbedingungen.

Wößmann: Wenn wir es so machen wie bisher. Deshalb schlage ich das Modell der nachgelagerten Studiengebühren vor. Das löst viele Probleme.

Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Wößmann: Während Sie studieren, zahlen Sie nichts. Wenn Sie nach dem Studium in Ihrem Beruf Erfolg haben und mehr als einen bestimmten Betrag im Jahr verdienen, zahlen Sie etwas zurück. Auf einmal oder in Raten, das kann man machen wie beim Bafög.

Ludger Wößmann

Jahrgang 1973, Leiter des Ifo-Zentrums für Bildungsökonomik in München und Professor für Volkswirtschaftslehre an der LMU. Als Student musste er in den Semesterferien Nachtschichten in einer Kunststofffensterfabrik schieben, um seine Miete finanzieren zu können. Heute könnte er es sich leisten, einen Teil der Kosten seines Studiums zurückzuzahlen, das ihm der Staat geschenkt hat.

Würden Sie unter diesen Kreditbedingungen einen größeren Anteil der Kosten verlangen als bisher? Es gäbe ja auch Ausfälle ...

Wößmann: Das ist letztendlich eine politische Frage. Die kompletten Kosten zu verlangen, wäre verheerend. Dann würden sich wahrscheinlich viele Leute gegen ein Studium entscheiden. Deshalb schlage ich vor, mit 1000 Euro im Jahr oder etwas mehr einzusteigen und dabei erst mal zu bleiben.

Meyer auf der Heyde: Der administrative Aufwand wäre riesig. Bei 1000 Euro pro Jahr rechnet sich das nicht! Die Gebühren würden daher sehr schnell erhöht werden. Je höher aber die Gebühren, desto weniger Absolventen werden sie zurückzahlen können. Und dann muss der Staat am Ende doch einspringen und verschiebt die Ausgaben nur in die Zukunft.

"Wer will dann noch Soziale Arbeit studieren?"

Ein Medizinstudienplatz kostet den Staat viel mehr als ein weiterer BWL-Student. Ist es da richtig, wenn jeder das Gleiche zahlt?

Wößmann: Im Idealfall würde man die Gebühren an den Kosten des Studiums und dem finanziellen Ertrag ausrichten, der durch das Studium entsteht. Aber das ist nicht umsetzbar. Rein praktisch ist es wahrscheinlich am sinnvollsten, wir bleiben bei dem simplen Modell und beteiligen alle gleich.

Meyer auf der Heyde: Wer will dann noch Soziale Arbeit studieren? Viele Fächer würden sich im Vergleich zu einer Ausbildung nicht mehr lohnen.

München: Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik Ludger Wößmann und  Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks Achim Meyer auf der Heyde im Gespräch.

Ludger Wößmann (li.) und Achim Meyer auf der Heyde beim Gespräch im Münchner Ifo-Institut.

(Foto: Stefanie Preuin)

Wößmann: Das betrifft vor allem die sozialen Dienste. Der Arbeitgeber der meisten Absolventen ist hier der Staat. Um genau das zu verhindern, könnte er das spätere Einkommen anheben.

Meyer auf der Heyde: Sie argumentieren nur über den individuellen Ertrag und blenden den gesamtgesellschaftlichen Nutzen aus. Der Staat muss dafür sorgen, dass so viele Menschen wie möglich gut qualifiziert sind - nicht nur die, die er später selbst beschäftigen wird.

Viele Studierende kritisieren, dass zu wenig Geld für Professoren und Tutoren da ist. Könnte man sie von Gebühren überzeugen, wenn sie hier eine Verbesserung spüren - oder ist die Lage doch nicht so schlecht?

Meyer auf der Heyde: Die Hochschulen sind besser finanziert als vor zehn Jahren, aber Geld vom Bund dürfen sie immer nur kurzfristig und zweckgebunden einsetzen. Da muss die Politik umdenken. Das Thema Studiengebühren birgt so viele Konflikte, daran wird sich kein Politiker die Finger verbrennen wollen.

Wößmann: Ich bin mir sicher, dass man eine breite Akzeptanz von Studiengebühren erreichen könnte - vorausgesetzt, man wählt ein nachgelagertes Modell und erklärt den Leute besser als bisher, warum das sinnvoll ist. Anderenfalls gebe ich Ihnen Recht: Einfach zu sagen, wir wollen wieder Studiengebühren einführen, wäre derzeit politischer Selbstmord. Das wird keiner tun.

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