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Studieren in der Corona-Krise:"Wir wissen uns nicht mehr zu helfen"

Bundesagentur für Arbeit

Auch der Jobmarkt für Studierende ist krisenbedingt leergefegt. Dabei sind Hunderttausende auf einen Nebenerwerb dringend angewiesen.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Tausende Studierende haben ihre Nebenjobs verloren, ein Notfonds soll ihnen helfen. Doch am Ende dürfte es für viele weniger Geld geben als erwartet. Jetzt formiert sich Protest.

Es könnte laut werden an diesem Montag, dem 8. Juni, vor dem Hauptsitz des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) in Bonn. Ab elf Uhr wollen sich entlang der Heinemannstraße Studierende aus Nordrhein-Westfalen aufreihen, in gebotenem Abstand natürlich, um mit Lautsprechern und Plakaten zu protestieren: gegen die ihrer Ansicht nach völlig unzureichenden und viel zu späten Corona-Nothilfen für Studentinnen und Studenten. Nicht nur in Bonn, auch in den Landeshauptstädten Hannover, Potsdam, Dresden, Mainz und Wiesbaden sind Kundgebungen geplant. Es ist quasi das Warm-up für die nächste Aktion - eine zentrale Demonstration am 20. Juni in Berlin.

"Wir wissen uns nicht mehr anders zu helfen", sagt Amanda Steinmaus vom FZS. Die bundesweite Studierendenvertretung hatte bereits am 20. März eine Online-Petition auf den Weg gebracht. "Soforthilfe für Studierende jetzt" lautete die Forderung, das Echo war groß, aber die erwünschte Wirkung im Ministerium von Anja Karliczek blieb aus. Deshalb will man nun auf die Straße. "Wir hoffen auf ein Umdenken", sagt Eugen Esman, Vorsitzender des Astas der Uni Köln der Süddeutschen Zeitung. Sein Asta hat den Protest in Bonn angestoßen, er soll notleidenden Studierenden eine Stimme geben und erreichen, "dass sich das BMBF nicht damit abfindet, sie im Stich gelassen zu haben", erklärt der 24-jährige Jurastudent.

Jeder fünfte Studierende steckt in finanziellen Schwierigkeiten, hat eine Umfrage ergeben

40 Prozent der 2,9 Millionen Studierenden in Deutschland haben im Zuge der Corona-Krise ihren Job verloren, wie eine repräsentative Umfrage des Personaldienstleisters Zenjob im Mai ermittelt hat. Demnach sind 22 Prozent in ernste, finanzielle Schwierigkeiten geraten und mussten sich bereits Geld von Freunden oder Verwandten borgen. Das entspricht mehr als 600 000 jungen Menschen, die sich darüber Sorgen machen, wie sie Miete, Semesterbeitrag und Lebensmittel bezahlen sollen. Kurzarbeitergeld gibt es für die meisten nicht, Grundsicherung steht in der Regel nur denen offen, die sich exmatrikulieren. "Es kann nicht sein, dass jemand sein Studium abbricht, um Sozialhilfe zu bekommen", sagt Eugen Esman, und doch hat er von solchen Fällen schon gehört. Das BMBF hält dem bislang zwei Instrumente entgegen: einen kleinen Zinsnachlass beim Studienkredit der KfW-Bank und einen Notfonds.

An beidem gibt es Kritik. "Studierende am Existenzminimum sollen sich verschulden, obwohl wegen der Rezession völlig offen ist, wann und wie sie ihre Schulden zurückzahlen können?", fragt Esman. Diese Logik findet er "grausam". Auch der Notfonds erzürnt Studierende. Wegen seiner relativ geringen Höhe von 100 Millionen Euro, mehr noch aber wegen der Bedingungen. Dachten viele zuerst, Empfänger würden nach einer Bedürftigkeitsprüfung maximal drei Monate lang je 500 Euro erhalten, so ist nun klar: Wer noch 300 Euro auf der Kante hat, bekommt nur 200 Euro dazu. Je höher der Kontostand desto geringer der Zuschuss - so hat es Karliczeks Parlamentarischer Staatssekretär Michael Meister Ende Mai mitgeteilt. Nicht ohne zu betonen: "Das DSW hat die Grenze der Bedürftigkeit von 500 Euro Kontostand definiert."

Das weist das Deutsche Studentenwerk von sich. "Legendenbildung", sagt DSW-Sprecher Stefan Grob der SZ, "wir wollten 500 Euro für alle in akuter Notlage". Auch Studierendenvertreter von Bayern über NRW bis Sachsen sind überzeugt davon, dass das BMBF versucht, dem Studentenwerk den Schwarzen Peter zuzuschieben. Und das gleich doppelt: Während das DSW noch dabei ist, für den Ende April verkündeten Notfonds in aller Eile ein Vergabeportal zu schaffen, datiert das BMBF schon mal dessen Start: Das Studentenwerk strebe den 8. Juni an, heißt es in der Mitteilung von Staatssekretär Meister.

Auch das lässt das DSW nicht unwidersprochen auf sich sitzen. Es wolle sich erst dann "zu einem Starttermin äußern, wenn dieser verlässlich ist, alles andere weckt nur falsche Erwartungen", konterte Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde am vergangenen Donnerstag - und verbreitete zugleich ein bisschen Zuversicht: "Wir streben aber weiterhin die erste Junihälfte an." An diesem Montag jedoch, in Monat vier der Krise, wird es definitiv noch nichts mit der Hilfe vom Staat.

Wer auf das Zukunftspaket der Bundesregierung gehofft hat, sieht sich bitter enttäuscht

Und wer gehofft hat, vielleicht wäre im fulminanten Konjunkturpaket der Regierung etwas für Studierende dabei, der sieht sich seit letzter Woche ebenfalls enttäuscht. Zwar lobte Anja Karliczek, mit 60 Milliarden Euro würde fast die Hälfte der Mittel in die Zukunftsbereiche Bildung, Forschung und Innovation fließen. "Aber dabei hat sie offenbar vollkommen vergessen, dass diese Bereiche in Zukunft vom akademischen Nachwuchs angetrieben werden", wendet der Kölner Asta-Vorsitzende Esman ein: "Es gibt keine Bildung, keine Forschung und keine Innovation von Leuten, die auf der Straße sitzen."

Auch die hochschulpolitische Sprecherin der Linkspartei, Nicole Gohlke, kritisiert das Zukunftspaket: "Studierende, Wissenschaftler oder Forscher werden im Eckpunktepapier nicht einmal erwähnt." Ähnlich sehen das die Grünen: "Es ist fatal, dass die Studierenden in Not auch in diesem Paket leer ausgehen", urteilte die Bundestagsfraktion. Die Corona-Krise entwickele sich für einen Großteil der Studierenden zur "Bildungskrise und Schuldenfalle".

Die Bilanz klingt bitter. Und eine beherzte Nothilfe für Studenten und Studentinnen, die um ihr finanzielles Überleben bangen, ist nicht in Sicht. Jedenfalls heute noch nicht. Es könnte laut werden, an diesem Montag auf der Heinemannstraße in Bonn. Und wer weiß, vielleicht noch lauter bald in Berlin.

© SZ vom 08.06.2020

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