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Studium:"Wir dürfen die hohen Zahlen nicht als gottgegeben hinnehmen"

Studierende in Köln

Immer mehr junge Menschen füllen die Hörsäle - zu besichtigen beispielsweise bei der Erstsemesterbegrüßung im Oktober 2017 in der Universität zu Köln.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Juraprofessor Christian von Coelln erklärt, wie die Vielzahl von Studierenden die Lehre verändert - und was er für das größere Problem hält.

Die Qualität des Studierens hängt nicht zuletzt davon ab, wie viele Studenten sich einen Professor teilen müssen - in Deutschland sind es meist sehr viele. Thüringen, der Primus, kommt auf 44:1, Nordrhein-Westfalen, das Schlusslicht, auf 91:1. Bundesweit betreut ein Professor 66 Studenten, sechs mehr als noch 2010. Im europäischen Vergleich ist das ein schlechter Wert. Was bedeuten solche Zahlen für die Lehre? Ein Gespräch mit Christian von Coelln, Juraprofessor in Köln, der einen "Türöffner" für Gruppen jeder Größe kennt: Wenn er erzählt, wie es für ihn war, mit seinem Namen in Düsseldorf aufzuwachsen.

SZ: Herr von Coelln, wie viele Studenten kommen bei Ihnen auf einen Professor?

Christian von Coelln: In der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln haben wir 35 Professoren für etwa 5300 Studenten. Das ergibt eine Betreuungsrelation von ungefähr eins zu 151.

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Als guter Wert für Jura gilt eins zu 60, in Maschinenbau etwa sogar eins zu 30.

Es ist an den Unis in den letzten Jahren deutlich voller geworden, das ist richtig. Bei uns macht sich das aber nicht so bemerkbar, Jura war immer ein Massenfach. Das ist auch politisch gewollt, wir sind ein sehr billiger Studiengang, wenn man sich die Kosten pro Student ansieht. Für Kollegen aus anderen Fächern ist es schon eine Riesengruppe, wenn sie einmal vor 100 Leuten stehen. Bei uns sitzen 300 bis 400 Leute im Hörsaal, aber auch mal 600. Wir haben deshalb schon vor Jahren die Anfängervorlesung in zwei Gruppen aufgeteilt.

Eine gewisse Anonymität gehört in Jura also einfach dazu?

Geisteswissenschaftler sagen ja oft, sie hätten bei Professor Soundso studiert. Das gibt es bei uns nicht. Bei uns sagen die Leute, sie haben Jura in Köln studiert. Es kommt nicht so stark auf individuelle Betreuung an, vor allem in den ersten Semestern nicht. Später ist das anders, da geht es um Seminararbeiten, um intensivere Gespräche auf höherem fachlichen Niveau.

Das Betreuungsverhältnis ist also in Ordnung aus Ihrer Sicht?

Nein, in Ordnung ist das natürlich nicht. Wir dürfen die hohen Zahlen nicht einfach als gottgegeben hinnehmen. Wir sollten uns ernsthaft Gedanken darüber machen, was eine erstrebenswerte Betreuungsrelation wäre, in Jura und allen anderen Fächern. Vor allem in Nordrhein-Westfalen, wir können nicht immer Schlusslicht sein.

Was würden Sie sich denn wünschen?

Ich kann nicht mit konkreten Zahlen dienen. Aber ich würde mir wünschen, dass ich als Professor früher im Studium mit kleineren Gruppen arbeiten kann. Harvard oder private Hochschulen in Deutschland bringen auch deshalb so gute Absolventen hervor, weil sich die Professoren um viel weniger Studenten kümmern und gezielter auf Probleme eingehen können. Das können wir nicht. Intensiv an Fällen gearbeitet wird bei uns in den Arbeitsgemeinschaften, mit 20 oder 25 Leuten, die leiten meine Mitarbeiter. Ich halte die Vorlesungen, beides geht nicht. Im letzten Semester hatte ich eine Vorlesung, wo am Ende 350 Leute die Klausur geschrieben haben. Da kann ich hinterher nicht mal mit allen sprechen, die nicht bestanden haben.