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Studium:Heute studieren, morgen Terroristen jagen

Ruinen von Palmyra, Syrien

Dschihadisten des IS haben im syrischen Palmyra viele wertvolle Bauwerke zerstört.

(Foto: dpa)

Altertumswissenschaftler untersuchen Raubkunst, Islamwissenschaftler heuern bei Geheimdiensten an: Wie der Terrorismus kleinen Uni-Fächern zu neuer Bedeutung verhilft.

Bärtige Milizionäre hacken auf uralte assyrische Reliefe ein, schlagen unersetzbaren Skulpturen die Köpfe ab, sprengen Tempel. Mit solchen Bildern aus den irakischen Städten Nimrud und Mossul oder dem syrischen Palmyra verbreiten die Dschihadisten des sogenannten Islamischen Staats (IS) ihre Propaganda. Doch der IS zerstört nicht nur, er lässt auch wertvolle Antiken außer Landes schaffen und finanziert damit seinen Terrorkrieg - geraubte Keilschrifttafeln, Münzen oder Gefäße landen auch in Deutschland.

Will man den Kriminellen das Handwerk legen, muss man erst einmal wissen, wie der Handel funktioniert, über welche Zwischenhändler, Länder und Häfen die Objekte nach Europa kommen oder wie der Verkauf im Internet abläuft. Wissenschaftler wollen das nun in einem nationalen Forschungsprojekt klären - doch einfach wird das nicht.

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"Es ist eine Dunkelfeldforschung", sagt der Assyriologe Markus Hilgert, Keilschriftforscher und Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin. Hilgert ist Verbundkoordinator eines Projekts mit dem Kürzel Illicid (siehe Kasten). Bisher könne man nur schätzen, wie viele Objekte privat gehandelt würden. Es sei enorm schwierig, an Informationen zu kommen, so Hilgert. Würden sich die Forscher mit Drogenkriminalität beschäftigen, dann wüssten sie, wie sie es anpacken müssten: "Da geht man in die Gefängnisse und lässt sich von Verurteilten erklären, wie der Handel abläuft." Beim Kulturgüterhandel funktioniere das nicht; es gebe ja keine Häftlinge, die man fragen könnte.

Also wenden sich die Wissenschaftler an "Leute, bei denen wir nicht davon ausgehen, dass sie etwas Illegales tun" - die Händler. Ob die mitziehen oder mauern, will Hilgert nicht verraten; das Projekt laufe bis Ende 2018. Dann soll es eine Datenbank zur Dokumentation von legal und illegal gehandeltem Kulturgut geben und einen Praxisleitfaden für Akteure. Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Illicid mitinitiiert hat, sagt: "Wenn wir es nicht schaffen, den illegalen Handel mit Artefakten aus aller Welt einzudämmen, werden Plünderungen und Raubgrabungen weiterhin stattfinden, denn was verkauft werden kann, wird auch dem Boden entrissen werden." Der illegale Handel bedrohe "unser aller kulturelles Erbe".

Die Altertumswissenschaftler des Vorderasiatischen Museums sind im Projekt dafür zuständig, Objekte zu begutachten: Woher stammen sie, sind sie überhaupt echt? Das leisten neben Hilgert noch eine Archäologin für Vorderasien, eine klassische Archäologin und ein Ägyptologe - also Vertreter jener sogenannten Kleinen Fächer, die gern auch als Orchideenfächer bezeichnet werden. Diese sind immer wieder von Sparzwängen an den Universitäten bedroht; Absolventen tun sich oft schwer, einen Job zu finden, weil sie so hoch spezialisiert sind.

Illicid

Bei dem Forschungsprojekt Illicid geht es um den illegalen Handel mit Kulturgut. Illicid steht dabei für "Verfahren zur Erhellung des Dunkelfeldes als Grundlage für Kriminalitätsbekämpfung und -prävention am Beispiel antiker Kulturgüter". Initiiert wurde das Projekt von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zusammen mit zwei Partnern. Das Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften befragt Gruppen, die mit dem Handel in Verbindung gebracht werden können, also Ämter und Behörden, aber auch Händler und Auktionshäuser sowie Museen und Stiftungen. Ferner ist das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie beteiligt. Dieses untersucht den Handel im Internet, entwickelt IT-Instrumente zur automatischen Angebotssuche und eine Datenbank. Illicid wird vom Bundesforschungsministerium mit 1,2 Millionen Euro im Rahmen des Programms "Forschung für die zivile Sicherheit" gefördert. Ralf Steinbacher

Doch mittlerweile sind viele dieser Disziplinen gesellschaftlich und teils sogar sicherheitspolitisch relevant geworden: Polizei und Geheimdienste werben Islamwissenschaftler an und der Zoll sucht Hilfe bei Universitäten und Museen, wenn er wissen will, ob ein Objekt geschützt ist. Für den Assyriologen Hilgert zeigt das beispielhaft: Man dürfe die kleinen Fächer nicht zugrunde gehen lassen, wenn Politik und Gesellschaft handlungsfähig bleiben wollten. Angesichts der vielen Konflikte und politischen Entwicklungen weltweit gewönnen aber nicht nur Altertumswissenschaften an Bedeutung, sondern auch kultur- und sprachwissenschaftliche Disziplinen wie etwa die Afrikanistik, Iranistik, Nah- und Mitteloststudien, Sinologie, Südasienstudien, Turkologie und Ukrainistik.

Insgesamt 119 Orchideenfächer hat die Forschungseinrichtung "Arbeitsstelle Kleine Fächer" in Mainz derzeit gelistet. Auch das Bundesforschungsministerium hat deren Bedeutung erkannt und jüngst ein Förderprogramm aufgelegt. Baden-Württembergs neuer Strukturfonds für Kleine Fächer ist mit drei Millionen Euro ausgestattet. Denn ihre gesellschaftliche und wissenschaftliche Bedeutung sei groß, sagt Wissenschaftsministerin Theresia Bauer: "Wir wollen verhindern, dass ihre Kompetenzen verloren gehen, denn sie sind unersetzlich und kaum wiederzugewinnen." Ein gutes Beispiel für die Relevanz kleiner Fächer sei die Assyriologie: "Assyriologen sichern das kulturelle Erbe für die Nachwelt, indem sie bedrohte Objekte erkennen, einschätzen, restaurieren und Daten über sie pflegen."