Süddeutsche Zeitung

Studium:Digitale Kompetenz bedeutet mehr als nur ein paar neue Computer

Lesezeit: 3 min

Die Digitalisierung stellt die Hochschulen vor enorme Herausforderungen: Wie soll das Lernen der Zukunft aussehen?

Von Christine Demmer

Lernen Chemiestudenten besser, wenn sie bei Experimenten digitale Medien heranziehen können? Inwieweit hilft eine Online-Lernplattform Theologiestudenten bei der Bibelexegese? Und wie kann eine Software Hochschullehrer bei der Erarbeitung und Auswertung von Klausuren unterstützen?

Mit diesen und ähnlichen Fragestellungen beschäftigen sich viele, wenn auch längst noch nicht alle Hochschulen. Sie müssen aufholen, denn für die Studierenden gehören das Internet und die digitalen Medien seit Kindesbeinen zum Alltag. Moderne Technik erwarten sie auch an der Hochschule. Wenngleich sie sich meist mit dem zufriedengeben, was sie dort vorfinden. Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, formuliert das so: "Sie essen, was auf den Tisch kommt."

Nicht nur ihrer Zielgruppe zuliebe müssen sich die Hochschulen der digitalen Welt öffnen. "Die Wirtschaft verlangt nach neuen, auch nach digitalen Kompetenzen und nimmt die Hochschulen dafür in die Pflicht", erklärt Jens Andreas Meinen, Kanzler der Fachhochschule Münster und Mitglied im Vorstand der Digitalen Hochschule Nordrhein-Westfalen (DH-NRW). Für die Hochschulen sei die Digitalisierung daher ein Thema, das höchste Priorität habe. Der Verbund aus Hochschulrektoren, -präsidenten und -kanzlern sowie Vertretern des Düsseldorfer Innovationsministeriums will Lehre, Forschung und Infrastruktur der Hochschulen in die Neuzeit befördern. Aber nicht mit der Macht der Bestimmer, dafür fehlt ohnehin das Geld, sondern mit der Sorgfalt der Denker.

Im Hochschulentwicklungsplan der Fachhochschule Münster ist die Digitalisierung eines von fünf Kernthemen, die in den nächsten Jahren angegangen werden sollen. Kanzler Meinen erklärt, warum es nicht mit einem Schwung neuer Computer getan ist: "Wir sehen die Digitalisierung nicht nur technisch, sondern fragen uns auch, was das für unseren Bildungsprozess bedeutet." Muss im digitalen Zeitalter womöglich anders gelehrt werden als in der analogen Welt? Angesichts des massiv wachsenden Angebots an Fernkursen, Online-Studiengängen und Massiv Open Online Courses (Moocs) für jedermann kann die Antwort gar nicht anders lauten als: Ja. Die Frage ist nur: Wie?

Antworten sucht auch das Hochschulforum Digitalisierung in Essen. Und wenn irgendwo gute Ideen auf dem Tisch liegen, will es dafür sorgen, dass andere Hochschulen von ihnen erfahren. Initiiert wurde das Hochschulforum vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, dem CHE Centrum für Hochschulentwicklung und von der Hochschulrektorenkonferenz. Das Hochschulforum ist konzipiert als große Plattform, auf der über die vielfältigen Einflüsse der Digitalisierung auf die Hochschulen und insbesondere auf die Hochschullehre diskutiert werden soll. Hochschulkanzler Meinen aus Münster sieht darin keine Konkurrenz für DH-NRW - den Verbund, dem er selbst angehört. Für den Stifterverband findet er lobende Worte: "Er will Initiative zeigen. Der Stifterverband will Themen, die der Wirtschaft wichtig sind, in die Hochschulwelt tragen."

"Bisher war das ein reines Expertenthema"

Das scheint nötig zu sein. Denn an vielen Lehrstühlen sind noch dicke Bretter zu bohren. So erklären sich die Bemühungen vor allem der Politik und der Wirtschaft, die Hochschulen beim Thema Digitalisierung auf Trab zu bringen. "Bisher war das ein reines Expertenthema", erläutert Ralph Müller-Eiselt, Fachmann für digitale Bildung bei der Bertelsmann-Stiftung. "Nun müssen wir in die Breite gehen, nämlich hin zu den Lehrenden: Wo kann der einzelne Professor welche digitalen Hilfsmittel einsetzen?"

Die Lehrenden, das zeigt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung, sind mit Onlinekursen, Präsentationstools und Social Media hinlänglich vertraut. Allerdings stehen die Dozenten nur bedingt hinter dieser Art der Lehre: Sie äußerten Skepsis gegenüber der Wissensvermittlung durch Videos (86 Prozent), sehen ungelöste rechtliche Probleme (62 Prozent) und beklagen den hohen Aufwand in der Vorbereitung (60 Prozent). Drei von fünf Professoren fühlen sich gestört, wenn Studierende in den Vorlesungen Laptops benutzen.

Datenkompetenz

"Data literacy" ist die Fähigkeit, Daten bewusst einsetzen, hinterfragen und auswerten zu können. Das Hochschulforum Digitalisierung sieht darin ein zentrales Gut der Wissensgesellschaft und sucht nach Wegen, sie den Studierenden an den Hochschulen zu vermitteln. Der Erwerb von "Data literacy" sei entscheidend dafür, in der digitalen Welt fachspezifisch Wissen und Kompetenz aufbauen und einsetzen zu können. Das Hochschulforum hat eine Studie ausgeschrieben, die nationale und internationale Beispiele von Fächern, Vermittlungsformaten und Strukturen an Hochschulen mit Blick auf die Vermittlung von Data literacy untersuchen soll. Die Studie soll Wege aufzeigen, wie die neue Basiskompetenz in alle Disziplinen und Curricula integriert werden kann. Christine Demmer

Die fehlende Technik ist nicht der Punkt. Mit der Ausstattung der Hörsäle sind die Studenten zufrieden. "Noch sind sie es", warnt Ralph Müller-Eiselt. Er äußert sich in ähnlicher Weise wie Dräger: "Sie sind gewohnt, das zu nehmen, was ihnen geboten wird. Sobald die Studenten gute digitale Lernkontexte erfahren haben, fordern sie sie als selbstverständlich ein." Nicht jede Hochschule müsse alles digitalisieren. Aber jede brauche eine Strategie für den technologischen Wandel. Diese könne sich auf neue didaktische Angebote und Lehrformen richten. Müller-Eiselt nennt ein Beispiel: "Wenn man sich neue Zielgruppen wie Studierende aus bildungsfernen Familien erschließen will, können digitale Medien helfen, mit der Vielfalt der Studienanfänger und ihrer Vorkenntnisse umzugehen und alle möglichst schnell auf einen ähnlichen Stand zu bringen."

Das Hochschulforum Digitalisierung spendiert jährlich sechs Hochschulen eine kostenlose Strategieberatung. Aus den 56 Hochschulen, die sich zum Programmauftakt im Frühjahr dieses Jahres darum beworben hatten, wählte eine Jury die Hochschule Bochum, die TU Braunschweig, die Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden, die Universität Göttingen, die Pädagogische Hochschule Heidelberg und die Universität Stuttgart aus. Ihre Erfahrungen sollen später allen Hochschulen zugänglich gemacht werden.

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SZ vom 12.10.2017/mkoh
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