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Studium:Zum Bewerbungsgespräch "wie Graf Koks"

Dass sie mit ihrem Auswahlverfahren das Abitur entwerte, weist die TU München zurück - auch ihr System belohne Bewerber mit gutem Abschluss sofort mit einem Studienplatz. Allerdings zählt nicht die reine Abiturnote - sie wird etwa mit der Physiknote verrechnet, wenn jemand Physik studieren will. Alle anderen werden zum Gespräch eingeladen, selbst mit einem Abischnitt von 3,5. Wer besteht, erhält einen Platz, die Anzahl ist unbegrenzt.

Klar ist aber: Die TU will sich weiter von der Note emanzipieren. Ihr Präsident Wolfgang Herrmann forderte vergangenes Jahr, den Unis "erweiterte Gestaltungsräume bei den Zulassungsverfahren" einzuräumen. Die Allgemeinheit, so Herrmann, könne es sich nicht leisten, durch "undifferenzierte Verfahren" wie den NC Ressourcen zu vergeuden. Bewerber nur aufgrund des Abiturs zuzulassen und sie nach einem Jahr "hinauszuprüfen", sei bequem, aber ungerecht und verschwenderisch.

Im Jahr 2000 führte die TU für einige Studiengänge erstmals ein Eignungsfeststellungsverfahren ein, mit der Zeit kamen immer mehr Fächer dazu. Inzwischen musste die Hochschule jedoch zurückrudern. Seit diesem Wintersemester ist das Eignungsfeststellungsverfahren für die Bachelorfächer Informatik, Chemie, Biologie und Mathe nicht mehr erlaubt. Stattdessen gibt es dort nun ein Studienorientierungsverfahren. Der Unterschied: Das Gespräch ist verpflichtend, das Ergebnis aber nicht mehr bindend.

Bewerber müssen Denksportaufgabe lösen

Juristisch ist die Sache kompliziert, das Grundgesetz garantiert freie Berufswahl. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist man mit Eignungstests daher vorsichtig. Nur im Bachelor Chemie gibt es einen. Dort sei Wissen nötig, das man in der Schule nicht lerne, sagt Alexander Wanner, Vizepräsident für Lehre und akademische Angelegenheiten. Über Orientierungsverfahren denke man aber "verstärkt" nach: "Bei Abbrecherquoten von über 20 Prozent sehen wir uns in der Pflicht, etwas zu tun." Wanner prophezeit, dass Auswahlgespräche bundesweit zunehmen werden.

Informatikprofessor Bungartz räumt ein, dass das Auswahlgespräch nicht perfekt sei. Entscheidungen, die von Menschen getroffen werden, seien "immer subjektiv". Dass es aber Blender bevorzuge, glaubt er nicht. Zwei Bewerber hat er an diesem Tag abgelehnt, unter ihnen einen jungen Mann, der "wie Graf Koks" in sein Büro gekommen sei. "Er konnte nicht rüberbringen, dass er sich ernsthaft für die Sache interessiert." Ein anderes Mal, erzählt Bungartz, saß ein Koch vor ihm. Als im Restaurant die IT ausfiel, habe er gebastelt, bis sie wieder lief - und gemerkt, dass Informatik seine Berufung sei. Das Abi holte er in der Abendschule nach. Bungartz gab ihm eine Chance, "natürlich" sagt er.

Doch Motivation reicht nicht, sie darf als "weiches Kriterium" gar nicht in die Bewertung einfließen. Wichtig sind andere Dinge. Eine Frage, die Bungartz gerne stellt: Nach welchem System die Bewerber 100 Menschen der Körpergröße nach sortieren würden. Entscheidend ist die Herangehensweise, nicht die Lösung. Auch Maximilian Zimmer musste eine Denksportaufgabe lösen. "Fand ich super", sagt er. Bungartz und sein Kollege waren sich nach dem Gespräch einig, dass Zimmer fürs Informatikstudium geeignet sei. Zimmer, sagt Bungartz, sei "ein klassischer Nerd".

© SZ vom 20.08.2018/lho
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