bedeckt München 12°
vgwortpixel

Verzögertes Studium wegen Corona:"Das ist absoluter Mist"

Coronavirus · Dresden

Leere Hörsäle bis mindestens zum 27. April: Die TU Dresden verschiebt den Start des Sommersemesters.

(Foto: dpa)

Prüfungen fallen aus, Vorlesungen werden abgesagt, praktische Übungen sollen online stattfinden: Das Coronavirus wirft die Uni-Lehre durcheinander. Eine Umfrage zeigt, wie groß die Verunsicherung unter den Studierenden ist.

Am Freitagnachmittag saß Marie Marx noch in der Institutsbibliothek und lernte für ihr Staatsexamen - bis es plötzlich hieß: In eineinhalb Stunden schließt die Bücherei, um 18 Uhr, nicht um 22 Uhr wie sonst, sie wird auch erst einmal nicht wieder öffnen, nicht morgen, nicht übermorgen, vielleicht auch die nächsten Wochen nicht mehr. Das Coronavirus legte mit einem Mal die Münchner Ludwigs-Maximilians-Universität lahm.

Was das alles bedeutet, das wurde der Lehramtsstudentin erst klar, als sie ihre Sachen schon gepackt hatte. Was ist mit den Schulbüchern, die man nur vor Ort in der Bibliothek einsehen kann, die sie aber braucht, um sich auf die Prüfung vorzubereiten? "Alle waren so aufgeregt. Da hat niemand daran gedacht, noch schnell Seiten abzufotografieren", sagt die 27-Jährige.

Und schließlich war die Frage: Wenn alles abgesagt wird, kann sie dann überhaupt zur Prüfung gehen? Für kommenden Mittwoch waren ihre ersten Examensprüfungen eigentlich angesetzt. Und nun?

Nicht nur Lehramtsstudentin Marx ist beunruhigt. Nach den Schulen haben viele Bundesländer vergangenen Woche auch ihre Universitäten geschlossen - und auch mindestens ebenso plötzlich. Vielerorts sind zwar noch Semesterferien, große Lehrveranstaltungen mit vielen Menschen finden nicht statt. An manchen Hochschulen hatte der Vorlesungsbetrieb bereits begonnen, als die Corona-Epidemie sie zur Vollbremsung zwang. Zum Beispiel an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.

Am kommenden Mittwoch zum Beispiel hätte es für Sozialarbeitsstudierende den Kurs "Kommunikation und Beratung" gegeben, Raum 1.29, 11.45 bis 13.15 Uhr. "Der Dozent hat jetzt zwar schriftliches Material hochgeladen, aber er hat auch gemailt, dass er nicht weiß, wie das alles gehen soll", sagt eine Studentin, 52 Jahre. "Das Seminar sollte ja vor allem aus praktischen Übungen zur Gesprächsführung bestehen." Online-Lehre ist eben nicht immer eine Alternative, wenn der Stillstand länger andauern sollte, meint die Frau, die sich nach Jahren im Beruf jetzt zum Zweitstudium an der Hochschule eingeschrieben hat. Dann müsste sie den Kurs vielleicht in einem späteren Semester nachholen. "Das bedeutet aber eine Verlängerung des Studiums."

Die Verunsicherung bei den Studierenden im Land ist groß. Wie groß, das offenbart nun auch eine Umfrage der Lernplattform Studydrive, die der Süddeutschen Zeitung exklusiv vorliegt. Demnach sehen sich 80 Prozent der Befragten von ihren Hochschulen nicht ausreichend und nicht schnell genug informiert. Nur zwei Prozent sagten, sie fühlten sich bereit für den Semesterstart.

15 Prozent haben Angst, Prüfungen nicht zu bestehen

An der Befragung hatten sich zwischen dem vergangenen Freitag und Montag 4668 Studierende beteiligt, die auf der Plattform registriert sind. Weil die Teilnahme freiwillig war, lässt sich schwer sagen, wie repräsentativ die Ergebnisse sind. Die Macher von Studydrive verweisen darauf, dass sich an der Erhebung aber fast fünf mal so viele Menschen beteiligt haben wie an anderen Umfragen des Portals. Selbst wenn die Zahlen die Verunsicherung also überzeichnen sollten: Sicher scheint zu sein, dass das Thema sehr vielen auf den Nägeln brennt.

Einer der größten Unsicherheitsfaktoren: Was passiert nun mit den Prüfungen? 15 Prozent der Befragten sagen, sie hätten große Sorge, wegen der Corona-Krise die Prüfungen nicht zu bestehen oder schlechter abzuschneiden. 28 Prozent befürchten gar, dass sie ihr Studium werden verlängern müssen.

Das zeigt sich auch in den Kommentaren, die die Studierenden in der Umfrage hinterlassen haben. "Derzeit weiß ich einfach nicht, ob ich durchziehen oder einfach eine Stunde am Tag lernen soll, weil die Klausur sowieso viel später stattfindet", meint ein Nutzer. "Das ist absoluter Mist, weil man sich durch die Unsicherheit nicht auf den Stoff konzentrieren kann." Andere Befragte äußern sich ähnlich.

Marie Marx begann sich nach der Hauruck-Schließung der Bibliothek zu sorgen. Sie hat Asthma, im Prüfungsraum würden die Studierenden zwar nicht nah zusammensitzen. Dafür aber lang, drei, vier Stunden am Stück. "Und zum Examen schleppen viele sich ja auch, wenn sie sich nicht ganz fit fühlen", sagt sie. "Ich hatte kein gutes Gefühl bei dem Gedanken."

Sie schrieb eine Mail ans zuständige bayerische Kultusministerium, eine klare Antwort, sagt sie, habe sie nicht bekommen. Auch auf Twitter drängten viele Lehramtsstudierende darauf, die Termine zu abzusagen. Einer schrieb: "Das Märchen vom 'unaufschiebbaren' Examen glaube ich nicht." Das Kultusministerium blockierte ihn wenig später. Erst am Mittwoch teilte das Ministerium mit, dass es die Staatsexamensprüfungen aussetzt.

Marie Marx ist froh über die Entscheidung. Einerseits. Andererseits muss sie nun ständig damit rechnen, mit wenigen Tagen Vorlauf neue Prüfungstermine genannt zu bekommen. "Das ist ganz schön heftig, gerade für Mathe", sagt sie. "Ich werde jetzt wohl einfach nonstop weiterlernen müssen."

© SZ.de/cku
Studium Was bedeutet das Coronavirus für Studierende?
jetzt

Uni

Was bedeutet das Coronavirus für Studierende?

Die Pandemie bringt auch an den Universitäten vieles durcheinander. Wie damit umgegangen wird und was Studierende wissen sollten.

Zur SZ-Startseite