Süddeutsche Zeitung

Hochschule:Scheiden tut weh

Die Beuth-Hochschule in Berlin trägt den Namen eines preußischen Beamten, der Antisemit war. Ob das so bleiben darf, soll im offenen Diskurs entschieden werden. Doch der entgleitet zusehends.

Der Schriftzug ist gewaltig. Zwei Meter hoch, 60 Meter lang, die Buchstaben aus Beton: "Beuth Hochschule für Technik". Vor zehn Jahren rammte die Berliner Fachhochschule das monumentale Bekenntnis zu ihrem Namenspatron Peter Wilhelm Christian Beuth (1781 - 1853) in die Erde. Beuth gilt als Wegbereiter der Ingenieurwissenschaften, und wer in diesen Tagen den Campus besucht, findet keine Hinweise, dass es mit ihm ein Problem geben könnte. Transparente, Graffiti oder andere Zeichen des Aufruhrs sind nirgends zu entdecken.

Doch der Schein trügt. Tief im Inneren der Hochschule findet ein erbitterter Streit um den Betonheiligen statt. Im Zentrum steht die Frage: Soll, muss die Hochschule den Namen wieder ablegen, den sie sich erst 2008 infolge eines aufwendigen Findungsprozesses verliehen hatte? Beuth war Antisemit. Als preußischer Staatsrat und Ministerialbeamter ging er gegen die Judenemanzipation vor. Im Jahr 1811 hielt er eine Hassrede vor der hochgradig judenfeindlichen "Deutschen Tischgesellschaft". Darin wünschte er Juden den Tod.

Die Hochschule erfuhr davon vor vielen Monaten. Seitdem sucht sie nach einer Haltung. Lässt sich ein judenfeindlicher Namenspatron mit den Werten einer weltoffenen Hochschule vereinen? "Alle Hochschulangehörigen sollen sich in Kenntnis aller Fakten selbständig ein Urteil bilden können", sagt Hochschulpräsidentin Monika Gross. Doch das ist gar nicht so leicht, wie sich gerade zeigt. Kennen viele den Sachstand allenfalls vom Hörensagen und winken bei dem Thema eher genervt ab, stecken einige bis zum Hals in der Materie. An dem von Gross im vergangenen Sommer eingeleiteten "Beuth-Diskurs" lässt sich sehen, wie schwer sich selbst Akademiker mit der Aufarbeitung des Antisemitismus in der deutschen Romantik tun: Zu den Mitgliedern der Tischgesellschaft gehörten neben Beuth auch der Militärreformer Carl von Clausewitz, die Dichter Achim von Arnim und Clemens von Brentano sowie der Philosoph Johann Gottlieb Fichte.

Es ist ein grauer Januartag, nach den Weihnachtsferien kehren Studierende und Lehrende an die Hochschule zurück. Auf dem Campus im sonst so aufmüpfigen Berliner Wedding herrscht business as usual - auch im Asta-Büro. David Czycholl lächelt, legt eine Mappe mit Informationen zur Beuth-Debatte auf den Tisch und lehnt sich zurück. Der Architekturstudent sitzt als Studierendenvertreter in der Arbeitsgruppe, die Monika Gross im vergangenen Sommer einrichtete, um das Thema zu fassen und eine hochschulweite Meinungsbildung zu ermöglichen. Dabei geht die Biowissenschaftlerin geradezu akribisch vor. Neben der Arbeitsgruppe wurde eine Webseite mit Informationen eingerichtet, eine Ausstellung zu Beuth geplant. Von außen bekommt sie Lob für ihr Bemühen um Sachlichkeit, auch intern wird ihr dafür Respekt gezollt.

Czycholl sagt, die Hochschulleitung sei für alle Vorschläge offen. Und doch ist er nicht ganz zufrieden. Nach der Lektüre der diversen Stellungnahmen zu Beuth und dem Austausch mit mehreren externen Experten in der Arbeitsgruppe findet der Asta-Referent: "Wir müssen als Hochschule endlich ein klares Statement gegen Antisemitismus in der Gesellschaft abgeben". Die geplante Beuth-Ausstellung auf dem Campus reiche dazu nicht aus.

In dieser Woche, am 17. und 18. Januar, steht ein wissenschaftliches Symposium mit Fachvorträgen und einer Podiumsdiskussion an, in der es ganz generell über die "Herausforderung" bei der "Namensgebung von Bildungseinrichtungen" gehen soll. Dass es dabei bleiben wird, darf bezweifelt werden. Denn schon im Vorfeld gibt es Ärger um die Zusammensetzung des Podiums: Dort wird Reinhard Thümer sitzen, der ehemalige Präsident der Hochschule, unter dessen Führung Beuth zum Namenspatron erhoben wurde; Thümer lehnt eine Umbenennung vehement ab. Für Befürworter eines neuen Namens war dagegen zunächst kein Platz auf dem Podium vorgesehen. Erst nach deren zähem Protest lud die Hochschulleitung in der vergangenen Woche einen Vertreter der Initiative zur Umbenennung der Beuth-Hochschule ein. "Wir gelten als Nestbeschmutzer, welche die Spaltung der Hochschule betreiben", erklärt Achim Bühl, Professor für Techniksoziologie und Sprecher der Initiative, "das will man nicht".

"Haben wir nichts Besseres zu tun?"

Die Episode ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die sich wie Bühl im Diskurs ausgebremst fühlen. Indizien dafür haben sie: Als die Umbenennungsinitiative eine eigene Seite im Onlineportal der Hochschule für sich beantragte, kam eine Absage. Auf der von der Hochschulleitung gepflegten Seite zum "Beuth-Diskurs" ist die Initiative mittlerweile zwar genannt, das dazu gehörende Papier aber nur mit Passwort zu öffnen. Wer mehr wissen will, muss sich bis zur persönlichen Seite des Philosophieprofessors Matthias Schmidt durchklicken. "So steuert die Hochschulleitung Aufmerksamkeit", sagt Bühl, "sie sorgt dafür, dass wir möglichst nicht wahrgenommen werden." Der gesamte Prozess, sagt Bühl, sei "so konzipiert und gelenkt, dass eine Pseudolegitimation für die Nichtumbenennung der Hochschule beschafft wird".

Im Anschluss an die Konferenz will Hochschulpräsidentin Gross in einer Umfrage unter Studierenden und Mitarbeitern ein Stimmungsbild einholen. Es wird zeigen, ob die in der Diskussion engagierten Studierenden und Professoren mit ihren Befürchtungen richtig liegen - und Beuths Antisemitismus dem Gros der gut 14 000 Hochschulangehörigen egal ist. Studierende sähen die Hochschule "als puren Dienstleister", erklärt Czycholl, sie erwarteten eine gute Lehre - und sonst nichts. Dabei habe die Hochschule "neben dem fachlichen Bildungsauftrag auch einen politischen" und müsse "zur Auseinandersetzung mit Gesellschafts- oder Umweltthemen beitragen", zitiert Czycholl das Berliner Hochschulgesetz. Auch viele Lehrende begegneten dem Namensstreit gleichmütig, sogar von Unverständnis wird berichtet. "Haben wir nichts Besseres zu tun?" wollen manche hinter vorgehaltener Hand aus Professorenmund gehört haben.

Der Ton im Streit wird schärfer. Im Oktober legte Ex-Präsident Reinhard Thümer eine hoch umstrittene Stellungnahme zu Beuth vor. Er kommt darin zu dem Schluss, dass der aktuelle Kenntnisstand keineswegs hinreichend für eine "Klassifizierung Beuths als Antisemit" sei. Ein Tusch im Diskurs, der nun auch die Fachwissenschaft jenseits der Hochschule auf den Plan ruft. Dass dem so sein würde, war Thümer wohl bewusst. Doch, erklärt er sein Motiv, hätten ihm die "wenigen Hinweise" einfach nicht ausgereicht, um über Beuth den Stab zu brechen. "Als Wissenschaftler" habe er sich "herausgefordert gefühlt". Deshalb fuchste er sich in historische Forschungsarbeit ein, prüfte Quellen, suchte neue und legte seine Erkenntnisse dann eben auch vor.

Während Rektorin Gross in Thümers Stellungnahme einen "wichtigen wissenschaftlich neuen Beitrag zur Debatte" sieht, hält Bühl das Papier für eine "Verharmlosung des christlichen wie völkischen Antisemitismus des preußischen Staatsbeamten Beuth". Kritik kommt auch von außen: Der Autor sei ein "Hobby-Historiker", dem die "Vertrautheit mit der einschlägigen Literatur zur Geschichte des Antisemitismus" fehle, sein Text sei "kein wissenschaftliches Gutachten", sondern voller Ungenauigkeiten und Verfälschungen, urteilt Uffa Jensen vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin in einer an die Hochschulleitung gerichteten Stellungnahme, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Mündlich sagt er, dass die Hochschule "an der Person Beuth hängt", sei verständlich. Die Auseinandersetzung mit Beuths Antisemitismus dürfe aber weder "zum Kampfplatz für die Rettung individueller Lebensleistungen" werden noch einen "Kampagnen-Charakter" erfahren. Letzteres wäre der "ideale Nährboden für Verschwörungstheorien", mahnt Jensen.

Tatsächlich erfährt man in Gesprächen schon von manchen, die sich aus Angst vor Sanktionen nicht öffentlich äußern wollen und sogar eine Überwachung ihrer Mailaccounts nicht für ausgeschlossen halten. Andere schweigen aus Sorge, "das Falsche" zu sagen oder "missverstanden" zu werden, und dadurch womöglich als "Antisemit" etikettiert zu werden.

Von solchen Ängsten weiß auch Monika Gross. Entsprechend deutlich ruft sie nun zur Ordnung: Niemand dürfe "in die Ecke gestellt werden. Ich erwarte einen respektvollen Umgang und wünsche keine persönlichen Herabwürdigungen", mahnt sie. Ob die drohende Spaltung der Hochschule mit solchen Appellen verhindert werden kann, ist noch nicht ausgemacht. Sicher ist: Die Entscheidungsfindung wird dauern. Und sie kann schmerzlich werden.

Wie sehr die Trennung von einem Namen eine Hochschule umtreiben kann, ließ sich zuletzt in Greifswald beobachten. Bis vor Kurzem trug die Universität der Stadt den Namen des 1860 verstorbenen Schriftstellers und Politikers Ernst Moritz Arndt, der als glühender Patriot verehrt wurde, ehe ihn antisemitische und fremdenfeindliche Passagen in seinen Schriften ins Zwielicht rückten. Bis die Universität sich nach schier endlosen Debatten von Arndt trennte, vergingen Jahrzehnte.

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SZ vom 14.01.2019/mkoh
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