Hochschule Scheiden tut weh

Die Beuth Hochschule für Technik rammte vor zehn Jahren ein monumentales Bekenntnis zu ihrem Namenspatron Peter Wilhelm Christian Beuth (1781 - 1853) in den Boden.

(Foto: Christine Prußky)

Die Beuth-Hochschule in Berlin trägt den Namen eines preußischen Beamten, der Antisemit war. Ob das so bleiben darf, soll im offenen Diskurs entschieden werden. Doch der entgleitet zusehends.

Von Christine Prußky

Der Schriftzug ist gewaltig. Zwei Meter hoch, 60 Meter lang, die Buchstaben aus Beton: "Beuth Hochschule für Technik". Vor zehn Jahren rammte die Berliner Fachhochschule das monumentale Bekenntnis zu ihrem Namenspatron Peter Wilhelm Christian Beuth (1781 - 1853) in die Erde. Beuth gilt als Wegbereiter der Ingenieurwissenschaften, und wer in diesen Tagen den Campus besucht, findet keine Hinweise, dass es mit ihm ein Problem geben könnte. Transparente, Graffiti oder andere Zeichen des Aufruhrs sind nirgends zu entdecken.

Doch der Schein trügt. Tief im Inneren der Hochschule findet ein erbitterter Streit um den Betonheiligen statt. Im Zentrum steht die Frage: Soll, muss die Hochschule den Namen wieder ablegen, den sie sich erst 2008 infolge eines aufwendigen Findungsprozesses verliehen hatte? Beuth war Antisemit. Als preußischer Staatsrat und Ministerialbeamter ging er gegen die Judenemanzipation vor. Im Jahr 1811 hielt er eine Hassrede vor der hochgradig judenfeindlichen "Deutschen Tischgesellschaft". Darin wünschte er Juden den Tod.

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Die Hochschule erfuhr davon vor vielen Monaten. Seitdem sucht sie nach einer Haltung. Lässt sich ein judenfeindlicher Namenspatron mit den Werten einer weltoffenen Hochschule vereinen? "Alle Hochschulangehörigen sollen sich in Kenntnis aller Fakten selbständig ein Urteil bilden können", sagt Hochschulpräsidentin Monika Gross. Doch das ist gar nicht so leicht, wie sich gerade zeigt. Kennen viele den Sachstand allenfalls vom Hörensagen und winken bei dem Thema eher genervt ab, stecken einige bis zum Hals in der Materie. An dem von Gross im vergangenen Sommer eingeleiteten "Beuth-Diskurs" lässt sich sehen, wie schwer sich selbst Akademiker mit der Aufarbeitung des Antisemitismus in der deutschen Romantik tun: Zu den Mitgliedern der Tischgesellschaft gehörten neben Beuth auch der Militärreformer Carl von Clausewitz, die Dichter Achim von Arnim und Clemens von Brentano sowie der Philosoph Johann Gottlieb Fichte.

Es ist ein grauer Januartag, nach den Weihnachtsferien kehren Studierende und Lehrende an die Hochschule zurück. Auf dem Campus im sonst so aufmüpfigen Berliner Wedding herrscht business as usual - auch im Asta-Büro. David Czycholl lächelt, legt eine Mappe mit Informationen zur Beuth-Debatte auf den Tisch und lehnt sich zurück. Der Architekturstudent sitzt als Studierendenvertreter in der Arbeitsgruppe, die Monika Gross im vergangenen Sommer einrichtete, um das Thema zu fassen und eine hochschulweite Meinungsbildung zu ermöglichen. Dabei geht die Biowissenschaftlerin geradezu akribisch vor. Neben der Arbeitsgruppe wurde eine Webseite mit Informationen eingerichtet, eine Ausstellung zu Beuth geplant. Von außen bekommt sie Lob für ihr Bemühen um Sachlichkeit, auch intern wird ihr dafür Respekt gezollt.

Czycholl sagt, die Hochschulleitung sei für alle Vorschläge offen. Und doch ist er nicht ganz zufrieden. Nach der Lektüre der diversen Stellungnahmen zu Beuth und dem Austausch mit mehreren externen Experten in der Arbeitsgruppe findet der Asta-Referent: "Wir müssen als Hochschule endlich ein klares Statement gegen Antisemitismus in der Gesellschaft abgeben". Die geplante Beuth-Ausstellung auf dem Campus reiche dazu nicht aus.

In dieser Woche, am 17. und 18. Januar, steht ein wissenschaftliches Symposium mit Fachvorträgen und einer Podiumsdiskussion an, in der es ganz generell über die "Herausforderung" bei der "Namensgebung von Bildungseinrichtungen" gehen soll. Dass es dabei bleiben wird, darf bezweifelt werden. Denn schon im Vorfeld gibt es Ärger um die Zusammensetzung des Podiums: Dort wird Reinhard Thümer sitzen, der ehemalige Präsident der Hochschule, unter dessen Führung Beuth zum Namenspatron erhoben wurde; Thümer lehnt eine Umbenennung vehement ab. Für Befürworter eines neuen Namens war dagegen zunächst kein Platz auf dem Podium vorgesehen. Erst nach deren zähem Protest lud die Hochschulleitung in der vergangenen Woche einen Vertreter der Initiative zur Umbenennung der Beuth-Hochschule ein. "Wir gelten als Nestbeschmutzer, welche die Spaltung der Hochschule betreiben", erklärt Achim Bühl, Professor für Techniksoziologie und Sprecher der Initiative, "das will man nicht".