Studium:Studierende und Dozenten begehen ähnliche Denkfehler

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Die Seminarleiterin hingegen, die durch Führung einer Anwesenheitsliste alle dazu anhält, der Pflicht auch dann nachzukommen, wenn der innere Schweinehund mal einen Extraknochen fordert, übt diesen undankbaren Job nur verwaltend aus. Sie ist nicht die Instanz, der die Pflicht geschuldet wird.

Diese grundlegende Einsicht ist auf beiden Seiten der Debatte in Vergessenheit geraten. Manche Lehrpersonen verstehen sich so, als seien in erster Linie sie es, denen Studierende die Anwesenheit schulden. Mit Recht weisen die Studierenden dies als Zumutung zurück. Im Gegenzug jedoch leiten sie daraus ab, es sei ihre Entscheidung, ob sie zu einer Seminarsitzung erscheinen. Damit begehen sie nicht nur - spiegelbildlich - denselben Denkfehler, sie verstricken sich auch in einen Widerspruch.

In anderen Kontexten nämlich beklagen die Studierenden gern ihre existenzielle Vereinzelung an der Massenuniversität. Sie fühlen sich unter dem Effizienzimperativ der quantitativen Studienerfolgsmessung als Konkurrenten in den Kampf um credit points hineingetrieben. Geht es aber um die Idee einer Mitarbeitspflicht in Seminaren, so propagiert man im Namen der "Selbstbestimmung" genau den beziehungslosen Individualismus, den man gerade noch anprangerte.

Freilich wäre es ungerecht, die Blindheit für diesen Selbstwiderspruch allein den Studierenden anzulasten. Auch die Universitäten müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, durch die in den vergangenen zwanzig Jahren betriebene Ökonomisierung ihres Selbstverständnisses an der Zerstörung der normativen Grundlagen mitgewirkt zu haben. Ohne diese ist es ihnen nun unmöglich, eine Mitarbeitspflicht in Seminaren gegenüber den Studierenden glaubwürdig zu vertreten.

Aus den Gesichtern derer, die einander Mitstreiterinnen und Mitstreiter sein sollten, starrt ihnen der auf eigene Rechnung handelnde homo oeconomicus entgegen, den sie gerufen haben. Allein die Wiederbelebung der Idee eines Seminars als Bildungsgemeinschaft, aus der die individuelle Pflicht hervorgeht, zum kollektiven Erfolg das Seinige beizutragen, könnte daran grundlegend etwas ändern.

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