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Studieren ohne Abitur:Erst die Arbeit, dann die Uni

Münchner Medizinstudent Marc Schlinger, der ohne Abitur Medizin studiert, vor der Anatomischen Sammlung, bzw. Anatomischen Anstalt (steht so am Eingang), Pettenkofer Str. 11.

Hinter diese Mauer gelangt man sonst nur mit Einser-Abitur: Der Medizinstudent Marc Schlinger vor der Anatomischen Anstalt der Münchner LMU.

(Foto: Florian Peljak)
  • Etwa 50 000 Studierende an den deutschen Hochschulen haben kein Abitur. Ihre Zahl hat sich von 2010 bis 2014 nahezu verdoppelt.
  • Kürzlich hat eine Studie gezeigt, dass Nicht-Abiturienten im Studium häufiger Probleme bekommen als ihr Kommilitonen mit allgemeiner Hochschulreife.
  • Es gibt aber auch Fälle, wo Studieren ohne Abi sehr gut funktioniert - etwa an der medizinischen Fakultät der LMU in München.

Wer Medizin studieren will, der braucht ein Einser-Abitur - das gilt seit vielen Jahren. Doch was viele nicht wissen: Ungefähr drei Prozent aller Studenten in Deutschland haben gar kein Abitur. Selbst unter angehenden Ärzten und in Studiengängen mit Numerus clausus tummeln sich Nicht-Abiturienten. Ihnen hat der sogenannte "Hochschulzugang für qualifizierte Berufstätige" den Einstieg ermöglicht.

Einer von ihnen ist Marc Schlinger. Er ist 32 Jahre alt, studiert Medizin an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und steht kurz vor dem Physikum. Nach seinem Realschulabschluss absolvierte er eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Schnell wurde ihm damals klar, dass er selbst Arzt werden will: Immerhin war er es, der den Medizinstudenten im Krankenhaus beibrachte, wie man Blut abnimmt oder richtig Zugänge legt. Zunächst schien die einzige Möglichkeit zu sein, das Abitur an der Abendschule nachzuholen. Ein zeitraubender, langwieriger Prozess, der mit einem Vollzeitjob im Schichtdienst schwer vereinbar ist.

Durch Zufall stieß Schlinger auf die Möglichkeit des Hochschulzugangs für qualifizierte Berufstätige, den einige Universitäten in Deutschland anbieten. Bedingung für eine Bewerbung sind in der Regel eine abgeschlossene Ausbildung in einem verwandten Fach und drei Jahre Berufserfahrung. Wer diese Voraussetzungen erfüllt, kann sich für das hochschulinterne Bewerbungsverfahren bewerben.

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Die LMU stellt die Eignung des Bewerbers unter anderem in einer zweistündigen schriftlichen Prüfung fest, die dem "Test für medizinische Studiengänge", kurz TMS, ähnelt. Gewöhnlich legen Abiturienten, die Medizin studieren möchten, diesen Test ab. Manche Universitäten verrechnen das Testergebnis im TMS mit der Abiturnote, die sich dadurch aufbessern lässt. Der zweite Teil des Bewerbungsverfahrens ist ein 30-minütiges Prüfungsgespräch, das der Studiendekan der Vorklinik, Professor Michael Meyer, persönlich führt. In dem Gespräch versucht er vor allem herauszufinden, warum der Bewerber im meist vorgerückten Alter noch Medizin studieren möchte und wie realistisch seine Vorstellungen vom Studium sind. Der Kandidat sollte unter anderem wissen, wie das Studium organisiert ist und erklären können, wie er mit potenziellen Misserfolgen und Konflikten umgehen würde.

Nach Test und Gespräch vergibt die LMU eine Note, wobei der schriftliche und der mündliche Teil gleich gewichtet werden. Mit dieser Note kann sich der Bewerber bei der zentralen Vergabestelle für Medizinstudienplätze bewerben, sie zählt sozusagen als Abiturnote. Eine Zulassung ist allerdings nur an der Universität möglich, die die Note vergeben hat, und auch nur im Fach Medizin.