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Studieren ohne Abitur:Angst vor der bunten Truppe

Akademische Bildung für Berufspraktiker liegt im Trend. Gerade die Universitäten scheinen sich aber mit der neuen Klientel schwer zu tun - denn die Studenten ohne Abitur brauchen oft andere Betreuung und Beratung.

Wenn seine Kumpels in diesem Supersommer zum Baden gehen wollten oder den Grill anwarfen, musste Björn Noeske die Zähne zusammenbeißen. Andere Leute haben am Wochenende frei - Noeske paukte BWL. Der 33-jährige Betriebsleiter studiert nebenher, und das, obwohl er weder Abitur noch Fachabitur hat. An der Fachhochschule Brandenburg geht das, sie kümmert sich sogar besonders gut um diese sogenannten beruflich Qualifizierten. Viele Studenten an dieser FH studieren berufsbegleitend, fünf Prozent haben keine formale Hochschulzugangsberechtigung.

So wie Noeske, der nach der Realschule in die Drucker-Lehre ging, aber nicht ewig in drei Schichten an den Maschinen stehen wollte. 2007 machte er deshalb seinen Meister. Im selben Jahr wechselte er die Firma; seit ein paar Jahren leitet er nun in Brandenburg an der Havel eine Druckerei mit rund 60 Mitarbeitern. Eine klassische Karriere mit Lehre. Es gab nur ein Problem: Betriebsleiter Noeske hatte Defizite in Betriebswirtschaft. Das holt er eben mit dem Studium nach, im Frühjahr steht der Bachelor-Abschluss an.

Hörsaal Gutenberg-Universität Mainz

Erstsemesterin Mainz: Schon drei Prozent aller Studienanfänger in Rheinland-Pfalz kommen ohne Abitur.

(Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Seit Jahren wächst die Zahl der Studenten ohne Abitur kontinuierlich, zuletzt waren bundesweit gut 46 000 Menschen aus der Gruppe immatrikuliert. Fast doppelt so viele wie 2010, das haben das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und der Stifterverband für die Wissenschaft errechnet. Die Quote liegt bundesweit bei 1,8 Prozent aller Studenten; also gut jeder fünfzigste. Zum Semesterbeginn in diesen Tagen wird ein neuer Rekord erwartet. Der schwarz-rote Koalitionsvertrag definiert diese Übergänge von der beruflichen zur akademischen Bildung als eine Zukunftsaufgabe für "Wachstum, Innovation und Wohlstand", bei der es "trotz mancher Fortschritte nach wie vor Nachholbedarf gibt".

Noch ist es nämlich gar nicht so einfach, von der Werkbank in den Hörsaal zu wechseln, jedenfalls an staatlichen Hochschulen. Einer der Gründe dafür ist die "Selektion bei der Zulassung", sagt Walburga Katharina Freitag. Sie leitet am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) den Bereich Lebenslanges Lernen: "Wenn man fragt, warum denn nicht mehr Leute ohne Abitur studieren, dann muss man sagen: Es werden nicht mehr zugelassen." Die beliebtesten 50 Prozent aller grundständigen Studiengänge an staatlichen Hochschulen seien örtlich zulassungsbeschränkt - und für die gelte in den meisten Ländern eine Quote von drei Prozent für die Gruppe ohne Abitur. "Analysen zeigen zudem, dass die Universitäten das Feld den Fachhochschulen und den Privaten überlassen", sagt Freitag.

Quelle: Centrum für Hochschulentwicklung

Sigrun Nickel vom CHE bestätigt, dass das Gros der beruflich Qualifizierten an Fachhochschulen studiert. Unis seien anders als die FHs eben selten anwendungsorientiert, viele Professoren hätten keine Berufspraxis - und Leute mit Ausbildung müssten anders abgeholt werden als Abiturienten, bräuchten besondere Betreuung und Beratung. Die Unis hätten aber in der Regel kein Interesse, dafür Ressourcen abzustellen. Von Ausnahmen abgesehen: In Niedersachsen zum Beispiel führen drei Universitäten das Beliebtheitsranking bei Studenten ohne Abitur an. "Hochschulen sind in ihrem Selbstverständnis meistens nur auf das Alter zwischen 18 und 25 ausgerichtet", hieß es dazu mal beim Stifterverband. In Zukunft säßen im Hörsaal jedoch immer häufiger "bunte Truppen aus Schulabgängern und Mittvierzigern mit Berufserfahrung". Das Studium, auch an Universitäten und nicht nur an praxisnahen FHs, müsse sich besser auf neue Zielgruppen einstellen.

Das Hauptproblem aber sei der Dschungel von Detailregelungen, der schon Interessenten den Weg ins Studium schwer mache, so Nickel. Der rechtliche Rahmen sei in den Ländern zu unterschiedlich: Mal gebe es landesweite Quoten, mal müssten die Unis diese selbst festlegen, manchmal gebe es Zugangsprüfungen. Mehr noch: Mal genüge eine zweijährige Berufspraxis, mal müssten es drei Jahre sein, in Rheinland-Pfalz könne man dagegen direkt nach der Lehre schon studieren. Nickel empfiehlt "bundesweit einheitliche, einfache und transparente Zugangsregeln".

Expertin Freitag nennt noch weitere Hürden, die es den beruflich Qualifizierten an staatlichen Einrichtungen schwer machen. Es könne nur selten berufsbegleitend und zur Weiterbildung studiert werden. Deshalb müssten sich beruflich Qualifizierte gegenwärtig normale Bachelor-Studiengänge suchen, die so flexibel angelegt sind, dass sie weiterhin arbeiten gehen könnten. Das gibt es aber selten, Stichwort Bologna-Reform, die Studieren eher in die andere Richtung entwickelt hat; mit mehr Verschulung und Vorschriften.

Experten rügen einen Dschungel an Regelungen - dass jedes Land den Zugang anders handhabt

Zum Beispiel die Uni Hamburg, die eine Tradition beim Hochschulzugang für Leute ohne Abitur hat, führt derlei Angebote. Zudem gibt es laut Studienberatung ein Beratungsnetz für Berufstätige und da werde über Prüfungen, Zulassung und Anforderungen informiert, ferner habe man Coachings für die spezielle Klientel. Hamburg liegt im Bundesländer-Vergleich mit einer Quote bei den Studenten ohne Abitur von 5,2 Prozent vorne. Allerdings: Nicht die örtliche Universität führt im Land das Beliebtheitsranking bei beruflich Qualifizierten an, sondern die private Fern-Hochschule der Hansestadt. Private kosten zwar Geld, punkten aber mit Flexibilität. Besonders die Fern-Universität Hagen hat enormen Zulauf, was auch daran liegt, dass ein Großteil des Studiums online absolviert werden kann - wichtig für Berufstätige, die eine Familie haben. Auch für die staatliche FH Brandenburg, an der Björn Noeske studiert, ist die neue Klientel eine wichtige Zielgruppe. Was daran liegt, dass in Brandenburg die Studienanfängerzahlen sinken - die Geburtenrate nach der Wende hat sich fast halbiert. 2014 hat die FH ein eigenes "Zentrum für Durchlässigkeit und Diversität" als Servicestelle gegründet. Im berufsbegleitenden Bachelor BWL registriere die Hochschule eine Abbruchquote von unter 20 Prozent, heißt es. Das sei deutlich besser als in vergleichbaren Studiengängen.

Einfach ist ein berufsbegleitendes Studium freilich nicht. Noeske kann sich an viele Abende erinnern, an denen er - nach einem Arbeitstag - noch bis Mitternacht vor dem Computer gesessen hat, sein gesamter Urlaub der vergangenen Jahre ging fürs Lernen auf Prüfungen drauf. Doch er ist ehrgeizig - und das verbindet ihn mit vielen berufstätigen Studenten, wie Befragungen zeigen. Sein Motto: "Man muss sich attraktiv machen für den Arbeitsmarkt."