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Studieren in Nahost:Fast 250 000 Studenten an einer Hochschule

Die Kairo-Universität ist völlig überlaufen. Gut eine Viertelmillion Studenten besuchen die Massenhochschule, fast 13 000 wissenschaftliche Angestellte arbeiten hier. Nach der Al-Azhar-Universität, ebenfalls in Kairo, ist es die zweitgrößte Hochschule Afrikas. In einen der Vorlesungssäle passen 5000 Studenten.

1908 wurde sie als private Hochschule gegründet. Seit sie 1925 verstaatlicht wurde, gehört sie zu den etwa 20 staatlichen Hochschulen. Studenten kommen aus ganz Ägypten, aus allen Schichten der Gesellschaft - die niedrigen Gebühren machen es möglich.

Viele berühmte Persönlichkeiten haben hier studiert, darunter auch einige Nobelpreisträger, wie der verstorbene ägyptische Schriftsteller Naguib Mahfouz. 2009 hielt US-Präsident Barack Obama seine an die islamische Welt gerichtete Rede an der Universität.

Frustrierte Dozenten, ungebildete Absolventen

Doch das liegt schon eine Weile zurück, heute verliert die Hochschule immer mehr ihren Glanz: Bombenanschläge und Proteste sind fast Alltag. Demotivierte Studenten und lustlose Professoren auch. Die Ausbildung ist schon lange nicht mehr das, was sie mal war.

"Unsere Studenten haben mit dieser Bildung kaum Perspektiven", sagt Ahmed Abd Rabou. Er unterrichtet seit drei Jahren Politikwissenschaft an der Uni. Im jüngsten Semester schaffte er gerade mal 40 Prozent seines Lehrplans, für mehr war keine Zeit. "Dementsprechend sahen die Prüfungen der Studenten aus. Sie waren lächerlich", sagt Abd Rabou. Dieses Jahr ließ er sich beurlauben.

"Ich bin frustriert über die Ausbildung, die wir den Studenten geben - oder eher nicht geben. Und natürlich auch über die politische Situation", sagt er. "Wie sollen wir die Studenten unter diesen Umständen auf ein Berufsleben vorbereiten?", fragt er. Jährlich kommen etwa eine Dreiviertelmillion Absolventen in Ägypten auf den Arbeitsmarkt, nur wenige finden eine Stelle.

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Das liegt auch an der Wirtschaft. Die lahmt seit vielen Jahren, die Arbeitslosenrate steigt: Laut einem Bericht der ägyptischen Zentralagentur für Mobilisation und Statistik sind von den 87 Millionen Einwohnern 13,4 Prozent arbeitslos - tatsächlich aber dürfte der Anteil weitaus höher liegen. Gut ein Drittel der Bevölkerung ist zwischen 18 und 29 Jahre alt. Von ihnen sind schon nach offiziellen Angaben rund 29 Prozent ohne Job.

Die Hoffnungen nach der Revolution haben sich zerschlagen

Nach der Revolution erhofften sich vor allem die Jugendlichen grundlegende Veränderungen, besonders an den Universitäten. Moderner, berufsorientierter, unabhängiger und vor allem demokratischer sollten sie werden. Doch alles blieb, wie es war: Das Hochschulsystem hat sich nicht verändert und von Demokratie kann kaum die Rede sein.

Die nach der Revolution erzielten Freiheiten - wie freie Wahlen, Rede- und Versammlungsfreiheit - sind wieder beschnitten worden. Inzwischen werden auch die Universitätspräsidenten und Fakultätsdekane wieder vom Präsidenten ernannt, statt gewählt zu werden, wie es nach der Revolution üblich war . "Die Studenten sind enttäuscht. Sie fühlen sich unterdrückt, werden eingeschüchtert. Viele haben Angst", sagt Professor Abd Rabou. Er meint auch die Wissenschaftler.

Maha Tarek arbeitet seit mehr als 15 Jahren an der Kairo-Universität. "Noch nie war es so schlimm wie heute. Nicht mal zu Mubaraks Zeiten", sagt die Politikwissenschaftlerin. "Als der dann aus dem Amt gejagt wurde, hatten wir an der Uni den Höhepunkt unserer Freiheit", sagt sie. Politische Debatten, Workshops, Podiumsgespräche und Konferenzen mit großen Kontroversen - alles war erlaubt.

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