bedeckt München 31°

Neue Studie:An der Realschule erklärt eher mal der Erdkundelehrer Politik

Woher kommen die Unterschiede? Eine Erklärung, vermutet Achour, mag darin liegen, dass es gerade außerhalb der Gymnasien an Politiklehrern mangelt. Zahlen dazu gibt es bislang zumindest für Nordrhein-Westfalen. Forscher der Uni Bielefeld ermittelten, dass im Schuljahr 2016/2017 an den Realschulen 62,7 Prozent der Politik- und Wirtschaftsstunden von fachfremden Lehrkräften erteilt wurden, ähnlich hoch war der Wert an den Gesamtschulen. An den Gymnasien des Bundeslandes hingegen wurden nur 27,2 Prozent der Politikstunden von Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet, die nicht speziell für das Fach ausgebildet sind. Kurz gesagt: Wo nicht "Gymnasium" über dem Schultor steht, ist es häufiger mal der Erdkundelehrer, der den Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimme erklärt.

Dabei ist Politik kein Fach, das man gut mal so nebenbei unterrichten könnte, betont Achour. "Die konkrete aktuelle Politik steht nie im Lehrplan und auch nicht in den Schulbüchern", sagt sie. "Die in den Unterricht zu holen, erfordert extrem hohe Kompetenz." Gerade in Klassen, in denen ein großer Teil der Schüler nicht zu Hause am Küchentisch mit Mama und Papa über die Ergebnisse der letzten Wahl diskutiert, sei das eine besondere Herausforderung. Gerade jenseits des Gymnasiums also.

Die Schieflage im Politikunterricht kann damit brisant sein für eine Demokratie. Menschen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen und kleinem Einkommen gehen deutlich seltener zur Wahl als Gutsituierte, die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind in den vergangenen Jahrzehnten sogar größer geworden, wie der Politikwissenschaftler Armin Schäfer von der Uni Münster berechnet hat. Auch bei "Fridays for Future" demonstrieren eher Gymnasiasten; Schülerinnen und Schüler, die auf einen mittleren Abschluss zusteuern, gehen seltener auf die Straße. In der Öffentlichkeit mag zwar das Bild einer neuen, politisch bewegten Jugend entstanden sein. In Wahrheit ist die Generation aber deutlich gespaltener.

Das unterstreichen auch die neuen Zahlen der Friedrich-Ebert-Stiftung. 22 Prozent der Oberstufenschüler am Gymnasium gaben an, schon einmal an einer Protestversammlung oder Demonstration teilgenommen zu haben. An Berufs- und Gesamtschulen waren es nur 13 Prozent. Die Gymnasiasten berichten zudem deutlich häufiger, dass sie Petitionen unterzeichnet haben. Junge Menschen beteiligen sich höchst ungleich.

Wie die Schule Interesse wecken kann

Dabei könnte der Politikunterricht durchaus etwas an den Unterschieden verändern. Zumindest legen das die Untersuchungen zur Juniorwahl nahe, einem Projekt, bei dem Jugendliche an ihren Schulen parallel zu den Landtags- und Bundestagswahlen Abstimmungen simulieren. Zuletzt gaben rund eine halbe Million Schülerinnen und Schulen ihre Stimme während der Junior-Europawahl ab. Untersuchungen zeigten, dass in der Vergangenheit vor allem jenseits der Gymnasien durch das Projekt das Politikinteresse anstieg. Wer eine Haupt-, Real- oder Sekundarschule besuchte, profitierte also am meisten von dem Angebot.

Für Forscherin Achour ist es fatal, dass der Politikunterricht gerade dort so sparsam eingesetzt wird, wo er besonders viel bewirken könnte. "Die politische Bildung macht aus jemandem mit einem gefestigten rechtsextremen Weltbild nicht sofort einen Demokraten. Aber er ist eines der wenigen Instrumente, die uns als offener Gesellschaft zur Verfügung stehen", sagt sie. "Da ist es ungünstig, dass es nicht stärker genutzt wird."

© SZ.de/edi
Bundeskanzlerin Merkel diskutiert mit Berliner Schülern

SZ Plus
Zukunft der Demokratie
:Wie aus Kindern Wähler werden

Informiert sein, wählen gehen, wenn's sein muss, protestieren: Die Demokratie lebt von den Menschen, die sie gestalten. Wie gut bereitet die Schule Jugendliche auf diese Rolle vor? Antworten eines Pädagogen.

Interview von Susanne Klein

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite