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Neue Studie:So elitär ist Politikunterricht

Schulunterricht

Unterricht im Fach Gemeinschaftskunde in einem Gymnasium in Baden-Württemberg

(Foto: dpa)
  • Der Politikunterricht unterscheidet sich stark je nach Schulform. Gymnasiasten bekommen demnach häufiger Politikunterricht und empfinden die Stunden auch als anregender als Schüler anderer Schultypen.
  • Das zeigt eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung.
  • Schon früherer Untersuchungen zeigen, dass die Wahlbeteiligung stark vom Bildungsabschluss und der sozialen Lage abhängt. Die Autorinnen der Studie kritisieren, dass die Schule diese Unterschiede offenbar nicht kompensiert.

Von Bernd Kramer

Wofür die Parteien stehen? Wie Wahlen funktionieren? Was Regierungen machen und was die Parlamente? Benjamin Lemke aus Flensburg sagt, er habe zweieinhalb Jahre darauf warten müssen, bis solche Fragen im Unterricht behandelt wurden. "Unser Lehrer wollte in Gemeinschaftskunde vor allem Geschichtliches machen." Französische Revolution, Vormärz, Weimarer Republik - alles zweifelsohne wichtige Themen. "Aber zur Bundestagswahl hätten wir uns doch gerne mal mit den Parteien und ihren Wahlversprechen auseinandergesetzt", sagt der 19-Jährige, der nach der Realschule gerade die Oberstufe an einem beruflichen Gymnasium abgeschlossen hat. "Viele von uns durften ja gerade zum ersten Mal wählen."

Erst kurz vor dem Abi bekam der Kurs einen neuen Lehrer - der die Schülerinnen und Schüler jetzt zur Europawahl die Parteiprogramme durcharbeiten und diskutieren ließ. "Am Ende wussten nur noch 2 von 15 Schüler in unserem Kurs nicht, wen sie wählen sollten", sagt Lemke. "Davor waren es 9."

Das Beispiel zeigt für Benjamin Lemke, bis vor kurzem noch aktiv in der Landesschülervertretung Schleswig-Holsteins, wie entscheidend ein guter Politikunterricht sein kann. Im vergangenen September appellierten er und andere Schülervertreter an die Landesregierung, mehr für politische Bildung zu tun. Schülern, die vor der Oberstufe mit einem mittleren Abschluss abgingen, könne es sogar passieren, dass sie "bis zum Ende ihrer Schulkarriere kaum beziehungsweise gar keinen Wirtschaft- und Politikunterricht erhalten haben", heißt es in einem Forderungspapier der Schülervertreter. Der Handlungsbedarf sei dringend.

Am Gymnasium behandeln Lehrer eher aktuelle Fragen

Politische Bildung in Deutschland hängt von der Schulform ab - das zeigt nun auch eine Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Nicht alle bekommen ihn im gleichen Maß und in gleicher Qualität. Den meisten und den besten Politikunterricht erhalten ausgerechnet die Schülerinnen und Schüler, die ohnehin in einer vergleichbar privilegierten Lage sind: die Gymnasiasten. Studienautorin Sabine Achour, Politikprofessorin an der Freien Universität Berlin, fasst den Befund drastisch zusammen: "Der Politikunterricht ist etwas Elitäres."

  • So sagten 55 Prozent der Gymnasiasten der Klassen 9 und 10, dass sie an ihrer Schule Politik in einem eigenständigen Fach lernen. An den übrigen allgemeinbildenden Schulformen waren es nur 44 Prozent.
  • Die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten empfinden den Unterricht außerdem als interessanter und anregender: Sie berichten häufiger als die Altersgenossen anderer Schulformen, dass im Unterricht aktuelle Ereignisse thematisiert werden, Lehrkräfte an konkreten Beispielen mit ihnen arbeiten und mit ihnen diskutieren und die verschiedenen Perspektiven auf politische Fragen erörtern. Die Jugendlichen an den anderen Schulformen dagegen bezeichnen die Politikstunden eher als langweilig, oberflächlich und unzugänglich.
  • Gymnasiasten nehmen zum Teil auch häufiger an demokratiebezogenen Projekten außerhalb des Unterrichts teil. 26 Prozent der Gymnasiasten der Klassen 9 und 10 gaben an, an politischen Planspielen teilgenommen zu haben - bei den anderen Schulformen waren es nur 11 Prozent.

Dabei zeichnet die Studie womöglich sogar noch ein eher optimistisches Bild der Lage. Die 3400 Jugendlichen, die die Forscherinnen befragt haben, wurden zu einem großen Teil über Schulen gewonnen, mit denen die Friedrich-Ebert-Stiftung bereits in Kontakt steht; die Untersuchung ist daher nicht repräsentativ für alle Schulen in Deutschland. "An unserer Befragung dürften damit vor allem die Schulen teilgenommen haben, an denen besonders engagierte Lehrkräfte unterrichten", sagt Autorin Achour. "Wahrscheinlich ist die Spreizung in Wirklichkeit noch größer."

An der Realschule erklärt eher mal der Erdkundelehrer Politik

Woher kommen die Unterschiede? Eine Erklärung, vermutet Achour, mag darin liegen, dass es gerade außerhalb der Gymnasien an Politiklehrern mangelt. Zahlen dazu gibt es bislang zumindest für Nordrhein-Westfalen. Forscher der Uni Bielefeld ermittelten, dass im Schuljahr 2016/2017 an den Realschulen 62,7 Prozent der Politik- und Wirtschaftsstunden von fachfremden Lehrkräften erteilt wurden, ähnlich hoch war der Wert an den Gesamtschulen. An den Gymnasien des Bundeslandes hingegen wurden nur 27,2 Prozent der Politikstunden von Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet, die nicht speziell für das Fach ausgebildet sind. Kurz gesagt: Wo nicht "Gymnasium" über dem Schultor steht, ist es häufiger mal der Erdkundelehrer, der den Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimme erklärt.

Dabei ist Politik kein Fach, das man gut mal so nebenbei unterrichten könnte, betont Achour. "Die konkrete aktuelle Politik steht nie im Lehrplan und auch nicht in den Schulbüchern", sagt sie. "Die in den Unterricht zu holen, erfordert extrem hohe Kompetenz." Gerade in Klassen, in denen ein großer Teil der Schüler nicht zu Hause am Küchentisch mit Mama und Papa über die Ergebnisse der letzten Wahl diskutiert, sei das eine besondere Herausforderung. Gerade jenseits des Gymnasiums also.

Die Schieflage im Politikunterricht kann damit brisant sein für eine Demokratie. Menschen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen und kleinem Einkommen gehen deutlich seltener zur Wahl als Gutsituierte, die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind in den vergangenen Jahrzehnten sogar größer geworden, wie der Politikwissenschaftler Armin Schäfer von der Uni Münster berechnet hat. Auch bei "Fridays for Future" demonstrieren eher Gymnasiasten; Schülerinnen und Schüler, die auf einen mittleren Abschluss zusteuern, gehen seltener auf die Straße. In der Öffentlichkeit mag zwar das Bild einer neuen, politisch bewegten Jugend entstanden sein. In Wahrheit ist die Generation aber deutlich gespaltener.

Das unterstreichen auch die neuen Zahlen der Friedrich-Ebert-Stiftung. 22 Prozent der Oberstufenschüler am Gymnasium gaben an, schon einmal an einer Protestversammlung oder Demonstration teilgenommen zu haben. An Berufs- und Gesamtschulen waren es nur 13 Prozent. Die Gymnasiasten berichten zudem deutlich häufiger, dass sie Petitionen unterzeichnet haben. Junge Menschen beteiligen sich höchst ungleich.

Wie die Schule Interesse wecken kann

Dabei könnte der Politikunterricht durchaus etwas an den Unterschieden verändern. Zumindest legen das die Untersuchungen zur Juniorwahl nahe, einem Projekt, bei dem Jugendliche an ihren Schulen parallel zu den Landtags- und Bundestagswahlen Abstimmungen simulieren. Zuletzt gaben rund eine halbe Million Schülerinnen und Schulen ihre Stimme während der Junior-Europawahl ab. Untersuchungen zeigten, dass in der Vergangenheit vor allem jenseits der Gymnasien durch das Projekt das Politikinteresse anstieg. Wer eine Haupt-, Real- oder Sekundarschule besuchte, profitierte also am meisten von dem Angebot.

Für Forscherin Achour ist es fatal, dass der Politikunterricht gerade dort so sparsam eingesetzt wird, wo er besonders viel bewirken könnte. "Die politische Bildung macht aus jemandem mit einem gefestigten rechtsextremen Weltbild nicht sofort einen Demokraten. Aber er ist eines der wenigen Instrumente, die uns als offener Gesellschaft zur Verfügung stehen", sagt sie. "Da ist es ungünstig, dass es nicht stärker genutzt wird."

© SZ.de/edi
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