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Stipendienprogramm:Studieren für Syriens Wiederaufbau

"Mir war klar: Die Chance bekommst du nur ein einziges Mal": Laith Rastanawi floh aus Syrien in die Türkei, heute lebt er in Berlin.

(Foto: oh)
  • Das Stipendienprogramm "leadership for Syria" soll syrischen Studenten ermöglichen, in Deutschland zu studieren.
  • Die Stipendiaten sollen eines Tages beim Wiederaufbau ihres Landes helfen.

Von Stefan Braun, Berlin

Sie heißen Mustafa, Bashar und Rania; sie studieren Mathematik, Politik oder Medizin. Sie leben in Braunschweig, Bayreuth oder Osnabrück. Und sie alle stammen zwar aus Syrien, aber die meisten sind nicht als Flüchtlinge, sondern als offizielle Stipendiaten nach Deutschland gekommen. Von der "größten Chance in meinem Leben" sprechen sie. Und von der Sehnsucht, später in ihre Heimat zurückzukehren.

Es ist dies - selten genug in Krisenzeiten - keine Geschichte von Schmerz und Angst, es ist eine der Hoffnung. Wenn alles klappt mit dem Studium in Deutschland, dann sollen diese jungen Studenten nach einem Ende des Krieges ihr Syrien wieder mit aufbauen helfen.

Einer von ihnen ist Laith Rastanawi, 26 Jahre alt. Mit seiner Frau kam er im Sommer nach Deutschland. Rastanawi ist ein freundlicher, verbindlicher, ziemlich ernster Mann. Er stammt aus der syrischen Stadt Hama, bekannt vor allem, weil dort immer wieder und auch zuletzt besonders grausam um jeden Straßenzug, jeden Platz, jedes Stadtviertel gekämpft wurde. Vor knapp zwei Jahren soll dort sogar Giftgas eingesetzt worden sein.

Als alles noch einigermaßen schön war in Syrien und deshalb lebbar, studierte Rastanawi Mathematik in Aleppo. Im Laufe der Jahre 2013 und 2014 aber wurden die Verhältnisse an der Uni immer miserabler und das Überleben zwischen den Fronten zur Glückssache. Also floh Rastanawi in seine alte Heimat Hama. Auch dort hielt es ihn nicht lange. Zu gefährlich wurden die Kämpfe und zu groß die Gefahr, vom Regime oder von den Milizen für den Krieg zwangsrekrutiert zu werden.

In der Türkei hörte Rastanawi von dem Stipendienprogramm

Und so verließ Rastanawi sein Land, ging in die Türkei, machte sich auf nach Ankara - und hoffte, dort sein Studium fortsetzen zu können. "Was dann kam, war aber kein Glück, sondern ein Schock", erzählt der junge Mann, der mittlerweile in Berlin lebt. "Ich arbeitete mehr als zwölf Stunden am Tag und verdiente fast nichts."

Morgens versuchte er als Lehrer, den Kindern in einer Flüchtlingsschule etwas beizubringen. Nachmittags machte er in einem Internetshop alles, was anfiel. Eines schaffte er in dieser schmerzhaften Exilzeit trotzdem: Er holte seine Freundin nach, die beiden konnten heiraten.

Ganz anders wurde sein Leben erst, als ein Freund ihm via Facebook von den Deutschen und ihrem neuen Stipendienprogramm erzählte. "Mir war klar: Die Chance bekommst du nur ein einziges Mal."

In Berlin trägt das Programm den etwas hochtrabenden Namen "leadership for Syria" - "Führung für Syrien". Das Budget beträgt rund neun Millionen Euro, die das Auswärtige Amt für die 200 Stipendiaten ausgibt. Und das Ziel ist klar: Berlin will junge Syrer ausbilden, damit sie beim Wiederaufbau helfen können, technisch, sozial und politisch. "Syrien läuft Gefahr, eine ganze Generation von Akademikern und Führungskräften zu verlieren", sagt Frank-Walter Steinmeier, der deutsche Außenminister. "Wir müssen alles tun, was wir können, um das zu verhindern."

Eine Auswahlkommission reiste nach Beirut, Istanbul und Amman

Alles tun, was geht - das sind inzwischen knapp dreihundert Studienplätze, nachdem auch die Bundesländer Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen die Idee mit 50 respektive 21 Förderungen unterstützen. Anders als der Bund hat Baden-Württemberg seine Studenten nicht im Nahen Osten angeworben, sondern zu Hause. Stuttgart nahm nur Stipendiaten, die als Flüchtlinge ins Land kamen.

Das könnte auch mit dem Aufwand zu tun haben, den der Deutsche Akademische Austauschdienst bei den übrigen Bewerbern betrieb. Genauer gesagt: betreiben musste. Zur Bewerbung gehörte nicht nur ein ausführlicher schriftlicher Antrag. Um sicherzugehen, dass man sich nicht auch problematische Studenten ins Land holt, reiste eine Auswahlkommission direkt in die Region, also nach Beirut, Istanbul und Amman, um die letzte Entscheidung bei jedem Einzelnen erst nach einem persönlichen Gespräch zu fällen. Beworben hatten sich 5000 Menschen, die in Syrien oder im Exil in den Nachbarländern leben. In die engere Auswahl kamen schließlich 500.

Einige Stipendiaten scheuen politische Worte

Laith Rastanawi hat, als er die Zusage bekam, drei Tage mit seinen Freunden, seiner Frau, seinem Bruder gefeiert. Auch aus Dankbarkeit verspricht er, später sein Land wieder aufzubauen. Er will daran keine Zweifel aufkommen lassen, auch weil seine Träume sich an einem neuen, einem anderen Syrien festmachen.

Andere Stipendiaten klingen vorsichtiger. Sie scheuen politische Worte. Bis heute fürchten sie Repressalien für sich oder ihre Familien, die noch in Syrien leben. Sei es, weil diese Familien gegen das Regime von Baschar al-Assad kämpfen. Sei es, weil die Familien in Damaskus leben und dem Regime eher nahestehen dürften. An der Stelle, sagt der DAAD, habe man bewusst keine Unterscheidung getroffen. Jeder sollte eine Chance haben.

© SZ vom 04.01.2016/sks

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