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Sprachunterricht:München ist die einzige Stadt ohne Ergänzungsunterricht

In Kurt Mehmet Dinlers Türkischunterricht kommen die Schüler teilweise von weit her. Viele Schüler, die ihr Türkisch gern verbessern würden, finden keinen Unterricht in der Nähe.

In München gibt es gar keinen türkischen Ergänzungsunterricht. Dabei haben im vergangenen Jahr 39 Schulen in München und mehr als 366 Schüler ihr Interesse bekundet. Damit ist die bayerische Hauptstadt die einzige Stadt in Deutschland, die keinen MEU in Türkisch anbietet. "Seit 2004 besteht dieses Problem", beklagt der ehemalige Bildungsattaché Öztürk. "Damals hat die bayerische Staatsregierung beschlossen, die Finanzierung des MEU zurückzufahren." Die Stadt München teilt auf Anfrage mit, dass gar kein entsprechender Antrag auf Förderung und Durchführung des MEU gestellt worden sei.

Der türkische Staat wiederum sieht die Verantwortung bei der bayerischen Landesregierung, denn der MEU sei nicht Privatangelegenheit von Familien und Konsulaten, sondern eine Sache des Staates: "Nur in Bayern werden Raum- und Versicherungskosten für die Kinder erhoben: zwei Euro plus Mehrwertsteuer pro Stunde", sagt Öztürk. "Diese sollen die Konsulate der Heimatländer tragen. Der Ausländerbeirat der Türkei ist dazu jedoch nicht bereit. Er will erreichen, dass die Kosten aufgehoben oder auch künftig vom bayerischen Freistaat gedeckt werden."

"Wenn Kinder ihre Muttersprache nur sprechen und nicht schreiben, werden sie sie nie perfekt erlernen"

Eine verfahrene Situation - so sieht das auch Claudia Maria Riehl, Leiterin des Instituts für Deutsch als Fremdsprache an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Viele Jahre hat Riehl den Nutzen des MEUs erforscht: "Wenn Kinder ihre Muttersprache zu Hause nur sprechen und nicht schreiben, werden sie sie nie perfekt erlernen. Sie bleiben einsprachig. Für den späteren Berufsweg gehen damit viele natürliche Ressourcen verloren."

Kinder, die in ihrer Muttersprache eine hohe Kompetenz haben, sind auch in der deutschen Sprache besser - das beweisen verschiedene wissenschaftliche Studien. Vor allem in Sprachen mit anderen Alphabeten wie Kyrillisch, Griechisch, Chinesisch oder Arabisch ist das Erlernen der Schriftsprache unverzichtbar. Deshalb fordert auch Riehl einen Ausbau des Sprachunterrichts: "In zwei Nachmittagsstunden kann man solch komplexe Sprachen nicht erlernen. Der MEU müsste in den Lehrplan integriert, Noten vergeben und ausgebildete Lehrer eingesetzt werden."

Damit hätten die Kultusministerien auch einen Einblick in den Unterricht - denn derzeit haben die Bundesländer keinerlei Kontrolle darüber, was in den Sprachstunden durchgenommen wird und welche Unterrichtsmethoden angewandt werden. Riehl sieht dies als unhaltbaren Zustand. Nur durch eine qualitative Überprüfung des Unterrichts könne das Risiko von Parallelgesellschaften gemindert werden.

"Nur wer seine Wurzeln kennt, kann sich auch in der neuen Heimat wohl fühlen"

Ein Bundesland, das da schon weiter ist, ist Brandenburg. Der Muttersprachliche Ergänzungsunterricht ist hier gesetzlich verankert: Der Unterricht ist als Arbeitsgemeinschaft konzipiert und wird von Experten überprüft. Im vergangenen Jahr lernten hier 550 Schüler Arabisch, Polnisch, Vietnamesisch, Russisch und Spanisch. Projektleiter besuchen die Schulen und können Vorbehalte bei Eltern und Lehrern in der Regel ausräumen.

Politik, Schulen und Lehrkräfte stehen vor großen Herausforderungen durch die vielen neu ankommenden Flüchtlinge. Auch deswegen fordert Institutsleiterin Claudia Maria Riehl, dass man diese nun schnell erkennt und angeht. Man dürfe nicht wieder eine Generation verlieren, wie es bei den zugewanderten Türken geschehen ist. Diese beherrschten ihre Muttersprache oft nicht mehr. Die Lösung sei professioneller, arabischer Sprachunterricht. Nur so könne man die Schüler langfristig sinnvoll integrieren, sagt Riehl. Diese Erfahrung hat auch der Lehrer Kurt Mehmet Dinler gemacht: "Nur wer seine Wurzeln kennt, kann sich auch in der neuen Heimat wohl fühlen. Sonst ist man nirgends zu Hause."