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Schule:Lernt man in Vorklassen besser Deutsch?

Willkommensklassen

Willkommensklasse in Berlin: Wo sollen Kinder Deutsch lernen?

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Kinder, die nicht genug Deutsch können, sollen später eingeschult werden. Diese Forderung hat eine aufgeregte Debatte ausgelöst. Praktiziert wird das mancherorts längst - mit unklarem Nutzen.

Der CDU-Abgeordnete Carsten Linnemann, eigentlich ein Wirtschaftsfachmann, hat sich in die Bildungspolitik vorgewagt und gleich eine sehr erregte Debatte losgetreten. Ein pauschales Grundschulverbot für Migranten hat er zwar, anders als manche empörte Reaktionen bei Twitter und Facebook nahelegen, nicht gefordert - was er nachträglich auch noch einmal klargestellt hat. Was er ins Gespräch bringt, ist eher das: Kinder, die die deutsche Sprache noch nicht ausreichend beherrschen, sollen zurückgestellt und später eingeschult werden. In Vorklassen sollen sie in der Zwischenzeit die Sprachkenntnisse aufholen.

Ein solches Modell wird allerdings längst in Deutschland praktiziert. In Hessen beispielsweise gibt es an Grundschulen und Kindergärten sogenannte Vorlaufkurse für Kinder, die zur Einschulung noch nicht ausreichend Deutsch sprechen. Die Teilnahme ist freiwillig, wird den Eltern aber empfohlen. Flächendeckend eingeführt wurden die Kurse 2002, damals mit einem Slogan, der sehr an die Vorstellungen des CDU-Politikers Linnemann erinnert: "Nur wer Deutsch kann, kommt in die erste Klasse".

Getrennt, gemeinsam, gemischt - alles gibt's

Mona Massumi ist Lehrerin und war bis vor kurzem für die Lehrerbildung an die Universität Köln abgeordnet, wo sie gemeinsam mit dem Mercator-Institut die Sprachförderangebote in Deutschland analysiert hat. "Es gibt dabei eine Vielzahl von schulorganisatorischen Modellen", sagt sie - von vollständig getrennten Angeboten wie in Hessen über verschiedene Mischformen bis zu einem gemeinsamen Unterricht. Manchmal gehen Kinder in eigene Förderklassen, haben aber einzelne Fächer wie Sport oder Kunst mit den Altersgenossen aus den Regelklassen. Manchmal bleiben die Schüler trotz schlechter Deutschkenntnisse in den normalen Klassen, bekommen aber zusätzliche Sprachnachhilfe. Vor allem in den Grundschulen werden Schüler gemeinsam unterrichtet, auch wenn noch nicht alle gleich gut Deutsch beherrschen. An weiterführenden Schulen würden Jugendliche, die neu ins Land kommen, dagegen eher in eigenen Willkommensklassen fit gemacht in Deutsch.

In welchem Modell Kinder am besten die Sprache lernen - das ist bislang allerdings ziemlich schlecht untersucht. Immer wieder haben Bildungsexperten in den vergangenen Jahren gemahnt, dass die Länder ihre Programme besser und systematischer evaluieren. Das Mercator-Institut hatte vor einigen Jahren einen Literaturüberblick zusammengestellt: Viele Studien hätten Mängel, weshalb man nur eingeschränkte Schlüsse aus ihnen ziehen könne. Die Ergebnisse fielen mitunter widersprüchlich aus. Integrative Modelle schienen Extra-Kursen für Deutschlerner dabei allerdings "leicht überlegen zu sein", heißt es in dem Papier.

So sieht es auch Massumi. Eigene Vorklassen, wie sie CDU-Politiker Linnemann sie nun anregt, sieht sie kritisch. Ob Kinder in solchen Spezialkursen die Sprache wirklich besser lernen als in normalen Klassen, sei unklar. "Die Qualität der Sprachförderung hängt gar nicht so sehr vom Modell und von der Klassenorganisation ab", sagt sie. "Wichtig ist die Qualität des Unterrichts und die Lehrkraft und wie beiläufig und einfühlsam sie an die Sprache heranführt. Das kann in einer Regelklasse im Prinzip genauso passieren."

Bei Vorklassen sieht sie ein grundsätzliches Problem: "Wir würden damit schon in der Grundschule selektieren, zu einem Zeitpunkt also, zu dem wir eigentlich bewusst darauf verzichten." Kinder könnten so stigmatisiert werden - auch in den Augen der Lehrer. Untersuchungen zeigten, dass Schüler, die zurückgestellt und später eingeschult wurden, auch schlechtere Schulempfehlungen bekommen als regulär eingeschulte Kinder.

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