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Soziale Unsicherheit bei Kindern:"Guten Tag" sagen als unüberwindbares Hindernis

Charakteristisch für schüchterne Menschen sei außerdem eine Bewertungsangst, sagt die Kinderpsychologin. "Das hat nichts mit Prüfungsangst zu tun." Betroffene spiegelten ständig ihr eigenes Verhalten und trauten sich selbst wenig zu. "Sie haben eine Ängstlichkeit, im sozialen Kontext nicht angemessenen zu reagieren und von anderen negativ bewertet zu werden." Für schüchterne Kinder stellen die einfachsten kommunikativen Handlungen deswegen ein unüberwindbares Hindernis dar. "Fremden die Hand geben und 'Guten Tag' sagen - das machen sie nicht." Wie bei Mia verschärft sich der Druck auf schüchterne Kinder in der Schule, denn dort wird von ihnen erwartet, sich am Unterricht und am Klassenleben zu beteiligen.

Petermann plädiert dafür, schüchterne Kinder schrittweise an soziale Situationen heranzuführen, die sie ein Leben lang begleiten werden. "Die Eltern sollten ihr Kind dazu anhalten, einem Sportverein beizutreten oder im Orchester mitzuspielen - durchaus mit einem gewissen Nachdruck." Auch Lehrer können schüchternen Schülern helfen. "Das erfordert ein gewisses pädagogisches Fingerspitzengefühl: Der Lehrer muss das Kind fordern und auch an die Überforderung heranführen. Aber so, dass das Kind die Situation gerade noch erfolgreich bewältigen kann."

Der Lehrer könne das Kind beispielsweise bei einer leicht zu lösenden Antwort aufrufen. "Wichtig ist dann: Der Lehrer muss sich in die Nähe des Kindes stellen, denn es wird vermutlich sehr leise sprechen. Er kann die Antwort gegebenenfalls laut für die Klasse wiederholen, sollte aber keinesfalls sagen: 'Und jetzt noch einmal so, dass dich alle hören, Katharina!' Denn damit rückt er das Kind in den Mittelpunkt - und davor haben schüchterne Kinder ja gerade Angst." Auch das Lob für die korrekte Antwort sollte aus diesem Grund nicht überschwänglich ausfallen. "Besser ist, wenn es der Lehrer bei einem knappen 'Das war die richtige Antwort' belässt, und dann mit seinem Unterricht weitermacht."

Falscher Beschützerinstinkt

Viele Eltern reagieren allerdings wie die von Mia, wenn sie die Stressreaktionen ihres Kindes auf bestimmte Situationen oder Ereignisse miterleben, weiß Schulpsychologin Ulbricht - sie wollen ihr Kind beschützen. "Für Mütter und Väter ist es natürlich nicht leicht, ihre Tochter oder ihren Sohn leiden zu sehen. Manche fragen sich, ob sie ihr Kind zu früh eingeschult haben und es überfordern", berichtet Ulbricht aus ihrer Beratungspraxis. "Aber die Schule soll nicht alles voraussetzen, sondern den Kindern in ihrer sozialen Entwicklung weiterhelfen."

Auch Petermann weiß um die Problematik überbehütender Eltern. "Studien zeigen, dass gerade Eltern, die selbst schüchtern sind, dazu neigen, ihrem Nachwuchs unangenehme Anforderungen und Pflichten im sozialen Kontext abzunehmen." Aber damit tun sie ihren Kindern keinen Gefallen. Denn die verinnerlichen, dass sie solche Situationen offensichtlich nicht alleine bewältigen können, und verlassen sich auch in Zukunft auf Mutter und Vater. "So wird ein Problemverhalten kultiviert", sagt die Expertin. Die Folge seien sozial-emotionale Entwicklungsdefizite: "Die Kinder wissen nicht: Wie verabrede ich mich? Ist ein Streit normal oder nicht? Wie finde ich Kompromisse?"

Die Kinderpsychologin hat ein Therapieprogramm für sozial unsichere Kinder - und deren Eltern - entwickelt, rät aber dazu, schüchterne Kinder besser frühzeitig zu fordern und zu fördern. "Nur so lernt das Kind: Ich kann das ja doch!"

Das Programm von Ulrike Petermann ist auch in Buchform erhältlich: Petermann, Ulrike, und Petermann, Franz (2010): Training mit sozial unsicheren Kindern (10. überarbeitete Auflage). Weinheim: Beltz.

© SZ.de/jobr/leja/hum
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