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Soziale Sicherungssysteme:20 000 junge Leute im gesellschaftlichen Aus

  • Einer Studie zufolge sind mehr als 20 000 junge Menschen in Deutschland gefährdet, aus den sozialen Hilfsstrukturen herauszufallen.
  • Die Forderung: Jungen Leuten zwischen 15 und 27 Jahren müsse geholfen werden, nicht in dauerhafte Obdachlosigkeit und Drogenkarrieren abzurutschen.
  • Wissenschaftliche Berechnungen zeigten, dass sich finanzielle Investitionen in die Jugendhilfe langfristig massiv auszahlen.

Vernachlässigung der Jugendhilfe angeprangert

Mehr als 20 000 junge Menschen in Deutschland sind nach einer neuen Studie derzeit gefährdet, aus Schule und Ausbildung, aber auch aus sozialen Hilfsstrukturen herauszufallen. Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) warnt deshalb in seinem in Berlin vorgestellten Report "Entkoppelt vom System" vor einer Vernachlässigung der Jugendhilfe.

Die hinter der Studie stehende Vodafone Stiftung erinnerte die schwarz-rote Regierung an ihr Versprechen aus dem Koalitionsvertrag von 2013, Kinder- und Jugendhilfe "zu einem inklusiven, effizienten und dauerhaft tragfähigen und belastbaren Hilfesystem" weiterzuentwickeln. Es gehe darum, gestrauchelten jungen Leuten zwischen 15 und 27 Jahren zu helfen, nicht in dauerhafte Obdachlosigkeit und Drogenkarrieren abzurutschen, sondern auf den richtigen Weg in Schule und Ausbildung zurückzufinden, so der Geschäftsführer der Stiftung, Mark Speich.

Die Ergebnisse der Studie zeigten, "dass es sich hierbei nicht um Einzelfälle handelt, sondern dass viele tausend Jugendliche mit besonderen Herausforderungen in den Jugendhilfestrukturen in Deutschland konfrontiert sind", hieß es. Die Stiftung mahnte rasche politische Initiativen von Bund und Ländern an.

Finanzielle Hilfen lohnen sich

Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder hätten vereinbart, dass sie sich am 18. Juni über Eckpunkte für ein Konzept zu den Bund-Länder-Finanzbeziehungen einigen wollen. "Dabei sollte sichergestellt werden, dass die künftige Finanzausstattung in allen Städten und Gemeinden für die entsprechende Jugendhilfe vorhanden ist und nicht dem Sparzwang in der jeweiligen Kommune zum Opfer fallen kann."

Dies sei "nicht nur im Interesse betroffener Jugendlicher, sondern auch gesamtgesellschaftlich gesehen eine kluge Investition", mahnte die Vodafone Stiftung, die sich für Aufstiegsperspektiven und Chancengerechtigkeit einsetzt. Der Studie zufolge zeigen bereits frühere wissenschaftliche Berechnungen: Für jeden im Rahmen der Jugendhilfe ausgegebenen Euro wird im weiteren Lebensverlauf das Dreifache an Mitteln entweder an staatlichen Ausgaben eingespart oder durch Steuer- und Wertschöpfung zusätzlich an Einnahmen erzielt.

Was Studienteilnehmer sagen

Viele Jugendliche sehen familiäre Probleme als Hauptgrund für ihren sozialen Absturz. "Mein Stiefvater hat die ganze Familie kaputtgemacht, meine Mutter hat mir die Schuld dafür gegeben, die ganze Zeit an mir die Wut raus gelassen, was ich einfach nicht in Ordnung fand", sagt ein Studienteilnehmer. Ein anderer meint: "Seitdem ich nicht mehr zu Hause wohne, haben die die ganze Wohnung so umgestaltet, dass ich da nicht mehr rein kann! Also mein Bett ist weggeschmissen worden... Sofort! Mein Zimmer hat meine kleine Schwester bekommen (...) Meine Mutter hat gesagt: 'Du kommst hier nicht mehr rein!'"

Aus den familiären Schwierigkeiten wurden schließlich bei einigen der befragten Jugendlichen finanzielle - auch aufgrund eigener Fehlleistungen. "Ich habe auch noch Handyrechnungen zu begleichen, das sind so Jugendsünden, und die laufen halt immer noch, und die muss man halt bezahlen, ansonsten droht man mit Gerichtsvollzieher oder sonst was." Ein anderer Jugendlicher erzählt vom Leben auf der Straße: "Wir haben uns halt hauptsächlich mit Schnorren durchgeschlagen (...) Aber da braucht man halt einen Hund, und ich hab keinen, ja, da kriegt man halt nicht so viel, da geben die Leute nicht so viel."

Was zum Schluss fast alle Befragten eint: die Unzufriedenheit mit der Arbeit der Jobcenter und der Wunsch nach einer gesicherten Existenz.

Was Städte und Gemeinden sagen

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund empfiehlt, "Übergänge Jugendlicher von der Schule in den Beruf besser zu gestalten, Zeiten im Übergangssystem auf das notwendige Maß zu verkürzen und Abbrüche mit deren demotivierenden Folgen für die Jugendlichen zu vermeiden". Es sollte für alle jungen Menschen eine Anlaufstelle geben, in der Unterstützungsstrukturen gebündelt zusammenlaufen. Schulen seien "zwingend in die gemeinsame Arbeit einzubinden". Zudem seien örtliche Betriebe "als Lernorte und damit als Partner im Übergang Schule - Arbeitswelt unverzichtbar".

Über die Studie

Die Sichtweisen "entkoppelter Jugendlicher" wurden im Zeitraum von November bis Dezember 2014 erhoben: Insgesamt nahmen an der Befragung für die qualitative Studie 21 junge Menschen im Alter zwischen 15 und 26 Jahren teil. Die Befragungen erfolgten in neun Einzelinterviews - plus einem Pretest - und drei Gruppendiskussionen mit insgesamt elf Jugendlichen.

Für die Erstellung eines Datenüberblicks - aus dem auch die Schätzung folgt, mehr als 20 000 junge Menschen seien derzeit gefährdet, aus den sozialen Hilfsstrukturen herauszufallen - verwendeten die Forscher unter anderem Daten des Statistischen Landesamtes von Sachsen-Anhalt, des Statistischen Bundesamtes, der DJI-Regionaldatenbank sowie des Monitors "Hilfen zur Erziehung" der Universität Dortmund.

© SZ.de/dpa/mkoh/jobr
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