Süddeutsche Zeitung

Soziale Schranken im Studium:Bleib mal lieber, wo du bist!

Von Politikern wird gerne Chancengleichheit postuliert, aber nur relativ wenige Kinder, deren Eltern nicht studiert haben, schaffen es selbst an die Uni. Doch warum? Katja Urbatsch vom Netzwerk arbeiterkind.de über die Vorurteile von Lehrern und Berufsberatern, die "Schuster-bleib-bei-deinen-Leisten"-Mentalität vieler Eltern und die Angst vor dem Aufbruch in eine unbekannte Welt.

Barbara Galaktionow

Von 100 Kindern, deren Eltern studiert haben, nehmen 71 ein Studium auf. Von 100 Kindern, deren Eltern nicht studiert haben, sind es lediglich 24, obwohl auch von ihnen fast doppelt so viele Abitur oder einen vergleichbaren Schulabschluss machen. Doch wo liegen die Ursachen dafür? Katja Urbatsch hat selbst als Erste in ihrer Familie studiert. Die Probleme, die sich ihr dabei stellten, haben sie 2008 zur Gründung des Internetportals arbeiterkind.de bewegt, das Schüler und Studenten mit nicht akademischen Elternhaus bei ihrem Weg zum und im Studium unterstützen will. Inzwischen arbeitet das Netzwerk in Deutschland mit acht festangestellten und 3000 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Urbatschs Buch "Ausgebremst. Warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt" erscheint dieser Tage. Im Interview spricht die Doktorandin darüber, wie Ängste und Unsicherheiten, die sich aus der Herkunft ergeben, ein Studium verhindern und was die Gesellschaft tun muss, um das zu ändern.

sueddeutsche.de: An den Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland geht gerade das neue Semester los. Erfahrungsgemäß werden erneut deutlich weniger Jugendliche aus nicht akademischen Elternhäusern ein Studium aufnehmen als Jugendliche, deren Eltern selbst studiert haben. Warum?

Katja Urbatsch: Die Aufnahme eines Studiums setzt schon sehr viel voraus, sowohl von familiärer Seite als auch finanziell. Abiturienten, deren Eltern nicht studiert haben, bekommen auf diesem Weg oft weniger Unterstützung durch die Familie. Außerdem haben diese Jugendlichen oft keine Vorbilder in ihrem Umfeld. Die Universität ist eine unbekannte, auch beängstigende Welt. Zudem kostet ein Studium natürlich Geld. Man muss in die Zukunft investieren und weiß nicht, ob man das zurückbekommt.

sueddeutsche.de: Über die Frage der Finanzierung eines Studiums wird von Politikern häufig etwas nonchalant hinweggegangen. Es gibt ja Bafög und Stipendien. Warum reicht das nicht?

Urbatsch: Weil das Geld in der Praxis nicht zu dem Zeitpunkt kommt, an dem man es braucht. Wer Unterstützung beantragt und Bafög-berechtigt ist, erhält irgendwann Geld - aber nicht sofort. Die Bearbeitung der Anträge kann sich ziehen. Wir haben bei arbeiterkind.de gerade wieder sehr viele Fälle, in denen Studenten die Kaution für ihr Wohnheim einfach nicht zahlen können. Es wird immer davon ausgegangen, dass Studenten von zu Hause finanzielle Unterstützung haben. Für Fälle, in denen das nicht so ist, gibt es wenig Verständnis. Die Bafög-Regelung ist zu wenig aus der Perspektive von Menschen gedacht, die gar kein Geld auf der hohen Kante haben.

sueddeutsche.de: Schüler mit nicht akademischem Hintergrund sind ja nicht dümmer als andere. Warum schaffen es trotzdem so wenige von ihnen zum Abitur - und von diesen Abiturienten wiederum relativ wenige zum Studium?

Urbatsch: Eltern spielen eine ganz große Rolle - und die denken natürlich auch aus ihrem eigenen Erfahrungshorizont heraus. Eltern, die selbst Abitur gemacht und studiert haben, wissen, wie das vor sich geht und dass es möglich ist. Eltern ohne diese Erfahrung haben hingegen gar keine Vorstellung vom Studieren und sind daher oft in vielem unsicher. Das überträgt sich auf ihre Kinder. Auch das Verhalten von Lehrern ist entscheidend. Anstatt Kinder mit Potential zu ermutigen, das Gymnasium zu besuchen, wird vielfach lieber eine Realschulempfehlung ausgesprochen, weil man denkt: 'Ohne Eltern, die Unterstützung geben können, ist das Gymnasium doch gar nicht zu schaffen.' Auch das Verhalten von Studienberatern kann wichtig sein. In unserer Gesellschaft wird meist gesagt: 'Bleib mal lieber da, wo du bist.' Ich finde das unfassbar. Man könnte ja auch sagen: 'Mach doch mal was anderes!' Aber die Angst vor dem Scheitern ist sehr groß.

Der akademische Habitus fehlt

sueddeutsche.de: Sie und viele andere Studenten mit nicht akademischem Hintergrund müssen sich aus Ihrem Herkunftskreis Sprüche anhören wie 'Kannst ja immer noch Taxifahrer werden' oder 'Denken okay, aber wann fängst du denn wirklich an zu arbeiten?'. Geistige Arbeit wird nicht anerkannt. Doch man selber entstammt ja dem Umfeld, gegen das man sich da behaupten muss mit seinen neuen Ideen. Stehen sich die potentiellen Studenten auch selbst im Weg?

Urbatsch: Das ist ein ganz großes Problem. Einerseits wehrt man sich gegen diese Sprüche, andererseits hat man diese Wertvorstellungen aus der Kindheit verinnerlicht, dass zum Beispiel Philosophie keine Arbeit ist. Man muss sich vor der eigenen Familie rechtfertigen, aber man muss sich auch vor sich selber rechtfertigen. Ich selbst habe Nordamerikastudien im Hauptfach belegt. Als Nebenfächer habe ich dann BWL und Publizistik gewählt, aus Interesse, aber auch, um mich verteidigen zu können - vor meiner Familie, aber auch vor mir selber: 'Ich habe ja noch diese praktischen Fächer, damit finde ich auf jeden Fall einen Job.'

sueddeutsche.de: Mit der 'Schuster bleib bei deinen Leisten'-Mentalität ist ja auch die Vorstellung verbunden, dass eine Ausbildung der beste Weg zu einem sicheren Arbeitsplatz ist ...

Urbatsch: Das ist auch so eine Mär! De facto ist es so, dass die Arbeitslosigkeit von Akademikern bei höchstens drei Prozent liegt. Und Studien zeigen, dass Studierte im Durchschnitt wesentlich mehr verdienen als Menschen mit Ausbildung. Aber es geht ja auch nicht nur ums Geld, sondern um die Tatsache, dass ein Studium den Horizont weitet, dass man sein Leben besser in die Hand nehmen, eigenständige Lösungen finden kann.

sueddeutsche.de: Inwiefern werden First Generation Students - wie man in den USA weitaus positiver sagt - durch den fehlenden akademischen Habitus gehemmt, durch die Unkenntnis des Milieus, in das sie vorstoßen?

Urbatsch: Das ist bei jedem anders. Es hängt auch davon ab, wo man herkommt, ob man aus einem sozial schwachen Hintergrund kommt oder eher aus der Mittelschicht - je größer die Lücke, umso schwieriger wird es. Ich stamme eher aus der Mittelschicht, für mich ist es nicht ganz so schwer - aber dieses Gefühl, nicht dazuzugehören, bleibt, die Angst, Dinge nicht richtig zu machen, nicht die richtige Sprache zu sprechen, sich nicht richtig zu benehmen. Im Berufsleben mit ein paar Jahren Erfahrung wird das vielleicht besser. Manche begleitet das jedoch ein Leben lang, andere können da lockerer mit umgehen. Auch der Konflikt zwischen den Wertvorstellungen des Elternhauses und denen der akademischen Welt, in die man vorgedrungen ist, ist etwas, das bleibt.

sueddeutsche.de: Was muss getan werden, damit mehr Kinder mit nicht akademischem Hintergrund sich an ein Studium wagen?

Urbatsch: Der erste Schritt, den wir machen müssen, ist, zu sagen: Jeder Einzelne kann etwas tun und gemeinsam können wir etwas tun. Das fängt damit an, in der Schule zu überlegen, was können wir verbessern, oder bei Studienberatern oder in den Hochschulen. Der andere Punkt ist, dass ich mir ein klareres Signal von den Politikern und Wirtschaftsverbänden, ja der Gesellschaft insgesamt erhoffe, dass es wirklich gewollt ist, dass mehr Nicht-Akademiker-Kinder ein Studium aufnehmen. Wenn man momentan die Zeitung aufschlägt, da stehen - zum Teil nebeneinander auf der gleichen Seite - Klagen über den großen Fachkräftemangel und Klagen der Hochschulen, dass sie überfüllt seien und nicht mehr Studenten aufnehmen wollen. Das passt nicht ganz zusammen.

Wie arbeiterkind.de hilft

sueddeutsche.de: Doch ganz konkret: Welche Unterstützung braucht jemand, dessen Eltern nicht studiert haben, um aufs Gymnasium zu gehen und dann zu sagen: 'Jetzt gehe ich natürlich auch an die Universität!'?

Urbatsch: Lehrer müssen auf das Potential der Kinder gucken und nicht auf den familiären Hintergrund. Sie müssen den Schülern eine Chance geben - selbst wenn das beinhaltet, sie vielleicht auch mal scheitern zu lassen. Dann hat man es zumindest versucht. Lehrer dürfen nicht mehr erwarten, dass Kinder Nachhilfe bekommen, sondern müssen den Schülern das notwendige Wissen von null an beibringen. Jeder Jugendliche mit den entsprechenden Fähigkeiten muss das Gymnasium schaffen können - unabhängig vom Elternhaus. Die Hochschulen müssen spezielle Unterstützungsangebote schaffen, um die gerade in den ersten Semestern typischen Hürden abzubauen, dass Studenten zum Beispiel unsicher sind, wie eine Hausarbeit auszusehen hat, oder Ähnliches. Wenn Probleme auftauchen, müssen Ansprechpartner da sein. Den First Generations Students muss vermittelt werden: 'Ihr seid willkommen!'

sueddeutsche.de: Sie selbst haben 2008 das Netzwerk arbeiterkind.de gegründet. Auf welche Weise unterstützen Sie dort Studenten mit nicht akademischem Hintergrund?

Urbatsch: Zum einen haben wir natürlich unsere Website - und seit Anfang Oktober auch in Österreich die Website arbeiter-kind.at. Zudem haben wir in ganz Deutschland ein großes Netzwerk mit lokalen Gruppen. Die machen in den Schulen Informationsveranstaltungen. Unsere Ehrenamtlichen stehen allen Schülern, Studenten oder Eltern als Ansprechpartner zur Verfügung, auch langfristig als Mentoren, wenn Studenten das brauchen. Was unsere Ehrenamtlichen auszeichnet, ist, dass sie meist selber in ihrer Familie die Ersten sind, die studiert haben. Sie können schnell Vertrauen schaffen und die Probleme nachvollziehen. Sie wirken als Vorbilder und zeigen: 'Das ist machbar, ich gebe dir die wesentlichen Informationen.'

sueddeutsche.de: Frau Urbatsch, Sie haben Abitur gemacht, als Erste in Ihrer Familie studiert, waren mit einem Stipendium in den USA, schreiben Ihre Doktorarbeit, haben ein eigenes Hilfsnetzwerk gegründet und jetzt auch noch ein Buch geschrieben. Fühlen Sie sich angekommen in der akademischen Welt?

Urbatsch: Zum Teil, aber so richtig angekommen werde ich mich dort vielleicht nie fühlen. Doch mittlerweile bin ich auch froh, dass ich zu den Nicht-Akademiker-Kindern gehöre, die studiert haben. Wir haben ja jetzt unsere eigene Community geschaffen - für "Bildungsaufsteiger". Ich fühle mich in meiner Community sehr wohl - und da fühle ich mich angekommen.

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