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Soziale Schranken im Studium:Der akademische Habitus fehlt

sueddeutsche.de: Sie und viele andere Studenten mit nicht akademischem Hintergrund müssen sich aus Ihrem Herkunftskreis Sprüche anhören wie 'Kannst ja immer noch Taxifahrer werden' oder 'Denken okay, aber wann fängst du denn wirklich an zu arbeiten?'. Geistige Arbeit wird nicht anerkannt. Doch man selber entstammt ja dem Umfeld, gegen das man sich da behaupten muss mit seinen neuen Ideen. Stehen sich die potentiellen Studenten auch selbst im Weg?

Katja Urbatsch arbeiterkind.de

Katja Urbatsch will Studenten mit nicht-akademischem Hintergrund helfen: Vor drei Jahren gründete sie das Netzwerk arbeiterkind.de - und kann noch immer nicht glauben, mit welcher Schnelligkeit es sich weiterentwickelt hat.

(Foto: Rolf K. Wegst)

Urbatsch: Das ist ein ganz großes Problem. Einerseits wehrt man sich gegen diese Sprüche, andererseits hat man diese Wertvorstellungen aus der Kindheit verinnerlicht, dass zum Beispiel Philosophie keine Arbeit ist. Man muss sich vor der eigenen Familie rechtfertigen, aber man muss sich auch vor sich selber rechtfertigen. Ich selbst habe Nordamerikastudien im Hauptfach belegt. Als Nebenfächer habe ich dann BWL und Publizistik gewählt, aus Interesse, aber auch, um mich verteidigen zu können - vor meiner Familie, aber auch vor mir selber: 'Ich habe ja noch diese praktischen Fächer, damit finde ich auf jeden Fall einen Job.'

sueddeutsche.de: Mit der 'Schuster bleib bei deinen Leisten'-Mentalität ist ja auch die Vorstellung verbunden, dass eine Ausbildung der beste Weg zu einem sicheren Arbeitsplatz ist ...

Urbatsch: Das ist auch so eine Mär! De facto ist es so, dass die Arbeitslosigkeit von Akademikern bei höchstens drei Prozent liegt. Und Studien zeigen, dass Studierte im Durchschnitt wesentlich mehr verdienen als Menschen mit Ausbildung. Aber es geht ja auch nicht nur ums Geld, sondern um die Tatsache, dass ein Studium den Horizont weitet, dass man sein Leben besser in die Hand nehmen, eigenständige Lösungen finden kann.

sueddeutsche.de: Inwiefern werden First Generation Students - wie man in den USA weitaus positiver sagt - durch den fehlenden akademischen Habitus gehemmt, durch die Unkenntnis des Milieus, in das sie vorstoßen?

Urbatsch: Das ist bei jedem anders. Es hängt auch davon ab, wo man herkommt, ob man aus einem sozial schwachen Hintergrund kommt oder eher aus der Mittelschicht - je größer die Lücke, umso schwieriger wird es. Ich stamme eher aus der Mittelschicht, für mich ist es nicht ganz so schwer - aber dieses Gefühl, nicht dazuzugehören, bleibt, die Angst, Dinge nicht richtig zu machen, nicht die richtige Sprache zu sprechen, sich nicht richtig zu benehmen. Im Berufsleben mit ein paar Jahren Erfahrung wird das vielleicht besser. Manche begleitet das jedoch ein Leben lang, andere können da lockerer mit umgehen. Auch der Konflikt zwischen den Wertvorstellungen des Elternhauses und denen der akademischen Welt, in die man vorgedrungen ist, ist etwas, das bleibt.

sueddeutsche.de: Was muss getan werden, damit mehr Kinder mit nicht akademischem Hintergrund sich an ein Studium wagen?

Urbatsch: Der erste Schritt, den wir machen müssen, ist, zu sagen: Jeder Einzelne kann etwas tun und gemeinsam können wir etwas tun. Das fängt damit an, in der Schule zu überlegen, was können wir verbessern, oder bei Studienberatern oder in den Hochschulen. Der andere Punkt ist, dass ich mir ein klareres Signal von den Politikern und Wirtschaftsverbänden, ja der Gesellschaft insgesamt erhoffe, dass es wirklich gewollt ist, dass mehr Nicht-Akademiker-Kinder ein Studium aufnehmen. Wenn man momentan die Zeitung aufschlägt, da stehen - zum Teil nebeneinander auf der gleichen Seite - Klagen über den großen Fachkräftemangel und Klagen der Hochschulen, dass sie überfüllt seien und nicht mehr Studenten aufnehmen wollen. Das passt nicht ganz zusammen.

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