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Streit über Sommerferien:Warum ein Ferien-Chaos nicht zu mehr Staus führt

Stau bei Hitze auf der Autobahn

Ein Bild, das es öfter geben könnte, wenn die Schulpolitiker ihren Streit nicht beilegen?

(Foto: dpa)

Droht der Kollaps auf den Autobahnen, wenn sich die Länder nicht über die Sommerferien abstimmen? Die Datenanalyse zeigt: Erstaunlicherweise nicht. Meistens jedenfalls.

Die Fahrt in den Urlaub ist die reinste Tortur geworden, Stunde um Stunde um Stunde steht man auf der Straße, unter glühender Sonne, den Motor längst ausgeschaltet, weil sich seit Ewigkeiten nichts bewegt. Und auf jeder Rückbank quengeln die Kinder. Man fragt sich verzweifelt, ob es diese Qual für ein paar freie Wochen früher auch schon gegeben hat.

Kommt es wirklich so?

Hamburg Schulsenator Ties Rabe entwarf zumindest dieses Drohszenario: Künftig könnten die meisten Bundesländer ihre Schülerinnen und Schüler etwa zur selben Zeit in die großen Ferien entlassen - weil sie sich nicht mehr über die Termine abstimmen. Und dann? "Viel Spaß auf den langen bayerischen Autobahnen", hatte Rabe in der Süddeutschen Zeitung gesagt. Unter den Bundesländern ist ein offener Streit ausgebrochen, seit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erklärt hat, dass der Freistaat auf seine späten Ferientermine nicht verzichten wolle - genau das würde sich Hamburg aber für die Zukunft wünschen.

Die Sommerferien werden nach einem sogenannten "rollierenden System" festgelegt. Die Bundesländer sind in fünf Gruppen eingeteilt, die jeweils zu unterschiedlichen Zeitpunkten in die Ferien starten. Die nordöstlichen Länder Brandenburg, Berlin, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein bilden im kommenden Jahr die Ferienvorhut: Bei ihnen endet die Schule schon im Juni. In Baden-Württemberg und Bayern beginnen die Ferien im kommenden Jahr erst, wenn sie in den nördlichen Ländern bereits zu Ende gehen. Die Termine wechseln von Jahr zu Jahr, mal beginnen die Ferien in der einen Ländergruppe früh, mal in der anderen. Nur Bayern und Baden-Württemberg nehmen traditionell nicht an der Rotation teil. Sie haben immer den letzten Termin. Begründet wird das mit den Pfingstferien: Die Sommerferien müssten so spät beginnen, damit nach Pfingsten noch genug Unterrichtszeit bleibt.

Die Sommerferien sind die einzigen Ferientermine, die die Länder abstimmen, und das über Jahre im Voraus. Über die übrigen schulfreien Tage entscheidet jedes Land für sich.

Am Beispiel von Nordrhein-Westfalen erkennt man gut, wie das rollierende System funktioniert. Im vergangenen Jahr, als Nordrhein-Westfalen einen relativ späten Termin für die Sommerferien hatte, gab das Kultusministerium den Schülerinnen und Schülern eine Woche zu Pfingsten frei - erstmals nach Jahrzehnten. Im kommenden Jahr beginnt die Sommerpause in den Schulen dagegen wieder sehr früh. Allerdings würde NRW die Pfingstferien gerne fest etablieren - und dringt daher auf ein Ende der Sonderregelung für die Südländer. Auch Hamburg und Niedersachsen sind für eine Neuordnung. Seit Oktober laufen die Verhandlungen über die Ferientermine für die Jahre 2025 bis 2030.

Dass die Länder zu unterschiedlichen Terminen in die Ferien gehen, begründet die Kultusministerkonferenz mit einer Entzerrung des Tourismus: Der Andrang auf Straßen und Urlaubsdomizile soll über den Sommer verteilt werden. Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Ferien und Staus lässt sich jedoch nicht belegen. Das zeigt eine Auswertung der Staustatistik des ADAC.

Wir haben dazu die Gesamtlänge der Staus auf allen deutschen Autobahnen für jedes Wochenende berechnet und der Anzahl von Schülern gegenübergestellt, die am jeweiligen Wochenende Ferien hatten. Das staureichste Wochenende des Sommers 2018 war demnach Ende Juni, als in den meisten Bundesländern das Schuljahr noch lief; zum Ferien-Höhepunkt Ende Juli und Anfang August waren die Staus dagegen vergleichsweise kurz.

Das dürfte daran liegen, dass in den Ferien zwar der Urlaubsverkehr zunimmt, der Berufsverkehr aber gleichzeitig zurück geht. Der Ferien-Effekt federt sich selbst ein Stück weit ab.

Ist die Debatte um die Ferienzeitregelung also überflüssig? Könnten alle Länder genauso gut gleichzeitig in die Sommerpause gehen? Insgesamt würde das deutsche Autobahnnetz das wohl verkraften; an einzelnen Nadelöhren könnte es dennoch Probleme geben. Das zeigt ein Blick auf eine der wichtigsten Routen des Urlaubsverkehrs: die Autobahn 8 von München Richtung Salzburg. Viele Touristen mit Ziel Österreich, Italien oder Kroatien nehmen diese Strecke. Und dort fallen die drei staureichsten Wochenenden des Sommers mit den drei wichtigsten Ferienwochenenden zusammen, an denen alle oder fast alle deutschen Schüler frei haben.

Auch bei Hotels, Ferienwohnungen und Campingplätzen dürfte es zu Engpässen kommen, wenn sich alle Familien gleichzeitig auf den Weg machen. Andererseits geht es in Ländern wie Frankreich ja auch. Und mit sechs Wochen sind die Sommerferien lang genug, um den Termin des Aufbruchs etwas zu variieren.

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