Sitzenbleiben in der Schule Lehrer vs. Wissenschaftler

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Sitzenbleiber - auch weil zum Beispiel Hamburg oder Rheinland-Pfalz das Instrument in manchen Schultypen oder Altersgruppen kaum noch einsetzen - deutlich gesunken. Gingen Schätzungen im Jahr 2012 noch von etwa 250 000 Durchfallern pro Jahr aus, lag der Wert im Schuljahr 2013/14 bei 150 000. Klemm vermutet daher, dass die Kosten für die Ehrenrunden auf etwa 800 Millionen Euro gesunken sind. Das entspräche etwas mehr als 1,3 Prozent der Gesamtausgaben für die Schulen. Diese liegen laut dem Bildungsfinanzbericht 2014 bei 60 Milliarden Euro.

Dass die Durchfallerquoten konstant zurückgehen, hat auch Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), registriert: "Wir haben keine nennenswerten Zahlen mehr." Kraus, selbst seit fast 20 Jahren Leiter eines bayerischen Gymnasiums, sieht daher keinen Grund, das Durchfallen pauschal abzuschaffen: "Das Sitzenbleiben ist eine große Chance für die jungen Leute, die eigene Schullaufbahn zu konsolidieren, Wissensdefizite auszugleichen und zu einem ordentlichen Schulabschluss zu kommen." Das Gros der Sitzenbleiber verpasse das Klassenziel ja nicht knapp, sondern komme mit "vier oder fünf Fünfern daher". "Die weiterzuschieben, ergibt überhaupt keinen Sinn, da sie in der nächsthöheren Jahrgangstufe eine Niederlage nach der anderen erleben."

Außerdem gebe es, so Kraus, nicht nur in Bayern bereits das Instrument des Vorrückens auf Probe. Schüler, die knapp durchfallen, können zudem über eine Nachprüfung am Ende der Sommerferien das Vorrücken in die nächsthöhere Klasse sichern. Immerhin an einer Stelle sind sich Klemm und Kraus aber einig: Es gibt Fälle, in denen eine Wiederholung der Klasse immer sinnvoll sein kann; Krankheit, Probleme in der Familie oder ein Umzug über die Grenzen verschiedener Bundesländer hinweg beispielsweise.

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Bleiben die Finanzen. Wenn durch das Abschaffen des Durchfallens tatsächlich ein hoher dreistelliger Millionenbetrag eingespart würde, wäre das im Interesse von Bund und Ländern. "Volkswirtschaftliche Milchmädchenrechnung!", schimpft jedoch Kraus über solche Zahlen. Durch das Sitzenbleiben würden keinesfalls mehr Klassen oder Lehrkräfte notwendig, da sich die wenigen Durchfaller meist problemlos in bestehende Klassen integrieren ließen. Daher stimme die Überlegung von Klemm im Grundsatz nicht. Für städtische Schulen und insbesondere Gymnasien mag diese Argumentation zutreffen. Bei kleineren Schulen im ländlichen Raum dürfte es jedoch Realität sein, dass schon wenige Durchfaller die Etablierung neuer Klassen und damit hohe Kosten notwendig machen.

Aber selbst wenn die Ehrenrunde teuer würde, findet Kraus: "Sitzenbleiben ist eine pädagogisch sinnvolle Maßnahme, die nicht in erster Linie am Kostenfaktor zu bewerten ist."

Die Diskussion scheint also noch immer zu sein, was sie schon vor Jahren war: ein Streit zwischen Praktikern und Forschern, Lehrern und Wissenschaftlern. In einer idealen Welt, wo Schüler motiviert sind und es keiner äußeren Druckmittel als Ansporn fürs Lernen bedarf, mögen die Gegner des Sitzenbleibens im Recht sein. Schenkt man allerdings den Klagen vieler Lehrer - quer durch alle Schultypen - Gehör, so scheint es, als sei die ideale Welt meist ein theoretisches Konstrukt. Und die Gefahr, eine Klasse wiederholen zu müssen, auch aus Schülerperspektive oft ein vernünftiges Instrument der Pädagogik.