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Singapur:Die Singapurer geben etwa 700 Millionen Euro im Jahr für Privatlehrer aus

Nelly geht nur einmal die Woche zu einem Tutor, aber die Mutter überlegt, ob das wirklich reicht, vor allem wenn die Prüfungen am Ende der Grundschule anstehen. Die sind zwar erst in drei Jahren, Ende der sechsten Klasse. Aber alle Eltern wissen, wie wichtig sie sind. "Nelly spürt den Druck schon jetzt. Und ich auch." Denn die Tests entscheiden darüber, wo die Kinder die Sekundarstufe absolvieren. Die Schulen wählen ihre Schüler nach Leistung aus. Das Ranking forciert den Wettlauf. "Meine Tochter kann froh sein, dass ich selber mit ihr so viel übe."

Yong hat Zeit dafür, weil sie nicht arbeitet und Nelly ihr einziges Kind ist. Fast immer aber arbeiten beide Eltern in Singapur, und die Kinder verbringen ihre freie Zeit mit Privatlehrern. Wenn die sechste Klasse naht, gibt es Mütter, die im Job pausieren, um die Kinder auf die Tests vorzubereiten. Andere zahlen monatlich Tausende Dollar, um die Kids fit für die Prüfungen zu machen. Das Business boomt: Die Singapurer geben inzwischen etwa 700 Millionen Euro im Jahr für Privatlehrer aus, fast doppelt so viel wie 2004. Etwa 70 Prozent aller Eltern buchen solche Extra-Stunden für ihre Kinder, berichtet die Straits Times.

Yong sagt: "Bei uns glauben die Leute: Wenn du in der Schule nichts leistest, verspielst du deine Zukunft." Dann ist der Zug abgefahren. Die Mutter hat dafür ein Wort: "Kiasu". Das ist Hokkien-Chinesisch und bezeichnet "die Angst zu verlieren". Es gibt auch eine Website: kiasuparents.com. Dort holen sich Eltern Tipps, wie man seine Kinder ganz nach vorne bringt. Denn es gibt keine schlimmere Horrorvorstellung als diejenige, dass die Kinder abgehängt werden.

Aber kann man nicht auch später noch die Kurve kriegen, wenn es in der Schule mal nicht läuft? Wer in Singapur diese Frage stellt, blickt in verwunderte Gesichter. Eltern sind hier überzeugt, dass der Privatunterricht unerlässlich ist. Aber was sagen Experten? Besuch im Singapurer Erziehungsministerium. Es empfängt Ridzuan Rahim. Kariertes Hemd, gestutzter Bart, lebhafte dunkle Augen. Der Beamte ist Spezialist für den Mathematik-Lehrplan und er warnt vor einfachen Antworten. Der Nutzen des Privatunterrichts sei gar nicht umfassend erforscht. Er will sich in dieser Frage nicht festlegen. Er hat gesehen, dass das von Kind zu Kind sehr unterschiedlich ausfallen kann. Die einen profitieren, die anderen werden schlechter, weil der Druck die Abneigung noch steigert.

Die sagenhafte Expansion von "Tuition" betrachtet Rahim mit einiger Skepsis. Wäre vielleicht nicht schlecht, wenn alle mal in sich gehen, überlegen und dann einen Gang runterschalten. "Hey, let's cool down a bit." Das würde Rahim gerne erleben. Schließlich müsse es auch noch eine gute Balance im Leben geben.

Balance? Samstagmorgen, ein schlichter Wohnblock, silberner Aufzug, vierter Stock, rechts. Auf dem Balkon sitzt Kayleigh, langes schwarzes Haar, Brille, Trainingsanzug. Sie ist 14 und hat eine Mutter, die ihr nicht jeden Tag Privatunterricht verordnet. Weil Kayleigh auch ohne Extrastunden eine gute Schülerin ist und gerne lernt. Von freiem Wochenende kann sie trotzdem nur träumen. Sie listet auf, was bis Sonntagabend noch zu erledigen ist. Essay in Englisch, Schreibübungen in Chinesisch, dazu Chemie, Mathe, Physik und so weiter. "Ich habe wirklich sehr wenig Zeit für andere Sachen als die Schule." Wenn doch mal Luft ist, kocht sie gerne. Am liebsten Nudeln mit Chili und Knoblauch. "Blöd nur, dass es meiner Familie viel zu scharf ist", sagt sie und lacht. Andere Hobbys? "Schwimmen und Gitarre." Mit Coach, versteht sich. Das nennen sie hier "Enrichment". Bereicherungen jenseits des Unterrichts.

Kayleighs Eltern mischen sich nicht stark ein, solange die Tochter gut mitkommt. Aber bei ihren Freundinnen sehe das anders aus. "Die kriegen echt Druck." Innerhalb ihrer Klasse herrsche starker Wettbewerb. Durchhängen ist keinesfalls cool, sondern peinlich. "Wenn meine Freundin mal einen Test verhaut, fließen Tränen." Kayleigh weiß sogar von Eltern, die zu Hause gelegentlich den Rohrstock schwingen, wenn es mit den Noten der Kinder hakt.

Auch in Schulen sind körperliche Züchtigungen noch erlaubt. "Aber nur bei ganz extremen Fällen", sagt die Rektorin Josephine Ng von der Woodgrove Primary School. "Nur der Schulleiter darf mit dem Stock bestrafen. Ich hab es nie getan, denn ich glaube nicht an die Prügelstrafe." Eine Nachbarin von Kayleigh erinnert sich noch an einen Fall, als ein Junge einen Spruch an die Wand der Aula schmierte, er beleidigte den Rektor als "dummes Schwein". Dafür bekam der Schüler vor aller Augen den Stock.

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