Sexuelle Belästigung im Studium:Öffentlichkeit muss her

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Im Vergleich zu den Erfahrungen mit sexuellen Belästigungen und Stalking sind Erlebnisse mit sexueller Gewalt selten. Dazu haben rund 11.100 Studentinnen Fragen beantwortet. Von ihnen waren 3,3 Prozent betroffen. Die Opfer berichten am häufigsten über erzwungene intime Berührungen (1,3 Prozent) sowie gewaltsamen Geschlechtsverkehr (1,1 Prozent).

Die Täter sind nicht selten Kommilitonen. Beim Thema sexuelle Belästigung gaben mehr als ein Drittel der Betroffenen (37,6 Prozent) an, dass der Täter aus dem Umfeld der Hochschule kam. Fast immer war es in diesen Fällen ein Kommilitone (82 Prozent), nur selten (9,7 Prozent) ein Dozent.

Doch egal, ob Kommilitone, Dozent oder ein Täter aus dem privaten Umfeld: Studentinnen, die Opfer eines sexuellen Übergriffs werden, ziehen sich oft zurück. Viele Übergriffe zeigten die betroffenen Frauen nie an, sagt Katrin List, die an der Studie der Ruhr-Universität mitgewirkt hat. Viele der Betroffenen hätten Angst vor einem künftigen Umgang mit dem Täter. Oft zweifelten die Frauen auch stark an sich selbst oder schämen sich. Viele stellten sich etwa die Frage, ob sie den Täter ermutigt haben.

Dazu kommt, dass die belästigende Person nicht selten aus dem persönlichen Umfeld des Opfers stammt, sagt Helmut Rüster vom Opferverein Weisser Ring. Eine Anzeige zu erstatten, falle in so einem Fall besonders schwer. Auch die Antidiskriminierungsstelle (ADS) des Bundes bestätigt, dass die wenigsten Betroffenen sich zu einer Anzeige durchringen können. "Übergriffe bleiben häufig ungeahndet, was entsprechende Gegenmaßnahmen erschwert", heißt es etwa im Abschlussbericht des ADS-Projektes "Diskriminierungsfreie Hochschule".

Doch auch wenn es vielen Opfern schwer fällt: Bei Übergriffen sollten die Studentinnen nicht tatenlos bleiben. Viele Opfer dächten sich zunächst "Das wird schon wieder", erläutert Rüster vom Weissen Ring. Doch das sei die falsche Strategie. Je weniger Gegenwehr man dem Täter entgegenbringt, umso penetranter mache er oft weiter. Bei obszönen Bemerkungen kann es die richtige Strategie sein, Täter direkt anzusprechen und Stellung zu beziehen.

Gut sei auch, sich Freunden anzuvertrauen oder sich an eine Hilfsstelle der Universität zu wenden. "Es muss so schnell als möglich eine gewisse Öffentlichkeit hergestellt werden", betont Rüster. Auf keinen Fall dürften Opfer anfangen, die Schuld für die Übergriffe bei sich zu suchen. Solche Vorfälle dürfen von der Hochschule auch auf keinen Fall geduldet werden, betont Sebastian Bickerich von der ADS.

Wünschenswert hält die ADS die Einrichtung einer Ombudsperson an den Hochschulen. Denn mit einer solchen Ombudsperson sei die Hürde, sich Hilfe zu holen, für viele Opfer nicht mehr ganz so hoch. Derzeit können sich Studenten etwa an die Gleichstellungsbeauftragten der Hochschule wenden, sagt Katrin List.

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