Schule "Eltern haben ein Recht auf Einsicht in Materialien und Methoden"

Schon vor 50 Jahren veröffentlichte die Kultusministerkonferenz Empfehlungen für die Sexualerziehung, rund 30 Jahre später hatte dann auch das letzte Bundesland den pädagogischen Auftrag im Bildungsplan verankert. In Hamburg sieht er vor, dass Schüler nach der zweiten Klasse Beispiele für angenehme und unangenehme Berührungen benennen sowie miteinander lernen und spielen können, ohne "sexualisierte Schimpfwörter" zu verwenden. "Darin zeigt sich, dass in der Sexualerziehung nicht nur medizinisch ausgerichtete Themen aufgegriffen werden", erklärt Beate Proll, zuständige Abteilungsleiterin im Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg. Es sei wichtig, dass Lehrer Themen rund um Sexualität professionell einschätzen und adäquat auf Schüler reagieren könnten, so Proll.

Was genau an Schulen vermittelt wird, bleibt aber unklar. "Wir wissen nicht, in welcher Intensität und Qualität Unterricht stattfindet", sagt Anja Henningsen; bislang fehle es an Forschungsgeldern, um dieser Frage auf den Grund zu gehen. Eine kleine Studie zur Lage in Grundschulen konnte die Professorin aber doch durchführen. Ihr Fazit: "Sexualerziehung hängt ab von dem Engagement, der Kompetenz und den Fähigkeiten der einzelnen Lehrkraft." Diese Beobachtung machen auch Hamburger Eltern: Mal würden Klassenlehrer Fragen der Sexualität aufgreifen, mal tolle Projekte dazu durchführen, öfter spiele das Thema im Unterricht keinerlei Rolle. Ein Manko - dabei gibt es in Hamburg in jeder Schule einen geschulten Beratungslehrer, und bei Bedarf helfen Kinderschutzfachkräfte, bietet das Landesinstitut Lehrern Materialien, Fortbildungen und Beratungen an.

Sexuelles Wissen: ein Menschenrecht

Die Vermittlung von sexuellem Wissen gilt seit mehr als zwei Jahrzehnten als Menschenrecht. 1994, auf der Weltbevölkerungskonferenz der Vereinten Nationen in Kairo, vereinbarten 179 Staaten, Sexualität nicht länger bevölkerungspolitisch zu betrachten, sondern in ihrer Bedeutung für das Individuum und die Menschenrechte anzuerkennen. "Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte" - zu dieser Forderung bekennt sich auch die Bundesrepublik: Jeder Mensch soll über seine Sexualität und Fortpflanzung selbst bestimmen und körperliches wie seelisches Wohlbefinden erlangen können. Dazu zählt der Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten, ungewollter Schwangerschaft oder sexueller Gewalt, aber auch ein befriedigendes, die Persönlichkeit bereicherndes Sexualleben - und eine Umgebung, die Menschen den Genuss der Sexualität ermöglicht. Zu alldem braucht es Wissen. Deshalb leitet sich aus dem Bekenntnis der Vereinten Nationen, aber auch aus dem Grundgesetz, Artikel 1 und 2, ein Recht auf Informationen ab. Es gilt von Kindheit an und wirkt bis in die Schule hinein. Das Wissen muss fachlich richtig und altersgerecht sein, es soll sich nicht auf biologische Vorgänge beschränken. Doch was in der Sexualerziehung altersgerecht ist, welche Themen und Werte sie vermitteln soll, und wie das geschieht, das wird nach wie vor heiß diskutiert. C. Kolb

Ohne die Mitarbeit der Eltern stoßen Schulen jedoch an Grenzen. Die Bildungspläne der Länder konstatieren deshalb, dass Sexualerziehung eine Aufgabe von Elternhaus und Schule sei. Bei der "vertrauensvollen Zusammenarbeit", wie es in Hamburg heißt, müssen die Lehrer Regeln einhalten, zum Beispiel die Eltern vorab informieren. In einer der Hamburger Grundschulen hat die Klassenlehrerin kurz vor Weihnachten einen Elternbrief verschickt. Darin steht, die Kinder seien gerade stark mit dem Thema Sexualität beschäftigt, und sie erklärt, wie die Schule darauf reagiert: Fragen und Anliegen sollen in der Klasse Raum bekommen, auch mithilfe altersgerechter Aufklärungsbücher. Und die Schüler könnten jetzt in einem Zettelkasten anonym ihre Fragen hinterlassen, die dann gebündelt besprochen werden. Auch einen Elternabend soll es geben. "Eltern haben ein Recht auf Einsicht in Materialien und Methoden, können jedoch nicht darüber entscheiden oder Inhalte abwählen", erklärt Beate Proll vom Landesinstitut.

Dennoch schalten sich Eltern zuweilen leidenschaftlich ein. Ein Grundschullehrer berichtet von ausufernden Diskussionen auf Elternabenden. Sexualerziehung kann anstrengend sein, persönlich werden. Es allen Eltern recht zu machen, erscheint fast unmöglich. Fällt auf dem Elternabend die Frage, woher die Kinder ihr Verhalten haben, schwingt meist die Antwort mit: nicht von uns. Die Hochschullehrerin Anja Henningsen sagt indes: "Häufig haben Kinder die Haltung der Eltern früh verinnerlicht, etwa den schamhaften Umgang mit dem eigenen Körper oder mit Nacktheit. Oder sie hören Sätze wie: Das ist noch nichts für dich." Damit aber lassen Eltern Kinder allein - obwohl diese immer eher durch das Internet mit heftigen Bildern konfrontiert werden.

Wie sehr sie den Austausch schätzen, weiß Annette Möller: "Wenn klar ist, dass bei uns das Thema Sexualität in Klasse drei oder vier im Unterricht stattfindet, sind immer alle Kinder aufgeregt - und froh, denn für viele ist es eine gute Möglichkeit, im geschützten Raum ihre Fragen besprechen zu können", sagt die stellvertretende Leiterin der Hamburger Grundschule Ratsmühlendamm, die nicht zu den zuvor erwähnten Grundschulen zählt.

Annika Arens von Pro Familia erlebt, dass Eltern oft viele Fragen zum Umgang mit Sexualität in der Erziehung haben. Die einen befürworten Aufklärung, auch über die Vielfalt von Sexualität, andere befürchten ein "Zu früh" oder wollen das Thema nur im Elternhaus behandelt wissen. Aber gerade da, wo Eltern nicht aufklären, ob aus weltanschaulichen Gründen oder Überforderung, ist die Schule gefordert. Weil das Wissen um Körper und Gefühle zufriedenstellende Beziehungen und physisches Wohlbefinden ermöglicht. Und weil es später vor sexuell übertragbaren Krankheiten und ungewollter Elternschaft schützt.

Ein zentrales Motiv ist auch der Schutz vor Missbrauch. Aufgeklärte Kinder wissen, was andere Menschen nicht mit ihnen tun dürfen, und können sich leichter Hilfe holen, weil sie erfahren haben, dass das Thema nicht totgeschwiegen wird. "Die Basis dafür sind kundige Lehrkräfte und ein sexualpädagogisches Konzept in jeder Schule", sagt Anja Henningsen. Das mache auch die Zusammenarbeit mit Eltern einfacher: "Die Schule kann klar auf ihr Konzept verweisen und sagen: So arbeiten wir hier. Punkt."

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