Die Bib-Touristin

Sei es, weil sie diese eine Klausur nicht geschafft hat oder weil sie Hausarbeiten schreiben muss - die Bib-Touristin verbringt ihre Semesterferien an ihrem angestammten Platz in der Uni-Bibliothek. Obwohl die in diesen Wochen wie ausgestorben daliegt und plötzlich freie Spind- und Arbeitsplatzwahl herrscht: Sie ist jeden Morgen eine Viertelstunde vor der eigentlichen Öffnungszeit da und wird vom Hausmeister beim Aufschließen mit Namen begrüßt. Sie genießt diese Ruhe, diesen Frieden, diese einschläfernde Stille ...

Tatsächlich schlägt ihre Stirn meistens schon gegen Mittag auf der Tischplatte auf. Ein Kaffee vom Automaten, ein Schokoriegel hinterher und weiter geht's im Lernmarathon. Ablenkung verspricht Facebook, wo die Bib-Touristin neidisch die Urlaubsfotos ihrer Kommilitonen bewundert. Alle scheinen am Strand zu liegen, während sie in staubigen Büchern blättert und Zitate markiert. Je länger die Semesterferien dauern, desto lustloser schleppt sie sich in die Bibliothek. Immerhin vergisst sie dort, dass draußen Sommer ist - bis zu ihrem Tisch dringt kein Sonnenstrahl vor.

(Karin Janker)

Bild: iStock 25. Dezember 2015, 15:092015-12-25 15:09:01 © SZ.de/jobr/kjan/vha/holz