Schulschwänzen vor den Ferien "Nur weil manche Eltern ein paar Euro sparen wollen"

Die Ferien eigenmächtig zu verlängern, ist kein Kavaliersdelikt.

(Foto: dpa)

Schule schwänzen und früher in den Urlaub fahren? Lehrer- und Elternvertreter haben zu diesem Verhalten eine klare Meinung.

Protokolle von Matthias Kohlmaier

Mehr als 20 Familien haben in Bayern eine Anzeige kassiert, weil sie vor den Pfingstferien in den Urlaub gefahren sind und ihre Kinder damit die Schule geschwänzt haben. Bei Routinekontrollen an den Flughäfen in Nürnberg und Memmingen konnten die Eltern keine Schulbefreiung vorweisen.

Ist es wirklich so schlimm, die Schulferien um ein paar Tage zu verlängern, zum Beispiel um günstigere Flugtickets buchen zu können? Wie beurteilen Lehrkräfte und Eltern die Situation?

Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbands

"Die Anzahl der Krankmeldungen direkt vor den Ferien ist definitiv über die letzten Jahre kontinuierlich gestiegen. Manche Schulen berichten sogar von einer Verdoppelung der Krankheitszahlen. Das betrifft nicht nur die Tage vor, sondern auch die direkt nach den Ferien - wo immer es eben möglich ist, günstigere Flüge oder Hotelzimmer zu bekommen.

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Davon abgesehen, dass es eine Schulpflicht gibt, finde ich, dass solche Eltern ihren Kindern ein ganz schlechtes Vorbild sind. Damit zeigen sie doch, dass man sich nicht an für alle geltende staatliche Vorgaben halten muss. Da fragen sich die Kinder natürlich: Wenn meine Eltern das so sehen, warum sollte ich andere Regeln in der Schule akzeptieren, die mir nicht passen? Das bekommen dann mitunter die Lehrkräfte zu spüren.

Vor den Sommerferien kommen viele Eltern gerne mit dem Argument zu uns, es sei doch längst Notenschluss und in der Schule eh nichts mehr los. Das ist aber nicht wahr: Dort finden Projekttage, Studienfahrten und Ausflüge statt. Die sind nicht notentechnisch wichtig, aber gut fürs Klassenklima und eine tolle Möglichkeit für Lehrkräfte und Schüler, einander auf einer anderen Ebene zu begegnen. Diese Chance müssen wir Schulen natürlich nutzen - damit bei Schülern und Eltern gar nicht erst der Eindruck entsteht, es lohne sich nicht, direkt vor den Ferien noch in den Unterrricht zu kommen."

Britta G., Lehrerin an einem bayerischen Gymnasium

"Ich kann auch nur während der Ferien in der Urlaub fahren und nicht einfach ein oder zwei Tage früher Schluss machen, um einen billigeren Flug zu bekommen. Ich finde, es ist ein Gebot der Fairness und des Anstandes, dass sich auch Eltern und Schüler an die Schul- und Ferienzeiten halten.

Gerade vor und nach den Pfingsferien zieht das Argument, es finde kein Unterricht mehr statt, ja auch gar nicht. Ich habe zum Beispiel am Freitag vor den Pfingstferien noch in einer Klasse Schulaufgabe geschrieben, weil es terminlich einfach nicht anders möglich war. Wenn da nun ein Kind fehlt, weil es früher in den Urlaub gefahren ist, bedeutet das für mich: eine Nachholschulaufgabe erstellen, dafür einen Termin finden und so weiter. Ich bin schlicht nicht bereit, diese Zusatzarbeit in Kauf zu nehmen, nur weil manche Eltern ein paar Euro sparen wollen."

Ana Z., Sprechstundenhilfe bei einer Münchner Hausärztin

"In der Woche vor den Schulferien kommen immer wieder Anrufe, die nur ein Ziel haben: eine Krankschreibung für das Kind zu erreichen. Viele Eltern sind wenigstens ehrlich und sagen, dass sie früher in den Urlaub fahren wollen. Aber manche erfinden auch die guten alten Bauchschmerzen oder sonst etwas - das ist am Tag vor den Ferien schon sehr auffällig.

Meine Chefin würde jedenfalls niemals ein Attest ausstellen, nur damit die Familie früher in den Urlaub kann. Ich habe allerdings auch schon in Praxen gearbeitet, wo der Arzt das durchaus mal gemacht hat."

Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrats

"Ich finde es absolut nicht in Ordnung, wenn Eltern ihre Kinder früher aus der Schule nehmen und die Ferien eigenmächtig verlängern. Entweder gelten die Ferienzeiten für alle oder sie gelten für keinen. Man kann nicht auf der einen Seite über Lehrermangel und Unterrichtsausfall jammern und auf der anderen Seite das Unterrichtsangebot nur dann nutzen, wenn es gerade passt.

Das grundsätzliche Problem kann ich allerdings gut nachvollziehen. Ich habe fünf Kinder und wenn dann Flug und Hotel an den wenigen Tagen, an denen man eine Ferienreise machen kann, plötzlich weitaus teurer sind als davor oder danach, ist das eine große finanzielle Belastung. Ich denke, das Problem könnte man auch von politischer Seite einmal angehen, weil Eltern mit schulpflichtigen Kindern hier wirklich benachteiligt werden. Das darf aber dennoch kein Argument dafür sein, die Schulpflicht zu ignorieren."

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