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Corona-Krise:So früh wie möglich die Schulen öffnen

Leeres Klassenzimmer

Experten raten, die Schulen schrittweise wieder zu öffnen. Über ein Datum wird aber noch nicht gesprochen.

(Foto: dpa)

In der Krise zeigt sich noch deutlicher: Die Herkunft entscheidet. Wo es vorher nicht gelaufen ist, läuft es jetzt erst recht nicht. Je jünger die Kinder, desto weniger helfen digitale Mittel - und desto mehr fehlt die Schule.

Es gibt Dinge, die wissen viele erst dann richtig zu schätzen, wenn sie nicht mehr da sind. Zu diesen Dingen gehört die Schule. Über kaum eine Einrichtung - die dort beschäftigten Menschen ausdrücklich eingeschlossen - wird in normalen Zeiten mehr gemosert und geschimpft. Doch seit alle Schulen coronabedingt geschlossen sind, erfährt die Institution in Abwesenheit ungekannte Wertschätzung. Bei allen Problemen, welche die Schulen durch den Alltag schleppen: Die Betreuung, der Unterricht im Klassenzimmer, der Kontakt der Kinder untereinander - all das ist nicht zu ersetzen.

Der Verlust des Schulalltags lässt sich nur auffangen und abmildern - und viele Eltern, Lehrer und Schüler leisten hier seit Mitte März Bemerkenswertes. Sie sind kreativ, solidarisch, geduldig und beweisen nebenbei, dass die Durchschnittsfamilie in Sachen digitaler Unterricht und spontane Organisation der schwerfälligen Bildungsbürokratie um Jahre voraus ist. Die Politik ist gerade mehr Zuschauerin als Gestalterin - und muss erleben, dass vieles ohne sie ziemlich gut klappt.

Doch zugleich besteht keinerlei Anlass, die aktuelle Lage zu verklären und die Schule im digitalen Übermut für quasi verzichtbar zu erklären. Das Gegenteil ist richtig. Denn diejenigen, die sich in der Krise selbst zu helfen wissen, sind die Starken, die Leistungsfähigen, die gut Gestellten und gut Organisierten. Wo es läuft, läuft's. Für Kinder und Jugendliche aus ärmeren, komplizierteren, schwächeren Familien, wo kein Laptop zur Hand ist und die Eltern oft nicht helfen können oder wollen, können die verschlossenen Schultüren zum echten Drama werden. Wo es nicht läuft, läuft es jetzt erst recht nicht. Die Herkunft wird wichtiger als ohnehin schon, die Krise ist wie eine Lupe: Sie vergrößert die Probleme, die schon da waren.

Dass die Schule zu ist, trifft die einen hart, die anderen härter. Deshalb ist der Vorschlag des Lehrerverbands, schwächere Schüler könnten freiwillig das Corona-Jahr wiederholen, so falsch. Weil er die Last der Krise denen aufbürdet, die von ihr besonders betroffen sind. Und deshalb weisen seine weniger beachteten Ideen in die richtige Richtung: Förderkurse und Wiederholungsphasen im kommenden Schuljahr. 2020/21 muss ein Jahr der Aufarbeitung werden - nicht nur für Schüler, sondern auch für die Bildungspolitik: Soziale Ungleichheit und Digitalisierung stehen im Stundenplan ganz oben.

Und das Schuljahr 2019/20 - oder das, was davon übrig ist? Die Ungeduld ist groß und verständlich, die Fragen sind es auch: Wie lässt sich die Gesundheit der Schüler schützen, ihrer Eltern, Großeltern, Lehrer? Haben Abstandsregeln im Klassenzimmer eine Chance? Die Wissenschaftler der Leopoldina raten der Bundesregierung, die Schulen so früh wie möglich wieder zu öffnen. Das ist richtig, aber fast trivial - wann das ist, ist ja genau die Frage. Richtig, aber gar nicht trivial ist dagegen die Anregung, die Klassen schrittweise wieder aufzumachen, und zwar von unten nach oben. Denn je jünger die Kinder, desto weniger hilft die Technik - und desto mehr fehlt die Schule.

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Die Bundesländer müssen sich aber nicht nur damit befassen, wann und wie sie die Schulen wieder öffnen. Sie sollten sich auch mehr einfallen lassen, um jenen Schülern zu helfen, die weiterhin nicht oder nicht regelmäßig in die Schule können. Hamburg etwa hat die Notbetreuung für alle geöffnet. Die Schule ersetzt auch das nicht. Aber es ist besser als nichts.

© SZ vom 14.04.2020/lot
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