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Corona-Krise:Erste Bundesländer verschieben das Abitur

Coronavirus  -  Kassel

An diesem Donnerstag sollen in Hessen die Abiturprüfungen beginnen, auch hier am ansonsten für den Unterricht geschlossenen Goethe-Gymnasium in Kassel.

(Foto: Uwe Zucchi/dpa)

Die Prüfungen in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern finden im Mai statt. Viele Länder zögern noch. Das liegt auch an gemeinsamen Aufgaben in einigen Fächern.

"Liebe Partygemeinde, leider müssen wir euch darüber informieren, dass per Erlass der Stadt Paderborn ... alle Veranstaltungen bis einschließlich 19. April 2020 abgesagt sind. Dies betrifft nun auch unsere Abiparty am 02.04.2020." Allein dieser Facebook-Post des Gymnasiums Schloß Neuhaus in Nordrhein-Westfalen verrät es: Die Corona-Krise bürdet Abiturienten Unannehmlichkeiten auf. Ein Abitur, das nicht gefeiert werden darf? Das hat es so noch nicht gegeben. Ein Abitur ohne Wiederholungsphase in der Schule und Pauken mit Freunden am Nachmittag? Auch ein Novum. Und jetzt auch noch das: Sogar die Prüfungen werden teilweise verschoben.

Als erstes Bundesland teilte Mecklenburg-Vorpommern bereits am Dienstag mit, dass die für März und April geplanten Abiturklausuren erst von Mitte Mai an geschrieben werden könnten. Mittwochfrüh präsentierte auch Bayern einen "neuen Fahrplan für das Abitur 2020". Dort starten die schriftlichen Abiturprüfungen erst am 20. Mai statt schon am 30. April. Wegen des momentanen Unterrichtsausfalls hätten die Abiturienten sonst nicht genügend Vorbereitungszeit, erklärte Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler). Das liegt daran, dass die Schulschließungen bayerische Abiturienten noch in der Stoffvermittlungsphase treffen. In Ländern, die früher in die Sommerferien gehen, sind dagegen viele Schüler schon in der Wiederholungsphase, dort ist der zur Prüfung benötigte Unterrichtsstoff bereits weitgehend behandelt worden.

Die meisten Länder brauchen für Prüfungen in Deutsch, Mathe und Sprachen gemeinsame Termine

Allerdings: Das alles sind nur Pläne. "Aufgrund der dynamischen Entwicklungen können weitere Veränderungen im Ablauf der Abiturprüfung 2020 nicht ausgeschlossen werden", warnte Bayerns Kultusministerium. Das dürften Piazolos Kollegen in anderen Ländern genauso sehen. Dennoch war man nicht nur in Nordrhein-Westfalen offenbar überrascht von dem Vorstoß aus Nord und Süd. "Ich hätte mich gefreut, wenn ich vorher Informationen gehabt hätte" sagte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) mit Blick auf die Abmachung der Kultusminister, in der Corona-Krise einheitlich vorzugehen. Bislang ist das Land bei seinen Abiturterminen geblieben, die schriftlichen Prüfungen sollen am 21. April beginnen. Doch die Dynamik in den Beratungen am Mittwoch war groß. Nachdem die Kultusministerkonferenz (KMK) mittags mitteilte, "man kläre diese Frage gerade", war denkbar, dass die Beratungen einen ähnlichen Dominoeffekt auslösen könnten wie am vergangenen Freitag, als sich ein Bundesland nach dem anderen zu Schulschließungen durchrang. Nach den Beratungen wollte die KMK-Präsidentin und rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) nicht mal mehr ausschließen, dass letztlich sogar Prüfungen wegfallen könnten.

Der Grund für den hohen Abstimmungsbedarf trotz aller föderalen Bildungshoheit der Länder sind die zentralen Klausurtermine für Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch. Da die meisten Länder dafür Fragen aus einem gemeinsamen Pool entnehmen, um das Abitur vergleichbarer zu machen, müssen die Abiturienten in diesen Fächern bundesweit trotz sehr unterschiedlicher Ferientermine am selben Tag ihre Prüfungen ablegen: Deshalb waren etwa für Deutsch der 30. April und für Mathematik der 5. Mai vorgesehen. Ob Bayern wegen seiner späteren Termine aus der Poollösung ausschert oder der Sammlung andere Fragen entnimmt, blieb zunächst offen.

Trotz der Beratungen hieß es bis zum Nachmittag aus den meisten Ländern sinngemäß: Verschiebungen der schriftlichen Prüfungen planen wir nicht, aber nagelt uns bloß nicht drauf fest. So der Tenor unter anderem aus dem Saarland, aus Hamburg, Niedersachsen und Hessen, wo zum Teil Alternativszenarien vorbereitet werden. Noch aber bestätigen Ausnahmen nur die Regel, so musste die Feldbergschule im hessischen Oberursel wegen eines Corona-Falls unter den Abiturienten die Prüfungen verschieben. Auch Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen halten an ihren Terminen fest, dort starten die Klausuren erst im letzten April-Drittel. Es sei denn, die Pandemie durchkreuzt diese Pläne; der sächsische Kultusminister Christian Piwarz sagte am Mittwoch: "Wir werden die Situation Ende März neu bewerten." In Berlin und Brandenburg sollen die Klausuren ebenfalls starten wie geplant (am 27. März bzw. 20. April), Schulleiter erhalten aber die Freiheit, auf Nachschreibtermine auszuweichen. Der Berliner Landesschülerausschuss hatte eine Verschiebung aller Abiturprüfungen gefordert.

Schleswig-Holstein verschiebt dagegen den Prüfungsstart, Kultusministerin Karin Prien (CDU) sagte der Süddeutschen Zeitung: "Derzeit bereiten wir für alle denkbaren Szenarien Lösungen vor, dass Schülerinnen und Schüler in diesem Schuljahr noch ihre Abschlussprüfungen ablegen können." Ausgang offen.

Auch Baden-Württemberg überlegt noch, neue Termine sind nicht ausgeschlossen. Am Dienstag war Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) zwar noch sicher, dass es beim Prüfungsbeginn am 22. April bleibt, Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) bemühte aber vorsorglich schon mal seine eigene Biografie, um die Schüler zu beruhigen, indem er an die Kurzschuljahre der Sechzigerjahre erinnerte: Damals wurde der Stoff von zwei Schuljahren in einigen Ländern in 15 Monate gepackt, um den Schuljahresbeginn von Ostern auf September zu verlegen. Auch Kretschmann hat diese Kurzschuljahre mitgemacht - und zählt trotzdem zu den Menschen, aus denen was Ordentliches geworden ist.

Ein Sonderfall ist Rheinland-Pfalz. Dort haben die Abiturienten, die neun Jahre lang das Gymnasien besuchen, ihre schriftlichen Prüfungen bereits abgelegt. Schüler, die schon nach acht Jahren Abi machen, schreiben erst am Ende April. Den Schulen ist erlaubt, die seit diesen Montag laufenden mündlichen Prüfungen erst vom 23. März an abzuhalten; einige machen davon Gebrauch.

Überall betonen die Schulminister, dass sie alles unternehmen wollen, um Nachteile für Abiturienten zu vermeiden oder sogar auszugleichen. Der bayerische Kultusminister will "faire Bedingungen" sicherstellen. Auch das nordhrein-westfälische Schulministerium verspricht ein "faires Abitur". An leichtere Prüfungsaufgaben denkt man dort bislang nicht. Die Abiturfragen lägen schon seit ein, zwei Jahren fertig im Safe. Die Beurteilung soll ebenfalls keinen neuen Maßstäben folgen: "Auch keine mildere Benotung, nein", sagte Gebauer. Auch Niedersachsen sieht die "Notwendigkeit zu einem generellen Nachteilsausgleich zurzeit nicht gegeben". Ganz anders klingt das in Baden-Württemberg. "Bitte machen Sie sich keine Sorgen wegen der Prüfungen", sagt dort die Kultusministerin. Seit klar ist, dass die Schulen geschlossen werden müssen, hat sie schon mehrmals angedeutet, dass die Prüfungen weniger streng benotet werden könnten als üblich. Gleichzeitig versichert sie: "Es werden hochwertige Abschlüsse sein."

In der Corona-Krise zeige sich, "wie gut es ist, dass wir kein reines Zentralabitur haben"

Susanne Lin-Klitzing, die als Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes für die Interessen von Gymnasiallehrern eintritt, kann in all dem Chaos auch etwas Gutes erkennen: Angesichts der Schulschließungen in der Corona-Krise zeige sich, "wie gut es ist, dass wir kein reines Zentralabitur haben", sagte sie der SZ. Anders als zum Beispiel Schülerinnen und Schüler in Finnland hätten die Jugendlichen in Deutschland zwei Drittel ihrer Abiturnote schon vor den Abschlussprüfungen in der Oberstufe erworben. Das nehme der Sorge ums Abitur etwas von ihrer Dramatik.

Neben dem Wann der Prüfungen fragen sich alle Beteiligten auch nach dem Wie. Welche Vorsichtsmaßnahmen müssen getroffen werden, damit Abiturienten gefahrlos ihre Termine wahrnehmen können? Der Bundesvorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger hegt keine grundsätzlichen Bedenken: "Die Schüler sitzen sowieso weit auseinander bei der Abiturprüfung und gegenseitig anreden dürfen sie sich auch nicht", sagte Meidinger der SZ. Es stünden genügend Lehrkräfte zur Verfügung, die auf mehrere Räume verteilt Aufsicht führen können. Aus Nordrhein-Westfalen heißt es zu der Frage: Selbst wenn der Unterricht auch nach den Osterferien noch pausieren müsse, "ist vorgesehen, dass die Schulgebäude in Abstimmung mit den örtlich zuständigen Behörden von Abiturientinnen und Abiturienten sowie Lehrkräften genutzt werden können, um an den vorgesehenen Terminen ordnungsgemäße Prüfungen durchzuführen". Aus Rheinland-Pfalz ist zu hören, bei den Prüfungen sei "selbstverständlich auf die Infektionsschutz- und Hygienemaßnahmen zu achten". So vage das im Moment alles noch klingt, so sicher ist davon auszugehen, dass diese Frage Schulen und Politik noch umtreiben wird.

Susanne Klein, Matthias Drobinski, Claudia Henzler, Ulrike Nimz, Ralf Wiegand, Christian Wernicke

© SZ vom 19.03.2020/berk
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