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Schulschließung:"Alle haben bei uns ein Tablet" - "Einen Dienstlaptop hat niemand"

Coronavirus - Geschlossene Schule

Seit vergangener Woche sind alle Schulen in Deutschland geschlossen. Schüler und Lehrer können sich nicht mehr sehen und müssen andere Formen des Unterrichtes finden.

(Foto: dpa)

Der eine führt eine digitale Vorzeigeschule, der andere muss schon über einen Beamer froh sein: Zwei Schulleiter berichten von ihren Bedingungen für Unterricht aus der Ferne.

Von Julia Hippert und Raphael Markert

Die Schulen in Deutschland sind geschlossen, Schüler und Lehrer können sich nicht mehr sehen - und müssen andere Formen des Unterrichtes finden. Vieles davon läuft digital: über Videokonferenz-Programme, Chat-Gruppen und die Bildungsserver der Länder. Bestenfalls, aber längst nicht immer. In der jetzigen Situation zeigt sich, wie unterschiedlich gut Schulen technisch ausgestattet sind.

Michael Kuhn ist Schulleiter an der Integrierten Gesamtschule Gerhard Ertl in Sprendlingen, einer Stadt nahe Mainz. Seine Schule ist seit 2014 eine iPad-Schule. Der Einsatz von Technik gehörte bereits vor den Schulschließungen zum Alltag.

Ganz anders am Gymnasium Thusneldastraße in Köln: Hier ist es nur dem Engagement des Schulleiters André Szymkowiak und seinem Kollegium zu verdanken, dass die Schüler jetzt noch wenigstens etwas Material zum Lernen zugesendet bekommen. Doch ob das wirklich immer funktioniert, weiß auch der Schulleiter nicht. Die SZ hat beide getrennt voneinander zu ihren Erfahrungen in der Krise befragt.

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André Szymkowiak: Immerhin mein persönliches Home-Office ist für die Situation gut ausgerüstet: Ich habe einen modernen Laptop, mehrere Monitore, Drucker, Scanner und eine gut sortierte Bibliothek. Aber das ist das einzige, was aktuell läuft. Wir als Schule sind schwach aufgestellt, was die Digitalisierung anbetrifft. Wir haben zwar eine passable Internetleitung, aber keine einheitlichen Geräte wie Laptops oder Tablets für Lehrer und Schüler. Das fällt uns jetzt auf die Füße. Die Landesregierung hat uns angehalten, den Schülern Material zukommen zu lassen und ihren Lernfortschritt während der Zeit zu kontrollieren, in der sie nicht in die Schule kommen können. Wir können aber nicht sicherstellen, dass alle Schüler wirklich die Mittel haben, auf unsere Arbeitsaufträge zuzugreifen, wir können nämlich eben keine Tablets oder dergleichen für 800 Schüler ausgeben. Das ist eine Kombination aus Zufall und viel gutem Willen, wenn das jetzt alles reibungslos klappt.

Michael Kuhn: Wir sind schon seit einigen Jahren eine digitale Schule. Alle Lehrkräfte und alle Schülerinnen und Schüler haben ein Tablet. Die Geräte wurden bisher schon täglich im Unterricht genutzt. Ich habe zum Beispiel mit meinem Französischkus einen eigenen Chat-Kanal. Da stehen wichtige Informationen drin, zum Beispiel dazu, was die Schüler zur nächsten Unterrichtsstunde mitbringen müssen. Die Schüler können auch Präsentationen am Tablet erstellen und im Kanal einstellen. Und auch Hausaufgaben haben die Kolleginnen und Kollegen hier digital gestellt. Wir können uns sehr glücklich schätzen, dass unser Schulträger schon vor einigen Jahren viel Geld in die Hand genommen hat. In dieser Situation ist das ziemlich hilfreich.

Unterricht per App und fehlende Laptops

André Szymkowiak

Schulleiter André Szymkowiak: "Alle Geräte, die wir aktuell nutzen, haben wir uns auf eigene Kosten zugelegt."

(Foto: Raphael Markert)

André Szymkowiak: Der Unterricht beruht ja eigentlich auf unmittelbarem Kontakt, nun ist plötzlich jeder auf sich allein gestellt. Lehrer, Schüler, alle. Das ist eine völlig unnatürliche Situation. Die Landesregierung hat unseren Lehrern in der vergangenen Woche, worüber ich sehr froh bin, noch zwei Tage Zeit gegeben, damit sie sich in den Schulen auf die Lage einstellen und gemeinsam eine Strategie entwickeln konnten. Seitdem arbeiten sie von zu Hause aus. Einen Dienstlaptop hat niemand. Alle Geräte, die wir aktuell nutzen, haben wir uns auf eigene Kosten zugelegt.

Michael Kuhn: Wir arbeiten mit verschiedenen Tools. Die Lehrerinnen und Lehrer können zum Beispiel über einen Cloud-Server Ordner Unterrichtsmaterialien bereitstellen. Außerdem gibt es eine App, in der man Quizze oder Tests oder sogar ganze Klassenarbeiten schreiben kann. Das geht nicht nur als Multiple-Choice Aufgaben, sondern auch für frei formulierte Antworten. Wenn die Lehrkraft vorher eingegeben hat, welche Informationen die Antwort enthalten soll, bewertet das Programm die Schülerantwort automatisch. Die Lehrkraft hat natürlich aber nochmal die Möglichkeit drüber zu schauen. Je offener die Aufgaben gestaltet sind, desto kreativer und motivierter werden die Schülerinnen und Schüler bei der Beantwortung. Eine Schülerin hat mir in Französisch mit einem Audiovortrag geantwortet. Alle haben eine Schul-E-Mail-Adresse, ich kann meinen kompletten Französisch-Oberstufenkurs mit einem Klick erreichen, was extrem praktisch ist. Wir können uns auch per App zu einer Videokonferenz zusammenschalten.

Wer sorgt dafür, dass alle ihre Aufgaben machen?

André Szymkowiak: Am Anfang haben wir den Schülern Arbeitsaufträge per Mail geschickt. Inzwischen haben wir eine digitale Cloud eingerichtet, in die Lehrer das Material hochladen und mit den Schülern unmittelbar kommunizieren können. Das macht es etwas einfacher und fühlt sich mehr wie Unterricht an. Zu verdanken ist das aber allein dem Engagement einer motivierten Gruppe aus Lehrern. Die Cloud hat uns 2500 Euro gekostet, das hat uns der Förderverein bezahlt. Von den Eltern bekommen wir aktuell sehr positive Rückmeldungen für die Anstrengungen. Aber sie merken natürlich auch, dass es die ureigenen Bemühungen unserer Schule sind. Umgekehrt müssen wir uns gerade sehr auf die Eltern verlassen. Stellen Sie sich die Situation mal vor: Ein Teenager sitzt zuhause, hat schulfrei und will bestimmt nicht alleine über seinem Material büffeln - der denkt eher an seine Playstation. Die Eltern müssen dafür sorgen, dass die Aufgaben auch gelöst werden. Das können nicht alle gleichermaßen. Viele sind ja nach wie vor berufstätig. Deshalb drücken wir auch mal ein Auge zu; wir wollen ja nicht, dass das für die Familien jetzt eine schlimme Zeit wird.

Michael Kuhn: Natürlich sind wir gerade in dieser Situation darauf angewiesen, dass sich die Jugendlichen selbst organisieren. Aber wir arbeiten ja schon lange Jahre daran, dass Schülerinnen und Schüler frühzeitig ihre Eigenverantwortung wahrnehmen, predigen das auch immer den Eltern. In der Klassenstufe 9 den Kindern noch den Ranzen zu packen, ist nicht angebracht. Wenn Hausaufgaben regelmäßig nicht gemacht sind, müssen Eltern schon intervenieren. Gerade die Jüngeren muss man natürlich weiterhin begleiten. Die Klassenlehrer der Jahrgangsstufen 5 und 6 sind zum Beispiel im regelmäßigen Dialog mit den Eltern und geben ihnen Tipps, wie sie die Kinder zum Lernen bringen. Viele sind ja damit auch überfordert. Sie müssen dem Kind ja trotzdem eine Struktur geben.

Schulleiter Michael Kuhn: "Natürlich sind wir gerade in dieser Situation darauf angewiesen, dass sich die Jugendlichen selbst organisieren."

(Foto: Photographer: Knin Chaisattra; privat)

Unterricht vor der Webcam

André Szymkowiak: Wir derzeit planen keine Unterrichtsstunden per Videokonferenz. Dafür fehlt uns die digitale Infrastruktur, es fehlen Kameras, es fehlt teilweise auch eine stabile Internetleitung. Damit Videokonferenzen funktionieren, bräuchten eben alle Lehrer einen Dienstlaptop, genauso wie jeder Schüler ein arbeitsfähiges Gerät bräuchte; und wir bräuchten eine Software, die Kooperation im virtuellen Klassenraum ermöglicht. Genauso fehlt uns auch das passende Material, um auf diese Art Unterricht zu organisieren. Unsere Kollegen sichten Lernvideos auf verschiedenen Plattformen und stellen daraus eine Auswahl für die Schüler zusammen. Manche sind schon so weit und stellen eigene Erklärvideos her. Mehr geht nicht.

Michael Kuhn: Digitaler Unterricht hat natürlich seine Grenzen. Wir können Materialien bereitstellen, wir können Lösungen überprüfen, wir können beraten. Aber eine ganze Schulstunde per Videokonferenz? Eine Uni kann eine Vorlesung problemlos online stellen. Schule ist aber etwas anderes. Eine Konferenzschaltung mit 30 Schülerinnen und Schülern ist keine Unterrichtsstunde. Sie können nicht herumgehen, den einzelnen Schülern etwas erklären, es kann auch niemand mal eben zu Ihnen kommen und etwas fragen, was er nicht verstanden hat. Es ist abstrakter. Und trotzdem hilft es, sich von Zeit zu Zeit zu sehen. Da können offene Punkte geklärt werden. Ich habe auch schon von Kollegen gehört, die in einem Videochat Vokabeln abfragen.

André Szymkowiak: Wenn die aktuelle Krise vorbei ist, müssen wir intensiver über die Digitalisierung an den Schulen reden. Ein Digitalpakt reicht da nicht aus. Wenn man es ernst meint, braucht es das Bewusstsein bei den Schulträgern, dass richtig Geld in die Hand genommen werden muss. Ein digitales Arbeitsgerät für jeden Lehrer und Schüler, das müsste es geben. Bildung für den digitalen Wandel ist zu wichtig, als dass wir die Entwicklung an den Schulen dauerhaft dem Zufall überlassen.

© SZ.de/berk
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