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Schulschließungen:"Natürlich geht beim Fernunterricht etwas verloren"

Mebis, Mail und Matheseiten - Wie Schüler trotz Corona lernen

Lehrerersatz: Eine Schülerin hat die Lernplattform "Mebis" geöffnet, über die Lehrer an bayerischen Schulen ihr Material zur Verfügung stellen.

(Foto: dpa)

Wenn die Schulen geschlossen sind, leiden vor allem Kinder aus benachteiligten Familien, warnt der Bildungsökonom Ludger Wößmann. Wie kann man verhindern, dass sie den Anschluss verlieren?

Die Schulen sind praktisch in ganz Deutschland zu, bis Ostern, mindestens. Bayern und Mecklenburg-Vorpommern haben am Mittwoch zudem die Termine für die Abiturprüfung verschoben - andere Länder könnten nachziehen. Einen vergleichbaren Bildungs-Shutdown hat Deutschland noch nicht erlebt. Der Ifo-Forscher Ludger Wößmann warnt: Die kommenden Tage und Wochen dürfen nicht zu einem Lernstopp drohen, gerade die schwächeren Schüler könnten abgehängt werden.

SZ: Herr Wößmann, Ihre Kinder gehen auch noch zur Schule. Wie läuft es jetzt?

Ludger Wößmann: Wir haben mit ihnen eine klare Tagesstruktur vereinbart: Vormittags wird gelernt, so wie bisher auch. Am Nachmittag schauen wir Eltern nach, was sie morgens gemacht haben und ob sie noch Fragen haben. Es geht nicht nur ums Lernen in einer Situation wie dieser. Ich glaube, Kindern und Jugendlichen tut es gut, wenn ein bisschen Normalität aufrechterhalten wird. Aber es stimmt, Eltern müssen jetzt einige Aufgaben übernehmen, die sonst Lehrerinnen und Lehrer machen.

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In der Bundesrepublik gab es bisher keine Situation, in der Schulen über Wochen wegen einer Pandemie dichtgemacht wurden. Droht uns ein Bildungsnotstand?

Wenn die Schließungen bis Ostern andauern, wird das nicht in einer Katastrophe enden. Aber wir sollten das Thema nicht zu leicht nehmen. Bei längeren Phasen können Schulschließungen nachhaltige Folgen haben und die Lebenschancen einer ganzen Generation beeinträchtigen. Wir haben sehr gute und detaillierte Forschungsbefunde zu den Auswirkungen streikbedingter Schulschließungen, solche Situationen sind vielleicht am ehesten mit der jetzigen vergleichbar. Im wallonischen Teil Belgiens sind Anfang der Neunzigerjahre die Lehrkräfte für mehrere Monate auf die Straßen gegangen. Forscher haben die Entwicklung der betroffenen Schülerinnen und Schüler mit denen aus dem flämischen Teil Belgiens verglichen, in dem die Schulen offen blieben. Das Ergebnis: Die Kinder und Jugendlichen aus dem wallonischen Teil haben in der Folge häufiger Klassen wiederholen müssen und seltener einen hohen Bildungsabschluss erreicht. Manche Studien zu streikbedingten Schulschließungen zeigen sogar sehr langfristige Folgen. Die betroffenen Schüler haben selbst als Erwachsene noch geringere Einkommen.

Die meisten Bundesländer sagen: Die Schulen sind zwar zu, aber das Lernen geht weiter.

Das ist auch richtig, nicht nur wegen des Unterrichtsstoffs. Stellen Sie sich vor, in dieser Situation hätten die Kinder und Jugendlichen nichts zu tun. Das wäre schrecklich: Die Schwimmbäder haben geschlossen, der Sportverein trainiert nicht, Konzerte fallen aus und Urlaubsreisen sind auch nicht möglich. Die psychologische Belastung ist enorm, über kurz oder lang wird sich in vielen Familien der Lagerkoller einstellen. Allein deswegen ist es sinnvoll, dass es möglichst normal weitergeht.

Ludger Wößmann

Der Bildungsökonom Ludger Wößmann forscht am Ifo-Institut in München.

(Foto: privat)

Kann man das, was in den Schulen passiert, überhaupt so einfach an die Küchentische und in die Kinderzimmer verlegen?

Natürlich geht beim Fernunterricht etwas verloren. Sonst würden wir Schulen ja gar nicht benötigen. Der Stoff wird sicher nicht so vermittelt werden können wie im regulären Unterricht. Aber es wäre ja schon viel gewonnen, wenn sichergestellt wird, dass alle Kinder und Jugendlichen zumindest am Ball bleiben. Wir brauchen Rückmeldepflichten. Das scheint mir bisher nicht ausreichend bedacht worden zu sein.

Können überhaupt alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen gut zuhause lernen?

Nein, und das ist eines der großen Probleme. Die Herausforderungen werden für die lernschwächeren Schülerinnen und Schüler jetzt sehr viel größer sein. Ich fürchte, dass gerade sie sich schnell alleine gelassen fühlen. Es ist eben nicht gleich jemand da, der ihnen erklären kann, was sie nicht verstanden haben.

Vergrößert die Schließung also soziale Unterschiede?

Davon müssen wir ehrlich gesagt ausgehen. Viele Studien zeigen bereits, dass die Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen in den Sommerferien deutlich zurückgehen. Das Phänomen ist in der Bildungsforschung unter dem Namen "Sommerschmelze" bekannt: Das Gelernte rinnt während der schulfreien Wochen regelrecht zusammen. Aber eben nicht bei allen gleichermaßen: Bei Kindern aus benachteiligten Verhältnissen fällt der Rückgang besonders stark aus. Kinder aus bildungsnahen Schichten dagegen lernen in den Ferien zum Teil sogar noch weiter hinzu.

Was ist, wenn die Schulen länger geschlossen sein werden? Sollte man dann überlegen, die Sommerferien zu verkürzen?

Nur weil die Schule drei Wochen zu ist, sollten wir nicht über die Sommerferien debattieren.

Und wenn es vier, fünf, sechs, acht, zehn Wochen werden?

Dann haben wir in dieser Zeit weiterhin keine vorgezogenen Ferien, die man anderswo kappen muss, sondern weiterhin möglichst viel Unterricht aus der Ferne. Aber im Moment können wir nur auf Sicht fahren. Wenn die Schulschließungen bis in den Sommer dauern, werden wir anders darüber nachdenken müssen.

© SZ.de/berk
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