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Schulkritik von Remo H. Largo:Kinder sind verhinderte Lerngenies

Ausgerechnet die wichtigste Größe, die Schüler, bekommt Largo aber kaum zu fassen. Es gehe hier vor allem um die "Kompetenzunterschiede" zwischen den Schülern, schreibt der Forscher. Ob schlechte Schüler gute nach unten ziehen, inwiefern begabte Schüler andere mitziehen, dies lässt Largo leider offen. Doch gerade das beschäftigt viele Eltern.

Spannend wird es da, wo der Schweizer konkret wird: Was heißt das nun für die Arbeit der Schulen? Largo will Druck von den Kindern nehmen, ihnen die Zeit geben, zum Stoff zu kommen, statt ihnen den Stoff einzubläuen. Denn die Neugier ist da. "Kinder sind eigentliche Lerngenies", schreibt Largo. Also fordert er den Abschied von sturem Auswendiglernen, von Prüfungen und Noten; sie zeigten ja nur, dass man den Kindern nicht zutraue, von sich aus lernen zu wollen. Für Largo sind das Instrumente einer "Treibjagd".

Wirkliche Chancengerechtigkeit auch für Kinder ärmerer oder zugewanderter Eltern sieht er längst nicht erreicht. Er warnt allerdings zugleich vor dem Traum, dass alle Kinder einst Abitur machen könnten. Auch das zählt zur Individualität: Die Anlagen seien eben unterschiedlich und deshalb nicht jeder Schüler für den Hochschulabschluss geeignet.

Lehrer mutieren selbst zu Lernenden

Was also muss sich ändern? In Largos neuer Bildungswelt mutieren die Lehrer selbst zu Lernenden, eignen sich Wissen an über die kindliche Entwicklung und können so ihre Schüler passgenau fördern. Sie unterziehen ihren Unterricht einer kritischen Analyse von außen und bilden sich stetig fort. Sie arbeiten oftmals in autonomen Schulen, die neben den staatlich geführten entstehen. Die neuen Einrichtungen sind weitgehend unabhängig von den Vorgaben der Kultusminister, erhalten aber genauso Geld wie öffentliche Schulen. Jeder kann seine Schule frei wählen, Noten und Prüfungen sind verschwunden.

Das beflügelt die Phantasie in einer Zeit, in der viel debattiert wird über Leistungsdruck, über Bulimie-Lernen vor dem Abitur. Wirklich praxistauglich klingt dies aber nicht. Wie sollen Schulen - und später Hochschulen oder Arbeitgeber - verlässlich feststellen, was jemand kann, wenn es keine Noten mehr gibt? Wer greift ein, wenn Missstände autonome Schulen zum Skandalfall machen? Und ist es wirklich ein Fortschritt, wenn der föderale Flickenteppich aus 16 Schulsystemen einem Mosaik aus Tausenden autonomen Schulen weicht?

Ohne staatlichen Rahmen und Erfolgskontrolle wird die neue Bildungswelt nicht funktionieren.

Remo H. Largo: Wer bestimmt den Lernerfolg: Kind, Schule, Gesellschaft? Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2013, 112 Seiten, 9,95 Euro.

© SZ vom 25.11.2013/jobr

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