Bildung in Afghanistan Keine Mädchen auf der Abschlussfeier

Abdullah erzählt aber, die Taliban achteten sehr genau darauf, was in der Schule passiert: Sie bestrafen Schüler, die den Unterricht schwänzen, oder rügen die notorisch unterbezahlten Lehrer, die nicht zur Arbeit kommen. Das Einstiegsgehalt für einen afghanischen Lehrer liegt bei 5800 Afghani im Monat, das sind umgerechnet etwa 75 Euro. Die Islamisten veranstalteten sogar eine Abschlussfeier für die Abiturienten. Daran nahmen jedoch keine Schülerinnen teil, denn "die Taliban lassen Mädchen nur zur Schule gehen, bis sie zwölf Jahre alt sind", sagt Abdullah.

Seine Erlebnisse stehen in deutlichem Widerspruch zu den Ausführungen des Taliban-Sprechers. Abdullah hat unter schwierigsten Bedingungen seinen Abschluss gemacht, nun ist er für seine Ausbildung in die Provinzhauptstadt Kundus gezogen - selbst hier ist die Lage so gefährlich, dass er nach 20 Uhr das Haus nicht mehr verlassen kann. Trotzdem sagt er: "Vor mir liegt eine gute Zukunft, nach der Ausbildung will ich noch Betriebswirtschaft studieren." Bildung, das biete ihm die Gelegenheit, "den richtigen Weg im Leben" einzuschlagen.

Sitara wollte sich bis in die Nationalmannschaft boxen

Das sieht Sitara auch so, obwohl sie die Widerstände erlebt, Tag für Tag, weil sie ein Mädchen ist. Sie würde in der Schule gerne mehr Sport machen, aber das ist für Schülerinnen fast gar nicht vorgesehen. Sie würde gerne eine Haarspange tragen, aber der Kleiderkodex sei so streng, dass selbst so etwas verboten ist. Also hat Sitara privat Sport gemacht, geboxt, sie wollte sich bis in die Nationalmannschaft kämpfen. Das musste sie aufgeben, ihre Familie hat es untersagt. "Manchmal fühle ich mich ohnmächtig, weil wir doch etwas erreichen wollen, aber die sozialen und familiären Widerstände verhindern, dass wir uns vorwärts bewegen können", sagt sie.

Afghanistan, 15 Jahre nach dem Sturz der Taliban: Sitara besucht eine Schule, doch eine Perspektive erkennt sie in der männerdominierten Gesellschaft für sich trotzdem noch nicht. Nach wie vor gibt es in ihrer Heimat unüberwindbare Hürden für Frauen. Präsident Ashraf Ghani hat vergangenes Jahr erstmals eine Juristin für eine Richterinnenstelle am Obersten Gericht vorgeschlagen. An ihrer fachlichen Qualifikation bestand kein Zweifel. Doch eine Mehrheit im Parlament bekam die Frau nicht. Das konservative Establishment in Kabul wusste das zu verhindern.