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Schulen:Rückkehr wider Willen

Coronavirus · Dresden

Die ersten Abiturienten kamen am Montag wie hier in Dresden zurück in die Schule.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Die ersten Bundesländer öffnen ihre Schulen wieder, zunächst für die Abschlussklassen. Doch unter den Schülerinnen und Schülern regt sich Widerstand.

Thekla Koranashvili, 18 Jahre alt und Abiturientin, hat am Freitag von ihrem Gymnasium in Herford eine Mail bekommen. Sie sollte angeben, an welchen Kursen sie von diesem Donnerstag an teilnehmen möchte. Möchte, nicht muss - die Prüfungsvorbereitung für Abiturienten ist in Nordrhein-Westfalen freiwillig, das Wort ist in der Mail fett gedruckt. Zur Auswahl stehen Lernblöcke von 120 Minuten in ihren vier Prüfungsfächern, betreut von den jeweiligen Fachlehrern. Größere Gruppen, heißt es, werden aufgeteilt.

Freiwillig? Koranashvili will am Donnerstag eigentlich nicht zurück in die Schule. Das Risiko sei ihr zu groß. Einmal mit der Hand die Schulbank angefasst, dann unbewusst ins Auge, wer weiß. Ihre Mutter ist Risikopatientin. Trotzdem hat sie sich eingetragen, für Deutsch und Bio. Sie habe Nachholbedarf, sagt Koranashvili, ihr bleibe keine Wahl. "Dass der Unterricht freiwillig sein soll", findet sie, "ist nichts wert, solange die Prüfungen verbindlich sind."

Seit die Schulen in Deutschland Mitte März schließen mussten, debattiert das halbe Land darüber, wie und wann sie wieder hochgefahren werden sollen. Mit den Abschlussklassen zuerst, diese Antwort verkündeten vergangene Woche die Bundesländer. Den Anfang machen schon in dieser Woche Länder wie Nordrhein-Westfalen und Sachsen, Bayern zieht am 27. April nach. Die Entscheidung war konsequent, zumal die Länder schon Ende März beschlossen hatten, dass alle Prüfungen von der Hauptschule bis zum Gymnasium stattfinden sollen. Thekla Koranashvili darf sich als angehende Absolventin also zu jenen Schülern zählen, denen die Politik Vorfahrt in der Krise einräumt. Und wie viele andere vermeintlich Privilegierte ist sie mit dieser Rolle gar nicht einverstanden.

Wie groß der Frust in vielen Abschlussklassen ist, zeigte sich am Wochenende. Im Internet formulierten Tausende ihren Unmut unter #schulboykott oder #schulboykottNRW. Zwei Kritikpunkte dominieren dabei: Erstens seien faire Prüfungen unter den Bedingungen der Pandemie nicht möglich. Zweitens böten die Schulen nicht genug Schutz vor Ansteckung. Nicht nur die Schüler seien gefährdet, sondern auch Eltern und Großeltern. Von Schülern als "Versuchskaninchen" war die Rede.

Dass die Schulen zwar erst im Mai schrittweise wieder den Betrieb aufnehmen sollen, die Abschlussklassen aber vorher zurückkehren, hatte schon vergangene Woche Verwirrung und Kritik hervorgerufen. Ein Konzept der Kultusministerkonferenz mit konkreten Hygienemaßnahmen soll nämlich erst am 29. April vorliegen. Und die vermeintliche Ausnahmeregelung betrifft einen nicht unbeträchtlichen Teil der Schüler. In Bayern etwa sind es nach Aussage von Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) 14 Prozent. Insgesamt, wohlgemerkt. An Fachoberschulen und Berufsoberschulen sind es mehr als die Hälfte. Und freiwillig sind die Vorbereitungskurse nur für Abiturienten in NRW - für alle anderen sind sie Pflicht.

Am Wochenende erreichte deshalb eine Protestwelle ihren Höhepunkt, die schon lange anschwillt. Seit Ende März gibt es zahlreiche offene Briefe und Petitionen, die sich vor allem gegen die Abiturprüfungen richten. Auch Thekla Koranashvili sammelt im Internet Unterschriften gegen eine Politik, die den aktuellen Abiturjahrgang "zum Scheitern verurteilt" habe. Viel Zulauf erhält unter Schülern die Forderung nach einem sogenannten Durchschnittsabitur, das sich aus den bisher erbrachten Leistungen errechnet und auf Prüfungen verzichtet.

Hessen und Rheinland-Pfalz haben die schriftlichen Abiturprüfungen allerdings schon hinter sich, in anderen Bundesländern, etwa Berlin, beginnen sie diese Woche. Dass die aktuellen Proteste ihren Schwerpunkt in NRW haben (konkret auf dem Instagram-Account von Ministerpräsident Armin Laschet), liegt also einerseits daran, dass sie dort noch etwas erreichen könnten. Nicht zu unterschätzen dürfte aber noch etwas anderes sein: Zum Bündnis Schulboykott NRW, das am Montag auch vor der Düsseldorfer Staatskanzlei demonstrierte, gehören viele Schüler, die auch bei Fridays for Future aktiv sind - und deshalb über Erfahrung bei der Mobilisierung junger Leute verfügen.

Sind die Proteste also die Meinung einer Minderheit, die sich Gehör zu verschaffen weiß - oder einer Mehrheit? Letzteres, glaubt Johanna Börgermann von der Landesschüler*innenvertretung in NRW. Ihre Forderung ist die gleiche wie die von Schulboykott NRW: Jeder Schüler soll die Möglichkeit haben, die Prüfungen abzulegen. Aber keiner muss.

© SZ vom 21.04.2020
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