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Schule:Lernen über vs. Lernen mit Technologie

Insgesamt wird man, so auch bei vielen Proklamationen in Saarbrücken, von einer Stimmung erschlagen, die ausdrückt: Wir müssen das jetzt alles machen, und zwar ganz schnell, sonst wird unser Land abgehängt. "Die Zeit drängt!", sagt die Unternehmerin Susanne Klatten. "Jetzt geht es erst richtig los!", sagt Thorsten Dirks, Chef des Lobbyverbandes Bitkom. Er sagt auch, ihn interessiere in der Bildung "nicht mehr die Welt von gestern, sondern die Welt von morgen". Diese Atmosphäre, die eigentlich dem digitalen Nachholbedarf von Wirtschaft, Industrie, Infrastruktur in Deutschland gilt, überträgt sich auf die Erwartungen an die Schule - als gehe es in den Bildungsprozessen von 6-Jährigen, 11-Jährigen und 15-Jährigen um nichts anderes als erhöhte Geschwindigkeit.

Vereinzelt immerhin wird angemerkt, dass die Technik als Mittel zum Zweck der Pädagogik dienen müsse; und dass Lehrer nicht durch künstliche Intelligenz ersetzbar seien. Aber nach langjähriger Debatte über "Medienkompetenz" und Polemiken gegen die "Kreidezeit" an den Schulen bleibt oft immer noch unklar, wo es eigentlich ums Lernen über Technologie und wo ums Lernen mit Technologie geht. Sind es etwa dieselben Unterrichtsmethoden, mit denen man einerseits die IT-Fachkräfte von morgen produziert - und andererseits Bürger in allen Bereichen der Gesellschaft, die vernünftig und produktiv mit der Digitalisierung umgehen? Mit welchen smarten Anwendungen bekämpft man eigentlich Hassrede und Populismus?

Kritik kommt aus Neurologie und Psychologie

Es gibt sinnvolle Lernsoftware und mediale Anreicherungen, um bestimmte Inhalte anschaulich zu machen. Grundkenntnisse über die Innereien der digitalen Welt wird man fortan auch in der Schule lernen müssen. Und auch die alten, aber dauerhaft dominanten Kulturtechniken Lesen und Schreiben können von der veränderten Mediennutzung nicht völlig isoliert werden. Aber manche in der Digitalindustrie scheinen auszublenden: Entscheidende persönliche, mentale, staatsbürgerliche sowie für den Beruf wichtige Fähigkeiten erwirbt man nach wie vor durch Lektüre und kritische Diskussion, mit Hilfe welcher Medien auch immer. Man liest mit dem Smartphone nicht schneller als ohne.

Kritik an zu viel Eilfertigkeit kommt auch aus der Neurologie und Psychologie: Haben wir, wenn wir über die Schule reden, die gesamte Bildschirmzeit der Kinder und Jugendlichen im Tagesablauf im Blick? Die kalifornischen Experten Adam Gazzaley und Larry D. Rosen resümieren in ihrem aktuellen Buch "The Distracted Mind. Ancient Brains in a High-Tech World" (MIT Press) den Stand der Forschung ganz nüchtern: "Technologiebedingtes Multitasking im Klassenraum hat negative Wirkungen auf die schulische Leistung. (. . .) Die Forschung zeigt, dass exzessives Multitasking beim Lernen die Zeit verlängert, die man zur Bewältigung des Stoffes braucht, und auch den Stress erhöht, den der Lernende verspürt."

Weder sollten alle Grundschüler Programmierer werden, noch kann die Schule einfach Kommunikationsmedien verteufeln, die die Eltern ihren Kindern erlauben. Aber die gesellschaftliche Debatte über den richtigen Mittelweg, die hat gerade erst begonnen.