Süddeutsche Zeitung

Schule:Was tun, wenn die Lehrerin mein Kind beleidigt?

Lesezeit: 3 min

"Wie dumm bist du denn?", fragt die Lehrerin und ist auch sonst im Unterricht meist mies gelaunt. Was Schüler und Eltern unternehmen können.

Von Matthias Kohlmaier

Die Leserfrage

Die Lehrerin meiner Tochter lebt ihre schlechte Laune und persönlichen Antipathien im Unterricht offen aus. Auch beschimpft sie gelegentlich Schüler mit Ausdrücken wie "Penner" oder rhetorischen Fragen à la "Wie dumm bist du denn?". Das wirkt sich nicht nur negativ auf die Motivation der Schüler aus, auch die Noten sind schlechter geworden. Wir Eltern trauen uns kaum, uns zu beschweren - aus Angst, dass den Kindern dadurch weitere Nachteile entstehen könnten. Von der Schulleitung haben wir bei bisherigen Anfragen in der Sache keine Hilfe bekommen. Was können wir tun?

Die Antwort

"Es kann und muss auch mal hart zugehen", hat der emeritierte Schulpädagogik-Professor Hilbert Meyer über die konstruktive Lehrer-Schüler-Beziehung im SZ.de-Interview gesagt - Beleidigungen hatte er dabei allerdings nicht im Sinn. Sich gegen Lehrkräfte wie die beschriebene zu wehren, kann kompliziert und langwierig sein.

Was ein Schulleiter sagt

"Das sind absolute No-gos, was sich die Kollegin leistet", urteilt der langjährige Rektor eines bayerischen Gymnasiums. Er rät aus eigener Erfahrung aber davon ab, sich direkt an die Schulleitung zu wenden. "Leider kommen viel zu viele Eltern direkt zu mir mit ihren Beschwerden, ohne zuerst das Gespräch mit der betreffenden Lehrkraft zu suchen. Das blocke ich grundsätzlich ab und schicke die Leute zu dem Lehrer, mit dem ihr Kind ein Problem hat."

Oft ließe sich in einer Sprechstunde schnell herausfinden, dass die Wahrnehmung des Kindes womöglich einseitig ist und der Lehrer kein Problem mit dem Schüler hat. Aber natürlich - und das weiß auch der Rektor - wird kaum eine Lehrkraft in der Sprechstunde gegenüber Eltern freimütig erklären: "Klar habe ich Ihr Kind als dummen Penner bezeichnet!". Trotzdem ist das persönliche Gespräch immer der erste Schritt. "Wenn der Lehrer sich dem verweigert, ist das ein sehr deutliches Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt", sagt der Schulleiter.

Kristallisiert sich also heraus, dass das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer tatsächlich belastet ist, ist die nächsthöhere Ebene dran. An Gymnasium oder Realschule wäre das der Klassenleiter, der bei Problemen eine Vermittlerrolle einnehmen soll. Er wird die Lehrkraft persönlich ansprechen. Hilft das nicht, können Sie sich an eine Verbindunglehrkraft oder den zuständigen Stufenbetreuer wenden. Erst wenn sich auch dadurch nichts bessert, sollte die Beschwerde an die Schulleitung kommuniziert werden.

Dass hier bei ähnlichen Problemen bisher keine Unterstützung erfolgte, ist sehr überraschend. Der befragte Schulleiter hat dazu eine klare Meinung: "Wenn der Lehrer etwas falsch macht, bin ich als Vorgesetzter verpflichtet, das aus der Welt zu schaffen. Und wenn er alles richtig macht, gibt es für die Schulleitung bei Beschwerden keinen Grund, sich wegzuducken."

"Ungerechtigkeiten werden noch öfter kommen im Leben"

Bleiben Sie also hartnäckig und, ganz wichtig, belegen Sie Ihre Anschuldigungen. Notieren Sie, in welcher Stunde die Lehrkraft ein Kind wie beschimpft hat. Wenn so etwas passiert, bekommt das ja gewöhnlich auch der Rest der Klasse mit und kann es später bezeugen.

Spielt Antipathie sogar bei der Notengebung eine Rolle, sieht der Schulleiter verschiedene Möglichkeiten: "Geht es um eine vermeintlich ungerecht bewertete Schulaufgabe, kann ich anordnen, dass sie vom Fachbetreuer nachkorrigiert wird. Bei mündlichen Noten ist die Beweislage natürlich schwieriger. Hier würde ich den Kollegen fragen, wann und wie er die Note gemacht hat." Das ist aber wirklich erst der letzte Schritt der Eskalation.

Was eine Schulpsychologin sagt

Schüler und Lehrer können nicht immer beste Freunde sein. Wenn die schlechte Beziehung sich aber auf die Motivation auswirkt, kann das langfristig Probleme bedeuten. Daher sollten Sie gegensteuern und eventuell das Beratungsangebot an der Schule wahrnehmen. "Ungerechtigkeiten werden noch öfter kommen im Leben", sagt die Münchner Schulpsychologin Michaela Huber, "man braucht Strategien, wie man damit umgeht."

Huber warnt davor, als Elternteil zu sehr mit dem eigenen Kind mitzuleiden. Wenn Eltern sich zu sehr einmischten und das Kind in seiner Situation immer weiter bestätigten, täten sie ihm nichts Gutes. Besser sei es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Auch Michaela Huber versucht in Beratungsgesprächen, betroffene Kinder zu ermutigen, mit dem Problem umzugehen - ohne dass sie selbst sofort den beschuldigten Kollegen konfrontiert. "Wenn man sich da zu schnell vor den Karren spannen lässt, trägt man dazu bei, das Kind noch weiter zu entmündigen. Und das, obwohl es sich in der Situation mit dem Lehrer schon entmündigt sieht."

In der Beratung geht es Huber darum, Schüler anhand ihrer eigenen Persönlichkeit zu coachen. Ist das Kind selbstbewusst, unterstützt sie es dabei, selbst das Gespräch mit dem Lehrer zu suchen. Ist es eher unsicher, wird es darum gehen, mit unterschwelligeren Methoden zu arbeiten. "Woran genau mache ich meine Einstellung fest? Wie kann ich meine Einstellung überprüfen?" - Antworten auf diese Fragen erarbeitet sie mit schüchternen Kindern gemeinsam. So bekommt das Kind im Idealfall eigene Strategien an die Hand, mit denen es sich auch künftig bei ähnlichen Streitereien zu helfen weiß.

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