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Schule:Nehmt den Kindern ihre Konflikte nicht weg!

Der Fall aus dem Berliner Umland ist sicherlich ein Extrembeispiel, aber nicht singulär. Fachleute wissen viele solcher Geschichten zu erzählen, die aus menschlicher, pädagogischer und gesellschaftlicher Perspektive fast so beängstigend wirken wie die Drogen-Drohungen für den elfjährigen Oskar: Im Hamburger Umland wurde im vergangenen Sommer ein Siebenjähriger der Schule verwiesen, weil er seiner Lehrerin "sexistisch" auf den Po gehauen haben soll. Und in München flog ein Elfjähriger von der Schule, der einer Lehrerin ein Verhältnis mit einem Schüler angedichtet hatte. Erst ein Gericht hob den Verweis im Sommer 2015 wieder auf. "Ich mache seit 35 Jahren Schulrecht", sagte der Anwalt des Jungen, Peter Wichmann, der SZ nach dem Urteil, "aber ich habe noch nie zweieinhalb Stunden über das Schulhofgeplapper von Elfjährigen verhandeln müssen."

Es ist völlig inakzeptabel, wenn unter Erwachsenen Sex-Gerüchte in Umlauf gebracht werden, um die Ehre einer Person zu zerstören. Und niemand verlangt, dass sich Lehrerinnen von ihren Kollegen oder einem 17-Jährigen auf den Po tatschen lassen und danach nur freundlich lächelnd den Zeigefinger heben dürfen. Aber Sexismus mit sieben?

Wer solche Register zieht, skandalisiert Vorfälle, über die man ein paar Tage später schon wieder lachen könnte. Auch die Kinder könnten das, wenn man sie nur ließe. Denn Kinder sind Großmeister im Vertragen. Oft schaffen sie das ganz von allein; manchmal hilft es, wenn kindliche Schlichter oder unvoreingenommene Erwachsene dabei helfen. Doch heute werden Verweise verteilt, bevor Schüler ihren Konflikt miteinander lösen können. Die Streithähne werden sprachlos getrennt, der vermeintliche Täter ausgestoßen und geächtet. Dabei leiden selbst extreme Störenfriede, von denen man annehmen würde, dass sie froh sind, nicht mehr zur Schule gehen zu müssen, extrem unter einem Ausschluss vom Unterricht, sagt Kristin Werschnitzke. Der Wunsch nach Gruppenzugehörigkeit ist gerade unter Heranwachsenden groß. Hier wird nicht nur Gewalt mit Gewalt begegnet. Es werden auch Chancen vertan, Streitereien als das zu sehen, was sie nämlich auch sind: Grenzüberschreitungen, mit denen Heranwachsende etwas fürs Leben lernen.

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Nehmt den Kindern ihre Konflikte nicht weg!, hat der im vergangenen Jahr verstorbene norwegische Soziologe Nils Christie immer wieder betont. Kinder und Jugendliche müssen lernen zu streiten und sich wieder zu vertragen. So heilen auch die Verletzungen, die im Streit entstehen. Wenn Konflikte immer nur von außen beendet werden, leidet nicht nur der bestrafte Täter, sondern auch das Opfer. "Wenn Eltern, Polizisten oder Lehrer die Sache für ein Kind regeln, wird es nicht stark", sagt die Berliner Kriminologin und Pädagogin Lydia Seus. "Es bleibt das Opfer, dem andere aus der Patsche helfen müssen."

Kurz nach der Klassenfahrt der 5b zwang eine Lehrerin alle Kinder, auf dem Weg in die Pause an Oskar vorbeizudefilieren, ihm in die Augen zu blicken und "Entschuldigung" zu sagen. Die Lehrerin hatte wohl nur Gutes im Sinn. Aber Eltern, die von der Aktion hörten, fragten zu Recht: "Glauben Sie wirklich, dass einem Kind, das offensichtlich einen schweren Stand in der Klasse hat, eine solche Aktion weiterhilft?" Oskar wurde die Chance verwehrt, selbst wieder die Zügel in die Hand zu nehmen. Er blieb ein Außenseiter. Fast überflüssig zu erwähnen, dass seine Eltern ihn nach den Sommerferien auf eine andere Schule schickten. Für ihn werden die Geschehnisse eine Niederlage bleiben.

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Keine Frage: Lehrer haben es in diesem Land nicht leicht. Ständig werden sie von ehrgeizigen und überfürsorglichen Eltern bedrängt. Die Sorge, etwas Schlimmes zu übersehen, wächst. Auch die Rektorin der Berliner Schule berichtet, wie massiv Oskars Eltern aufgetreten seien. Und als nach deren Anzeige noch zwei Polizisten im Schulsekretariat auftauchten, wollte sich die Rektorin mit der Schulverweisung der beiden Jungs erst einmal Luft verschaffen.

Und trotzdem: Lehrer dürfen sich nicht so unter Druck setzen lassen. Dass Gewalt, egal ob seelischer oder körperlicher Natur, heute weithin geächtet wird, ist an sich eine zivilisatorische Errungenschaft. Es ist gut, dass die Unversehrtheit des anderen viel höher bewertet wird als noch vor 30 Jahren. Aber diese Entwicklung darf nicht zu Übersensibilitäten führen, in deren Namen Schule und auch Eltern vor grundlegenden Erziehungsaufgaben kapitulieren.

Kinder und Jugendliche heute sind nicht gewalttätiger als früher. Im Gegenteil. Sie werden überwiegend gewaltfrei erzogen und durchlaufen schon im Kindergarten "Faustlos"-Programme zur friedlichen Konfliktbewältigung. Zweifelsohne gibt es einzelne Schüler, die mit Messern in die Schule kommen, dort volksverhetzende Schriften verbreiten oder Mitschüler quälen. Aber allein in den vergangenen zehn Jahren ist die Jugendgewalt um mehr als 15 Prozent gesunken - körperliche Gewalt ebenso wie Mobbing, dem heute so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Zugleich ist die Bereitschaft, Delikte von Heranwachsenden anzuzeigen, um 12 Prozent gestiegen, wie Wissenschaftler des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) feststellten.

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