Schule:Stress am Morgen

Schulbeginn in Baden-Württemberg

Der Schulbeginn verheißt Stress für Kinder und Eltern.

(Foto: dpa)

Pünktlich zum Schulanfang melden sich alljährlich die Schlafforscher zu Wort. Auf dieses Ritual könnte man gerne verzichten.

Kommentar von Sebastian Herrmann

Jetzt geht das schon wieder los. Kind eins hat sich im Badezimmer auf dem Boden eingerollt und schläft wieder, statt sich die Zähne zu putzen. Kind zwei, das kleinere der beiden, verziert den Familienmorgen mit einem Wutanfall. Es will eine andere Hose anziehen als jene, die ihm seine Eltern rausgelegt haben.

Die Laune von Mutter und Vater schwankt zwischen Zorn und Verzweiflung, und eigentlich wollen sie es ihren Kindern nachmachen: Erst einen kleinen Wutanfall hinlegen, dann in Embryonalhaltung im Badezimmer auf dem Duschvorleger weiterschlafen. Aber geht ja nicht, wir sind spät dran, zack, zack, gleich müssen wir los, und Frühstück nicht vergessen, weil Frühstück ist total wichtig, und mit leerem Magen aus dem Haus zu gehen, ist total schlecht. Hurra, die Schule hat wieder begonnen.

Zu den vielen Ritualen rund um den Schulanfang zählt auch, dass die Zunft der Schlafforscher diesen Anlass stets nutzt, um gegen die schlimmen Folgen des frühen Schulbeginns zu argumentieren. Schon um acht Uhr im Klassenzimmer zu sitzen, widerspreche dem menschlichen Biorhythmus, dem kindlichen sowieso. Das schade dem Lernerfolg, der späteren gedeihlichen Entwicklung und könne überhaupt krank machen. Im Zuge des bizarren Wirbels rund um die mögliche Abschaffung der Zeitumstellung warnen Schlafforscher zu diesem Schulbeginn mit besonderer Verve: Diabetes, Depressionen, Schlafstörungen, Übergewicht! Und akademisch abgehängt würde Deutschland sowieso.

Manche Rituale ermüden, so auch dieses. Ja, die Hetzerei in der Früh ist fürchterlich, und bestimmt können Kinder von einem späteren Schulbeginn profitieren. Aber wer überzeugt die Arbeitgeber der Eltern, dass sie später im Büro, im Laden oder anderswo auftauchen werden? Der Alltagstakt der Erwachsenen ist nämlich meist das eigentliche Problem hinter der ganzen Sache: Schon der Schulanfang um acht Uhr bringt einen ziemlich regelmäßig ins Schwimmen und setzt einen kräftig unter Druck. Eigentlich müsste man selbst viel früher los, um all die To-do-Listen abzuarbeiten und den ganzen ausufernden Kram zu erledigen, der in so vielen Betrieben von einer immer kleineren Zahl von Menschen erledigt werden soll.

Über den frühen Schulschluss haben wir da noch gar nicht lamentiert: Um diesen spinnen sich Eltern-Katastrophen-Erzählungen, die von verzweifelten Versuchen handeln, einen Platz in einer Mittagsbetreuung zu ergattern, damit sich die eigene Erwerbsbiografie nicht zur Tragödie entwickelt. Und so reagiert man auf die regelmäßig mahnenden Worte aus dem Munde der Schlafforscher wie ein bockiges Kind, das die Eltern zu morgendlicher Eile antreiben: Man ignoriert die mahnenden Worte leicht genervt, selbst wenn sie zutreffen.

© SZ vom 15.09.2018
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